Süddeutsche Zeitung

Münchner Start-up:"Schule darf auch mal cool sein"

Weil die Digitalisierung der Schulen nur schleppend vorankommt, haben Matthias Schadhauser und Philipp Kramer eine App entwickelt, die das Chaos im Computer beseitigen soll.

Von Lisa Miethke

Matthias Schadhauser kennt das Zettelchaos seiner Schüler gut. Seit mehr als zehn Jahren gibt er Nachhilfe. Oft sei ihm aufgefallen, sagt er, wie schwer sich Schüler mit der Ordnung am Schreibtisch tun. Das gelte selbst für die Schüler, die digital mit einem Tablet arbeiten: "Sie erstellen darauf dann zig Ordner und haben am Ende Tausende unbenannte Dokumente, das sieht nach ein paar Wochen sehr chaotisch aus", sagt Schadhauser.

Das ist die eine Seite. Die andere: Ihn erreichten häufig Beschwerden seiner Schüler, dass der Wandel von Analog zu Digital nicht schulen- oder klassenweise stattfinde, sondern schülerweise. "Ein Schüler entscheidet sich, digital zu arbeiten, kauft sich das Gerät und ist dann vielleicht einer von fünf aus der ganzen Klasse, der mit einem Tablet arbeitet. Der kriegt dann meistens auch keine Empfehlungen von den Lehrern, sondern muss selbst schauen, wie er damit arbeitet", sagt Matthias Schadhauser.

Dass Schüler Ärger bekommen, wenn sie im Chaos versinken, nicht aber Hilfe, weiß er noch aus seiner eigenen Schulzeit: "Ich habe immer Anschiss bekommen, wenn ich damals mit den losen Blättern rumgerannt bin", sagt er. So kam ihm gemeinsam mit Philipp Kramer, beide 26, die Idee ihres Projekts. Eine Mitschrift-App für das Tablet, genannt "wryte", die das digitale Chaos der Schüler beseitigen soll. "Bei wryte kannst du nicht einfach ein loses Dokument erstellen, sondern du gibst deinen Stundenplan ein und die App erstellt automatisch die richtigen Hefte und Fächer für dich", erklärt Philipp Kramer.

Um den Schülern den eigenständigen Schritt in die digitale Richtung zu ermöglichen, steckten sie viel Mühe in ihr Projekt.

Die beiden Münchner kennen sich schon seit 2014, nach ihrem Studium entschieden sie sich gegen einen Master oder den klassischen Arbeitseinstieg. Stattdessen entstand im Januar 2020, zwei Monate vor Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland, die Idee ihres heutigen Start-ups.

Dass nur wenige Zeit später die landesweiten Schulschließungen Millionen Schüler nach Hause schickten und den Sprung zur digitalen Lehre befeuerten, konnten sie damals nicht wissen. "Natürlich hat uns das mit der Geräteinfrastruktur geholfen", sagt Kramer, viele Schüler stiegen während der Pandemie auf ein Tablet um, "aber wir sind keine Corona-Lösung für das Homeschooling".

Dass die Pandemie zudem wie ein Brennglas für die Gräben zwischen privilegierten und weniger privilegierten Schülern wirkte, ist ihnen bewusst. "Wir wollen keine Bildungsungleichheit fördern", sagt Schadhauser. Das Thema sei schwierig, doch "wir wollen den Schülern, die digital arbeiten möchten, auch keine Lösung vorenthalten".

Unverständnis bei Schulleitungen

Also bemühten sie sich monatelang um die Ausarbeitung ihres Businessplans, suchten parallel nach Zielunternehmen, die ihre App-Idee umsetzen würden, sprachen mit Schulen, Lehrern und Mitarbeitern der Kultusministerien, ob ihre Idee denn auch Sinn ergeben würde. Vor allem bei Schuldirektoren stießen sie teils auf fehlendes Verständnis: "Ein großes Argument war, dass sie das nicht brauchen, weil sie an der Schule schon Microsoft Teams haben", sagt Schadhauser. "Aber Teams ist ja nur eine Plattform zum Austausch von Schulen und Schülern." Das führe zurück auf das Grundproblem: Bisher werde in den Schulen vieles genutzt, das nicht wirklich auf Schüler zugeschnitten sei. Anders soll das bei ihrer App sein - sagen sie zumindest: "Wir denken immer aus der Schülerperspektive", betont Kramer. Daran fand offenbar auch Adesso Gefallen, eines der führenden IT-Dienstleistungsunternehmen in Deutschland. Seit September 2020 arbeiteten die Gründer zusammen mit Entwicklern von Adesso an der technischen Ausarbeitung der Mitschrift-App, seit Anfang April ist sie im App-Store erhältlich.

Für die beiden Gründer ein Erfolg - wenn auch damit noch längst nicht alles geschafft ist. Denn das Herzstück der App, die sogenannten Micro Sessions, soll erst noch folgen: "Mir schreiben viele meiner Nachhilfeschüler, die ich nicht wöchentlich sehe, manchmal über Whatsapp eine kurze Frage", sagt Schadhauser. Diese zu beantworten, dauere meist nicht länger als ein paar Minuten. Weil sich das viele Schüler gewünscht hätten, mit denen Kramer und Schadhauser im engen Kontakt stehen, soll das zukünftig auch über die App möglich sein. Auch bei kleineren Fragen sollen sich Schüler auf Knopfdruck mit einem Nachhilfelehrer verbinden können, der seine Notizen in Echtzeit in das digitale Heft der Schüler übertragen kann.

Matthias Schadhauser und Philipp Kramer haben aber noch weitere Ideen: mithilfe von künstlicher Intelligenz den Stoff der letzten Stunde abfragen, basierend auf den vergangenen Hefteinträgen Zusammenfassungen erstellen, mit der Schule verlinkte Vertretungspläne, Hausaufgaben von der App korrigieren lassen - all das soll in Zukunft möglich sein.

Hochgesteckte Ziele, doch Zweifel daran, dass sich diese vielleicht nicht umsetzen lassen, haben Schadhauser und Kramer nicht. Sie verfolgen ihren eigenen Ansatz: "Am Anfang geht's vielleicht noch nicht so gut, aber man muss ja anfangen, damit's besser wird", sagt Schadhauser. Kramer pflichtet ihm bei: "Bis jetzt haben wir jedes Problem gelöst."

Dass sich die beiden auch über die Arbeit hinaus sehr gut verstehen, merkt man ihnen nicht nur an, wenn sie scheinbar mühelos das Wort abwechselnd voneinander übernehmen. Mal sprechen sie von vergangenen Schulzeiten, als sie sich bei der Abiturvorbereitung durch den gleichen Freundeskreis kennenlernten, einer gemeinsamen Südafrikareise oder von der Zeit in ihrer WG. Um sich auf den Aufbau ihres Start-ups konzentrieren zu können, zogen Matthias Schadhauser und Philipp Kramer anfangs sogar in eine gemeinsame Wohnung.

Heute drehen sich ihre gemeinsamen Träume um die digitale Transformation, die momentan ganze Branchen verändert. "Man kennt Spotify, N26 oder Uber und was sie verändert haben", sagt Kramer. "Warum also nicht auch im Bildungsbereich? Schule darf auch mal cool sein." Schadhauser nickt, Kramer grinst. Ächzende Kinder, die den schweren, mit Büchern und Heften vollgestopften Schulranzen zur Schule schleppen? Für sie ein Bild der Vergangenheit.

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SZ vom 08.04.2021/vewo
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