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Schulstart in München:Mit Beziehungsarbeit gegen die Lücken

Förderlehrerin Hannah Nadolny darf laut Ministeriumsverordnung nicht mehr ins Schulgebäude rein, weil sie schwanger ist und damit ein Corona-Risikofall. Vor dem Haupteingang zur Grundschule am Winthirplatz 6.

Förderlehrerin Hannah Nadolny vor der Grundschule am Winthirplatz - unterrichten darf sie wegen ihrer Schwangerschaft nur noch online.

(Foto: Florian Peljak)

Hannah Nadolny ist Förderlehrerin in einer Münchner Grundschule. Sie sorgt sich nach den Corona-Monaten um das, was viele Kinder verpasst haben. Nicht nur beim Wissen, sondern auch im Sozialen.

Von Ekaterina Kel

Es sind Schicksale wie diese, die Hannah Nadolny Sorgen machen: Eine Erstklässlerin, erst seit Kurzem in Deutschland, ohne Zugang zum Internet. Während der Ausgangsbeschränkung sei es sehr schwer gewesen, zu ihr durchzudringen. Wie sollte Nadolny die Kleine fördern? Wie die dringend nötigen Deutschkenntnisse vermitteln? Wie mit ihr die Aussprache, den Wortschatz üben?

Nadolny hatte Angst, Schüler wie dieses Mädchen könnten "völlig runterfallen". Irgendwann hätten die Eltern der Schülerin ein altes, gebrauchtes Smartphone auftreiben können. Aber: "Da brauche ich mit Screensharing nicht ankommen", sagt Nadolny. Die 27-Jährige ist Förderlehrerin an der Grundschule am Winthirplatz. Bei ihr geht es um das Elementarste: Das Verbessern von Sprachkenntnissen, die Festigung von Vokabeln, das Verständnis einfachster Rechenübungen, immer und immer wieder, bis es sitzt und bis es für den Schüler weitergehen kann.

Der Schock über den pädagogischen Lockdown ist mittlerweile verarbeitet. Was bleibt, sind die Wissenslücken, die die vergangenen Corona-Monate bei vielen Schülern gerissen haben. Man kann "digitale Endgeräte" besorgen, Arbeitsblätter per Videochat verschicken, aber "das stärkt das soziale Lernen nicht", sagt Nadolny. "Das ist nicht so leicht aufholbar."

Nie war die individuelle Förderung so wichtig wie jetzt, nachdem einige leistungsschwache Kinder, aus sozial benachteiligten Familien oder solchen, die erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen sind, wegen coronabedingter Einschränkungen zu kurz gekommen sind. Aber das Problem reicht noch viel weiter: An fast jeder Schule, egal welche Form, gibt es Schüler, die Lerninhalte verpasst oder nicht ausreichend verstanden haben, die nur auf Probe in die nächste Klasse vorgerückt sind. Wegen Corona fehlten ihnen am Ende des Schuljahres einige Noten, aber das bayerische Kultusministerium und die Lehrerkonferenzen sorgten für großzügige Ausnahmen. Jetzt müssen die Kinder beweisen, dass sie sie verdient haben.

Schüler und Eltern stünden mehr denn je unter Druck, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Note abzuliefern, sagt Linda Summer-Schlecht, Münchner Sprecherin des bayerischen Elternverbandes. Die Frage nach der Förderung beschäftige die Eltern sehr. Summer-Schlecht fordert, dass vor allem jetzt die Fixierung auf die Noten etwas in den Hintergrund treten sollte. Viel wichtiger sei die Frage: "Was hat der Schüler wirklich gelernt?" Wenn er die Hälfte des Stoffs gar nicht verstanden habe, bei den Aufgaben einfach Zufallstreffer erzielt habe oder sichtlich hinterherhinke, müsse er zunächst dort "abgeholt werden, wo er steht". Das erfordere viel Engagement vom Lehrer, im Zweifel das Kind noch etwas mehr und noch individueller zu fördern. Eine besondere Herausforderung, wenn man bedenkt, dass je nach Voraussetzungen Zuhause der Wissenstand innerhalb einer Klasse noch mehr als sonst stark variieren kann. Hat das Kind Eltern, die regelmäßig mit ihm die Aufgaben durchgegangen sind? Haben sie ihm vielleicht jetzt schon einen privaten Nachhilfelehrer besorgt? Oder, hatten sie, wie die Erstklässlerin von Hannah Nadolny, noch nicht einmal ein Gerät, mit dem sie die Aufgaben empfangen konnten?

Tatsächlich hat das Kultusministerium den gestiegenen Bedarf an Förderung bedacht und beschlossen, dass es mehr sogenannte Brückenprogramme geben soll. Die ministeriale Formulierung lautet allerdings sehr allgemein: "Im Schuljahr 2020/2021 werden die bayerischen Schulen zusätzliche Förderangebote einrichten. Der Schwerpunkt der Angebote wird auf den Fächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen (Kernfächer) liegen. (...) Die Angebote werden in der Regel bis zu den Allerheiligenferien eingerichtet."

Als "positives Signal" bewertet Summer-Schlecht diese Anweisung. Jedoch seien die Vorgaben etwas ungenau. Das Ministerium macht auf Nachfrage keine präziseren Angaben zur Anzahl der zusätzlichen Förderstunden oder zum Budget. Eine Sprecherin lässt lediglich wissen, dass für diese Angebote Lehrerstunden zusätzlich zu den Pflicht-Stunden zugewiesen wurden. Außerdem sei eine Integration in "bereits bestehende Rahmenkonzepte zur individuellen Förderung an den Schulen" möglich, heißt es.

Da sind dann also wieder Förderlehrer wie Nadolny gefragt. Weil sie schwanger ist, darf sie in den kommenden Monaten allerdings die Schule nicht betreten - sie gilt wegen Corona als Risikofall. Natürlich werde sie ihre Schüler per Onlineplattform mit Aufgaben versorgen, sagt sie. Aber im Idealfall passiere Förderung von Angesicht zu Angesicht, parallel zum Regelunterricht. Sie nehme die Förderschüler in Absprache mit den Lehrern aus der Klasse heraus und gehe mit ihnen in einem anderen Raum den Stoff durch. Im Zentrum stehe das individuelle Bedürfnis, erklärt sie. Das sei angesichts des Raum- und Personalmangels nicht mehr machbar, denn Kollegen müssten die Schüler betreuen, während sie sich online mit ihnen verbindet. Vieles werde ohnehin auf ihre Förderlehrer-Kollegen abfallen, falls wieder Distanzunterricht für alle ansteht. Oft werde man als Lehrerersatz und nicht zur Förderung eingesetzt, sagt Nadolny. Schon vor der Pandemie war das ein Thema, nun verstärkt sich die Tendenz. Nadolny möchte sich deshalb für die Stärkung ihrer Berufsgruppe einsetzen und leitet seit Juni die Fachgruppe der Förderlehrer im Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband.

"Der pädagogische Beruf, das ist Beziehungsarbeit", sagt deren Vorsitzende Waltraud Lučić. "Wir haben schon Kinder verloren", sagt sie und meint damit, dass manche große Schwierigkeiten haben werden, das Versäumte je wieder aufzuholen. Nicht nur den Stoff oder die Grammatik. Sondern auch soziale Fähigkeiten, die man nur in der echten Interaktion vermitteln kann.

"Das Bedürfnis nach sozialer Interaktion ist sehr groß", weiß zum Beispiel auch Johannes Jannasch, der als gelernter Schauspieler auf Honorarbasis Förderkurse gibt. Und zwar eine Tür weiter von Nadolnys Grundschule, an der Mittelschule am Winthirplatz. Dort hilft man sich mit sogenannten Honorarkräften und einem privaten Förderverein weiter. Jannasch versucht, den Kindern soziale Kompetenzen beizubringen, das Zusammensein, sich in einer Gruppe zu verhalten, gemeinsam kreativ werden. Es klingt abstrakt, aber: "nur den Lernstoff kognitiv reinzuballern, funktioniert nicht", sagt er.

"Die Unsicherheit im Hintergrund hemmt die Kinder beim Lernen", weiß Nadolny. Ihre Schulkinder hätten sie in der Videoapp gefragt: "Du gehst auch nicht weg?", oder: "Machen wir das jetzt öfter?". Wie schließt man also die sozialen Lücken, um die Wissenslücken ebenfalls zu schließen? "Das kann nur mit Kontinuität und Stabilität geleistet werden", sagt Nadolny. Und die könne einem in diesen Zeiten keiner garantieren.

© SZ vom 07.09.2020/infu
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