Sina und Lena hatten Streit. Die Details sind nicht so wichtig – und ihre echten Namen auch nicht. Im Grunde ging es um nichts Schlimmes, aus Erwachsenensicht zumindest. Doch für die zwei achtjährigen Mädchen war die Situation gleichermaßen belastend. Und so gingen die beiden an einem Donnerstag zu Gabi Horsmann, um darüber zu sprechen. Erst erzählte die eine ihre Sicht, während die andere zuhörte, dann wechselten die beiden die Rollen. Horsmann moderierte das Gespräch, stellte Fragen. Kein Löchern, kein Drängen, stattdessen ganz sacht, wie eine sanfte Brise, die den Kindern etwas Rückenwind gab auf dem Weg in die Richtung, in die sie ohnehin schon unterwegs waren.
Drei Wochen später sitzen die beiden wieder bei Horsmann und erzählen, was vorgefallen war. Wie sie sich dabei gefühlt haben. Wie sie nicht wussten, wie es der jeweils anderen dabei ging. Dass sie es jetzt aber sehr wohl verstehen. Dass ihnen der ganze Streit leid tut. Und dass sie einander schließlich gern haben und Freundinnen sind. Wenn man all das hört und sieht, wie die beiden Mädchen miteinander kichern, dann ist klar, was sie davon haben, dass Gabi Horsmann gemeinsam mit ihrem Tandempartner vom Verein „Seniorpartner in School“ (SiS) in ihre Grundschule an der Zielstattstraße in München-Obersendling kommt: Als Schulmediatoren unterstützen sie die Kinder dabei, Streitereien und Konflikte selbst zu lösen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Gefühle auszudrücken, einander zuzuhören und Rücksicht zu nehmen.
Eine wichtige Sache, wie der Bayerische Landtag kürzlich befunden hat. Er zeichnete das Projekt, das es mittlerweile an 75 Schulen in ganz Bayern gibt, mit dem zweiten Platz des Bürgerpreises 2025 aus. „SiS leistet ... einen Beitrag zum wertschätzenden und friedfertigen Umgang der Lernenden untereinander und somit auch zur Entwicklung der Demokratiefertigkeit“, heißt es in einer Pressemitteilung dazu. Die Warteliste an Schulen, die das Projekt bei sich integrieren möchten, ist lang.
Und Gabi Horsmann? Was hat die 68-jährige Münchnerin von ihrem Ehrenamt?
„Der Umgang mit meinem Mann ist anders geworden“, sagt Horsmann, sie lacht dabei. Für ihr Ehrenamt hat sie eine Ausbildung zur Mediatorin durchlaufen, vier Module, jedes davon dauerte einen Tag. Die Basis der Ausbildung ist das Handlungskonzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) des amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg. Im Kern ist es ein Fahrplan, um sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen und sie als Wegweiser zu Bedürfnissen zu verstehen. Also nicht, „du warst gemein zu mir, weil du mich von der Schaukel geschubst hast“, sondern „als du mich von der Schaukel geschubst hast, habe ich Angst bekommen, dass du mich nicht mehr magst, weil ich mir wünsche, dass wir Freunde sind“.

Auch in einer langjährigen Ehe habe jeder bestimmte Triggerpunkte, sagt Horsmann. Da gehe es zwar nicht mehr ums Schaukeln, aber das Prinzip dahinter sei im Grunde das gleiche. „Jetzt verstehe ich die Triggerpunkte viel besser.“ Durchs Ehrenamt zur noch harmonischeren Ehe, das ist ja schon mal was. Für Horsmann aber längst nicht alles.
Der neue Lebensabschnitt nach den Jahren der Berufstätigkeit kann gesundheitliche Risiken bergen
„Vier bis fünf Jahre nach Ende der beruflichen Tätigkeit ist das Risiko am größten, dass eine Demenz ausbricht“, sagt die Ärztin. Risikofaktoren für die Gedächtniskrankheit sind mittlerweile gut erforscht. Darunter sind soziale Isolation sowie geistige und körperliche Inaktivität diejenigen, die mit dem Eintritt in den Ruhestand ansteigen – die man jedoch recht gut steuern kann. Eine Tätigkeit, bei der man im persönlichen Kontakt mit Kindern stehe, sich auf sie und ihre Bedürfnisse einlassen müsse, „so ein Ehrenamt senkt sogar das Demenzrisiko, das ist eine super Prävention“, sagt Horsmann.
Sina und Lena warten bereits vor dem Zimmer mit der Glasfront im ersten Stock, das Horsmann und ihr Kollege jeden Donnerstag während des Schuljahres in den „Raum der guten Lösung“ verwandeln – der Kollege ist an diesem Tag nicht da. Ein Sichtschutz vor der Glaswand garantiert den Kindern einen geschützten Raum, die Gespräche sind vertraulich. Als die Schulmediatorin nach draußen geht, um die Mädchen hereinzubitten, wird sie von zwei breit grinsenden Gesichtern begrüßt. Sina und Lena sind freiwillig hier, das ist ein wichtiger Pfeiler bei SiS. Und nicht nur das: Sie sind gerne hier. Hier, bei Gabi Horsmann.
„Für mich war das seltsam, weil ich noch nie über meine Gefühle gesprochen habe“, vertraut sich eines der Mädchen wenig später Horsmann an. Sie sagt es, ohne dass die 68-Jährige danach gefragt hat. Ein paar Augenblicke bleibt die Schulmediatorin still, als ob es ihr die Sprache verschlagen hätte. „Wisst ihr“, setzt sie schließlich an, „mir tut das wirklich gut, wenn ihr das so erzählt, weil ich will ja, dass es euch gut geht.“

Wohnung weg, Laden weg - mit 80:„Am Anfang dachte ich, ich pack's nicht“
Lina Schröder betreibt seit 50 Jahren ein kurioses Geschäft in Schwabing, mit Dingen aus aller Welt. Nun muss sie raus. Sie sagt: „Es ist mein Leben, was da gerade verloren geht.“
Der Wunsch, dass es anderen gut geht, zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Gabi Horsmann. Sie ist Ärztin, ihr Traumberuf, wie sie sagt. Deshalb arbeitet sie auch weiterhin einen Tag in der Woche in einer Praxis. Bereits einige Jahre vor dem Ende ihres Berufslebens begann sie, sich Gedanken über diesen neuen Lebensabschnitt zu machen. Viele würden dann reisen, sich um den Garten kümmern, Projekte im Haus anfangen, ein Seniorenstudium aufnehmen oder auf die Enkelkinder aufpassen. Ihr ist es wichtig, keine dieser Tätigkeiten schlecht zu reden. Nichts davon sei weniger wert als ihr Ehrenamt mit den Grundschülern, das betont sie mehrmals. Letztlich sei es vielleicht Typsache, und für ihren Typ habe das einfach nicht ganz gepasst.
„Ich lebe von der Verbindung zu Menschen, von einem intensiven Kontakt zu ihnen“, sagt sie. „Das ist wie ein Lebenselixier für mich, dadurch fühle ich mich lebendig.“ Kranke Menschen würden anders mit einem sprechen. Offener, ehrlicher, emotionaler. Nicht für jeden etwas, dieses Maß an Intensität. Für Horsmann aber genau das Richtige.
Könnte darin eine Parallele liegen zu ihrem Ehrenamt mit den Grundschulkindern? Weil die Verbindung zu ihnen eine ähnliche Tiefe hat wie die zu Kranken – weil auch Kinder mit einer Offenheit und Intensität kommunizieren, die eine besondere Form von Lebendigkeit spürbar macht? Der Kontakt zu den Schülern also als neues Lebenselixier?

Horsmann nickt leicht, nicht als Zustimmung, sondern wie man nickt, um sich noch etwas Zeit bis zur Antwort zu verschaffen, wenn man über das Gesagte noch kurz nachdenken muss. „Ja“, sagt sie schließlich und zieht dabei den Vokal in die Länge, „das kann gut sein.“ Dann nickt sie wieder, diesmal kräftiger.
Ihr ist nicht nur eine Verbindung zu Menschen an sich wichtig. Es geht ihr auch um das Verbindliche in ihrem Ehrenamt: das Gefühl des Gebrauchtwerdens, dass sie jede Woche ihren festen Tag an der Schule hat. Und dass es den Grundschülern nicht egal ist, ob sie kommt oder nicht, so viel wird aus Horsmanns Erzählungen klar. „Wenn die Kinder im Pausenhof dann auf einen zustürmen und einen umarmen ...“ Sie beendet den Satz mit einem Lachen. Ihr geht es um die Bedeutung dessen, was sie tut. Nicht um Bestätigung.
Am Ende sagt Gabi Horsmann Sina und Lena noch etwas: „Nächstes Schuljahr, wenn ich euch wieder sehe, dann bringe ich euch eine Kleinigkeit mit – weil ihr heute so toll mitgemacht habt.“ Da werden die Augen der Mädchen groß, sie blicken einander an, als ob sie ihr Glück kaum fassen können. Glück, dass sich in Horsmanns Augen spiegelt.
Wer Interesse an einem Ehrenamt bei „Seniorpartner in School“ hat, kann am Dienstag, 23. September, um 16 Uhr zu einem Informationstreffen in München, Tassiloplatz 25, kommen. Nähere Informationen über Gabi Horsmann unter g.horsmann@sis-bayern.de.
In unserer Serie „Tut gut“ stellen wir in loser Folge Münchnerinnen und Münchner vor, die durch eine Tätigkeit oder an einem besonderen Ort Glück und Zufriedenheit finden.

