Sonne glitzert auf dem Schnee und Eis, unter welchem zwischen den beiden Auffahrtsalleen original Münchner Würmwasser fließt. Endlich ist es wieder mal lange frostkalt genug gewesen, Hunderte tummeln sich vor dem Nymphenburger Schloss am und auf dem Eis. Gejohle und heiteres Stimmengewirr überall, mit dem sich auch ein Winterwimmelbild von Pieter Brueghel akustisch unterlegen ließe. Eine Münchner Wintersport-Wunderwelt mit Schlosskulisse.
Chris und Steffi, beide 25 Jahre jung und aus dem Harz gebürtig, sind gerade im Dezember nach Neuhausen gezogen und erkunden an diesem Sonntag ihr Viertel. Das schlechtere Wetter am Samstag haben sie genutzt, um Möbel zu rücken und Lampen aufzuhängen, und weil die Wetter-App Schönwetter für Sonntag vorhergesagt hatte, wurde der Einzug noch zur Nachtschicht. Belohnung am Sonntag: ein Spaziergang am Schlosskanal. „Neuhausen ist so underrated“, begeistert sich Steffi, „dabei ist es megaschön“! Wenn man in der Sonne auf der Brücke vor dem Schloss steht, verstehe sie gar nicht, warum es „immer Schwabing oder Maxvorstadt“ sein müsse.

Die Schlittschuhe der jungen Podcast-Journalistin sind noch „irgendwo in den Umzugskartons“, die ihres Partners Chris noch im Regal. Aber es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis beide den Kanal entlangsausen werden. Wintersport-affin sind sie eh, sie kommen gerade von einem Snowboardkurs in der Tiroler Wildschönau. Und genießen, dass es jetzt auch vor ihrer Haustüre edel und schön ist.
Wobei nicht ganz klar ist, wie das nun mit dem Betreten der Eisfläche ist. De facto macht die Menschenmenge am Sonntag die Probe aufs Exempel, und sichtlich trägt das Eis, weil es – mit Ausnahme der Zone unter der großen Straßenbrücke – überall wohl mehr als zehn Zentimeter dick ist. Das gilt als Grenzwert für die verlässliche Tragfähigkeit. Nach strikten Warnungen Anfang Januar, dass das Eis noch zu dünn sei, kam vor Dreikönig dann der offizielle Hinweis, dass die Dicke ausreiche. Nur: Als Münchner, vertraut mit der Filmserie „Monaco Franze“, möchte man ja schon darauf verweisen, dass es „immer ein Gschiss mit der Elli“ sei, weil rund um jenes gleichnamige Sturmtief erst mächtig Schnee über München abgeladen wurde am Freitagabend, warmer Regen das alles am Samstag wieder wegschwemmte, und in der Nacht auf Sonntag dann zweistellige Minusgrade zurückkamen. Was machen solche Kapriolen mit dem Eis im Kanal?

Die Schlossverwaltung Nymphenburg weicht aktuellen oder präzisen Angaben kategorisch aus, vermutlich aus Haftungsgründen: Alle paar Dutzend Meter stehen Warnschilder am Kanal, welche das Betreten der Eisfläche verbieten und vor Lebensgefahr warnen. Auch auf der Homepage der Schlossverwaltung steht dieselbe Warnung: „Das Betreten der Eisfläche auf dem Nymphenburger Kanal (Waisenhauskanal) ist grundsätzlich verboten.“ Dasselbe gelte für die Kanäle im Schlosspark Nymphenburg.
Doris Brunner-Berger wollte deshalb um 9 Uhr früh am Sonntag ihre Eisstock-Runde schon wieder ausladen. „Da war ja noch keiner auf dem Eis“, und es gab die Warnschilder. Andererseits … die gegenwärtige Frostperiode ist für Januar ziemlich beachtlich. Zuletzt verzeichnete die Wetterstatistik solch gute Bedingungen für einen zugefrorenen Schlosskanal in den Januarmonaten 2017, 2009, 2006, 2003 und 2002. So ein innerstädtisches Winterwunderland ist eine Rarität geworden. Und vielleicht doch genug Frost fürs Eis.


Deshalb lebt die Eisstock-Blosn aus sieben aktiven oder ehemaligen Lehrkräften einer Menzinger Schule diesen Wintertraum auch trotz der eher miserablen Eisbedingungen. Denn der Regen und der Frost haben das Eis hubbelig und schwierig gemacht fürs Eisstockschießen. Schon der über Nacht gefallene Schnee lässt sich deshalb nur schwer abräumen, und das Glück einer wenig welligen Eisbahn ist auf dem ganzen Kanal an diesem Sonntag nur wenigen vergönnt, die dafür früh und lange gescoutet haben.
Felix Hahn, Informatikstudent aus Sendling, hat in der U-Bahn auch die Schaufel mitgebracht und sich ein kleines Oval gleich nebenan freigeräumt. Eine bescheidene Arena, aber ein großer Spaß für den zufriedenen Wintersportler mit der blauen Wollmütze. Seine zwei Mitbewohner „schauen gerade noch vor zum Schloss“ und lassen ihn räumen. Später wollen sie ihre kleine Privatbahn zu dritt beschlittern. Zwar mit Eishockey-Schlittschuhen, aber: „Zu dritt Eishockey ist schwierig.“ Deshalb blieben Schläger und Puck zu Hause.
„Drauf, Doris, das schaffst Du!“
Die Lehrer-Blosn hat ihre eigene Antwort auf die unebene Bahn gefunden. Auch wenn Hans Berger, gebürtig aus der Steiermark, die Regeln genau kennen würde, man hat sie längst gemeinsam abgeändert: verkürzte Bahn, und wenn ein Eisstock sich überschlägt oder Pirouette dreht, darf noch einmal geschoben werden. Dazu Tee mit Rum, ermutigende Sprüche („Drauf, Doris, das schaffst Du!“), und viel Gelassenheit. Weil's drum geht, draußen zu sein, beisammen zu sein, Spaß zu haben. Ach ja, und einen mächtigen Holzbalken als Begrenzung hat Betina Gabler auch mitgebracht und auf Höhe des „Ristorante Canal Grande“ in den genau 25 Meter breiten Kanal gelegt. Eigentlich sei das ein „Steinstoßbalken“, belehren ihre Kollegen sie, sie sei nämlich auch Hammerwerferin. Vermutlich deshalb haben ihr Isabel Seiffert, Diana Sandner, Hermann und Claudia Probst, Hans Berger und Doris Brunner-Berger auch den schlechtesten Eisstock überlassen. Läuft trotzdem.
Der Schlosskanal als „ganz coole, gigantisch große Freizeitfläche in der Stadt“, und noch dazu als eine „nicht kommerzielle“ Möglichkeit für Familien, das ist es auch, was Katharina und Johannes mit ihren drei kleineren Kindern begeistert. Sie wohnen in der Nähe, kommen zu Fuß – und schätzen den zugefrorenen Kanal obendrein als Treffpunkt mit anderen Familien aus dem Viertel.

Während unter dem Eis das Wasser der Würm unhörbar (und am Ende des Kanals, beim Hubertusbrunnen, über einen sogenannten Schluckbrunnen ins Grundwasser) fließt, dreht über dem Eis kurz vor Mittag auch Sandro Gampenrieder auf. Ihm passt es sogar, dass noch viel frischer Schnee liegt, weil sein weißer „Lancia Delta Integrale“ da am besten driftet. Das Modell des berühmten Rallye-Fahrzeugs hat der junge Münchner Elektroniker weitgehend selbst gebaut. Beim konzentrierten Fernsteuern auf dem Kanal merkt er gar nicht, wie beiderseits immer wieder Kinder staunend stehen bleiben. Er und seine Begleiterin Ada Schmid aus der Schweiz fahren auch Schlittschuh. Spektakulärer aber ist, wie Sandro sein Elektro-Modellauto über Eis und Schnee flitzen lässt, wie er realistische Schleuderkurven hinlegt, einen immer publikumsfreundlichen Kurs fährt – und sein Auto immer wieder virtuos abfängt.
Der Nymphenburger Schlosskanal ist an diesem Sonntag eine lebensfrohe Winterwimmelwunderwelt.

