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Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt:Am Schlachthof stinkt es immer noch

Schlachthof, frisch geschlachtete Schweine hängen in der Reihe an Haken Markthallen München

Wo Tiere zerlegt werden, wie im Münchner Schlachthof, entstehen Gerüche. Die Frage ist, wie man sie möglichst nicht aus dem Betrieb entweichen lässt.

(Foto: imago)

Daran hat auch der Umbau der Abwasservorklärung nichts geändert. Die ganze Anlage ist in die Jahre gekommen, in vielen Bereichen fehlen Abluftreinigungen.

Von Birgit Lotze

Schon mehrmals hat das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) Entwarnung angekündigt, doch der Gestank ist geblieben. Seit mehr als einem Jahr hängt ein penetranter Geruch in der Luft um den Schlachthof - nicht immer, aber häufig. Und das Problem zieht größere Kreise. Anwohner der Fleischerstraße westlich des Viehhofs, die bislang meist verschont blieben, gehören seit einigen Monaten auch zu den Geruchsbelästigten. "Ein indiskutabler Lebens- und Wohnzustand", sagt einer von ihnen.

Seit der vergangenen Woche ist ein erneuter Umbau der Flotationsanlage abgeschlossen, die für die Vorbehandlung des aus der Schlachtung stark mit Blut, Fetten und Fleischreststoffen angereicherten Abwassers zuständig ist. Dort hatte das RGU im vergangenen Jahr starke Emissionen festgestellt. Jetzt wird die Anlage nicht mehr manuell, sondern automatisiert betrieben. Auch wurden die Kunststoff- durch Edelstahlrohre ersetzt. Doch es stinkt immer noch.

In der vergangenen Woche wurden Vertreter des Bezirksausschusses (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt deshalb in der Behörde vorstellig. Sie wollen einen zweiten Ortstermin in der Schweineschlachtung, um zu sehen, ob die Mängel, welche die Lokalpolitiker beim Besuch im Januar moniert hatten, nun behoben sind. Auch sollen die Geschäftsführer im September in die Sitzung des Bezirksausschusses geladen werden. Für die Schweineschlachtung sind der Großmetzger Vinzenz Murr, MRT Leidmann und der Fleischgroßhandel Bauer verantwortlich.

Die Kommunikation zwischen RGU und Schweineschlachtung sei deutlich ernster geworden, sagte Arne Brach (Grüne), der Vorsitzende des Unterausschusses Umwelt, Klima, Naherholung, nach dem Gespräch mit dem RGU. Der Vorsitzende des Bezirksausschusses Benoît Blaser (Grüne) sagte, das Gespräch sei sehr gut gewesen, auch wenn der Prozess, die Auflagen zu erstellen und zu vollziehen, bis jetzt keine Verbesserung für die Anwohner, die sich zu Recht beschwerten, gebracht habe. "Es sind leider doch Verwaltungsakte." Die beiden BA-Vertreter haben jedenfalls den Eindruck, dass das Thema für das RGU "oberste Priorität" hat. Die Behörde führe auch unangekündigte Kontrollen durch.

Restaurantbetreiber können ihre Terrasse kaum bewirtschaften

Anwohner der Thalkirchner Straße, wo der Gestank sehr häufig und sehr intensiv auftritt, auch Restaurantbetreiber, die seit dem vergangenen Sommer kaum ihre Terrasse bewirtschaften können, werfen den Behörden seit Monaten Untätigkeit und "Verzögerungstaktik" vor. Sie zweifeln auch daran, dass die Abluftreinigung der Flotationsanlage noch immer die maßgebliche Ursache des Gestanks ist. Natürlich sei es notwendig, sie zu optimieren und störungsfrei zu halten, sagt ein Anwohner der Thalkirchner Straße.

Doch für den nicht endenwollenden Gestank seien die normalen betrieblichen Vorgänge innerhalb des Gebäudes der Schweineschlachtung die Ursache. Er lebe mehr als 20 Jahre im Viertel und könne "sämtliche Geruchs-Nuancen" wie blutiges Abwasser, die Anlieferung der Schweine und Rinder, das Schlachten und Brühen der Schweine, Gülle und Dung, die Abholung der Schweineabfälle, die Wurstküche "sehr gut auseinanderhalten", so der Anwohner der direkt an den Schlachthof grenzenden Thalkirchner Straße.

Ein Sprecher des Referats sagte, die Behörde sei mindestens zweimal pro Woche zum Kontrollieren in der Schweineschlachtung. "Vermehrt" sei festgestellt worden, dass Türen und Tore in Bereichen, wo Gerüche austreten, nicht geschlossen gewesen seien. Der Betreiber sei mit Nachdruck angehalten worden, diese geschlossen zu halten und alle organisatorischen Anforderungen zu erfüllen, um die Geruchsbelästigung so rasch wie möglich abzustellen. Er erhalte auch eine Anordnung, in der Verstöße gegen die Auflagen mit Zwangsgeldern belegt seien. Die offenen Dachluken, die man vor einigen Monaten bemängelt hatte, sollen inzwischen geschlossen worden sein. Der Sprecher sagte auch, dass der Vermieter, die Markthallen München, die Kanaldeckel auf dem Gelände mit Geruchsfiltern ausstatte.

Auf SZ-Nachfrage bestätigte das RGU, dass es im Münchner Schlachthof keine Konfiskatkühlung - eine spezielle Kühlung für die Schlachtabfälle - gebe, auch keine Verladezonen für die entsorgten Schlachtabfälle, die nicht im Kontakt zur Außenluft stünden. Ebenso wenig gebe es eine Abluftreinigung für die Gebäudeteile, in denen Geruchsemissionen entstehen, wie beim Schlachten, Entbluten, Ausnehmen, Brühen, Zerlegen, Darmwaschen oder sogar beim Verladen - alles Reinigungsanlagen, die in modernen Fleischfabriken üblich sind.

Man müsse stets die Verhältnismäßigkeit im Auge haben, heißt es dazu im Referat für Umwelt und Gesundheit. Darüber hinaus müsse die Behörde auch den Nachweis erbringen, dass eine gegebenenfalls angeordnete Maßnahme tatsächlich relevant zur Geruchsminderung beitragen würde. "Behördlich angeordnete Modernisierungsmaßnahmen der Schlachtanlagen sind nicht ohne aufwendige Ermittlung der tatsächlichen Geruchsursachen oder Emissionsstellen durchzusetzen." Im Falle der nun nachträglich eingebauten Abluftreinigungsanlage an der Flotationsanlage und bei den Türen und Toren habe die Geruchsemission eindeutig nachgewiesen werden können. Bei anderen Geruchsquellen lasse sich dieser Nachweis "derzeit nicht rechtlich hinreichend konkret zuordnen".

© SZ vom 05.08.2020/amm
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