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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Es dieselt

Schlachthof in München,2016

Eigentlich müssen Lkw-Fahrer ihre Kühlaggregate an die Schlachthof-Stromversorgung hängen. "Keiner kümmert sich drum", sagt ein Anwohner.

(Foto: Robert Haas)

Anwohner des Schlachthofs beklagen, dass sie aus dem Schlaf gerissen werden, weil Lkw-Fahrer stundenlang die Motoren laufen lassen, um ihre Fracht zu kühlen. Die Stadt prüft Bußgeldverfahren und Nachtlieferverbote

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Jetzt geht es nicht mehr nur um den Gestank, der von der Schweineschlachtung ausgeht. Jetzt geht es auch um die Rinderschlachtung, um Luftverschmutzung und Lärmemissionen. In der Sitzung des Ferienausschusses machte ein Anwohner des Schlachthofs darauf aufmerksam, dass immer wieder Fahrer von Lastwagen auf dem Gelände nachts stundenlang die Dieselmotoren laufen lassen - um ihre Fracht zu kühlen. "Eine Sauerei", sagte er. Dabei seien die Fahrer laut einer Mitteilung des Referats für Gesundheit und Umwelt (RGU) verpflichtet, die Kühlaggregate an die Stromversorgung der Schlachthofbetriebe anzuschließen. "Nur: Keiner kümmert sich darum."

In diesem Fall betreffen die Beschwerden die Rinderschlachtung, die Firma Attenberger. Es gehe nicht an, dass Lastwagen auf dem Schlachthof die ganze Nacht ohne Notwendigkeit die Luft verseuchten, während man sonstwo in der Stadt überall daran arbeite, den Feinstaub zu reduzieren, kommentierte der Vorsitzende des Ferienausschusses Benoît Blaser (Grüne) die Beschwerde. Naheliegende Lösungen für bessere Luft würden so verschlafen.

Im Ausschuss kamen Bedenken auf, dass die Behörden im Diesel-Fall bei den Schlachthof-Betreibern ähnlich erfolglos bleiben könnten wie beim Problem mit den Geruchsemissionen. "Laufend gibt es neue Mängel. Warum kann das RGU nicht einfach mal zwei Monate die Betriebe, wo was schiefläuft, dicht machen?", fragte der Fraktionssprecher der Grünen, Arne Brach, provokant. Dann hätten die entsprechenden Betreiber genügend Zeit, um die Mängel zu beheben.

Der Ausschuss formulierte einen Antrag, den er dann einstimmig beschloss. Danach soll die Stadt den Schlachthof-Betreibern Fristen für das Beheben der Mängel setzen. Außerdem wird das Kommunalreferat aufgefordert, die Firma Attenberger und alle weiteren Fleisch-Logistik-Betriebe auf dem Schlachthofgelände anzuhalten, "flächendeckend und ausreichend" Ladesäulen zu installieren. Laut Beobachtungen von Anwohnern soll es lediglich an den Betriebsgebäuden Stromanschlüsse geben. Auf den Parkplätzen seien sie nicht eingerichtet worden.

Im Referat für Gesundheit und Umwelt ist das nächtliche Dieseln bekannt. Dort heißt es, es gebe mehrere Schlachthof-Anwohner, die das beobachtet und moniert hätten. Das Referat habe die Firma Attenberger deshalb abgemahnt und Anfang August auch ein Nachtlieferungsverbot angedroht, sollte die Firma nicht ihrer Verpflichtung nachkommen, dafür zu sorgen, dass die Lkw ihre Motoren abschalten. Auch prüfe man, ob man ein Bußgeldverfahren einleiten könne.

Kritik wegen dieselnder Kühl-Lkw gibt es auch seit Jahren von Anwohnern des nahen Großmarkts, der ebenfalls den Markthallen und damit dem Kommunalreferat untersteht. Auf den Parkplätzen der Großmarkthallen verbringen viele Fahrer ihre vorgeschriebenen Ruhezeiten. Oft haben sie verderbliche Ware geladen und müssen sie während des Parkens kühlen. Trotz Aufforderungen eines Umweltaktivisten war das Kommunalreferat erst bei der Referatsübernahme durch Kristina Frank (CSU) bereit, Stromanschlüsse überhaupt installieren zu lassen. Inzwischen stellt sich allerdings heraus, dass diese bei weitem nicht so genutzt werden, wie dies möglich wäre. Auch am Großmarkt soll es Durchsetzungsprobleme geben, jedenfalls erklären das die Anwohner. Immer wieder stellen sie Bilder und Lärmgeräusche von Lastern mit laufenden Motoren ins Internet.

Mindestens 95 Prozent der Lkw haben nach Expertenmeinung bereits einen passenden Anschluss für Stromladegeräte. Umgeht man die Diesel-Kühlung, wird der Ausstoß von Kohlenstoff- und Stickstoffoxid vermieden, die Abgasbelastung reduziert. Anwohner und Fahrer können besser schlafen, denn Dieselaggregate machen Lärm. Ein nicht regulierter, vor sich hin dieselnder Lkw stoße etwa so viel Feinstaub aus wie drei fahrende Lastwagen auf dem Mittleren Ring, schätzt Dieter Heber, Agenda-21-Mitglied aus Ottobrunn. Heber hat die Einrichtung von Ladesäulen auf dem Münchner Großmarktgelände durchgesetzt, derzeit fordert er mit einer Petition beim Bundestag das bundesweite Installieren von Stromanschlüssen für den Betrieb der Lkw-Kühlaggregate auf allen Raststätten von Autobahnen und Bundesstraßen.

Die Richtlinien des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) für Schlachtbetriebe sehen vor, dass die Kältemaschinen der Lkw wahlweise mittels Diesel oder elektrischem Strom betrieben werden können. Die Schallleistungspegel der Elektrokühlung sei bis zu zehn Dezibel gegenüber der dieselbetriebenen Kühlung reduziert, heißt es dort. Insofern stelle die Elektrokühlung bei parkenden Fahrzeugen den Stand der Emissionsminderung dar und werde daher unabhängig von der Belastungssituation der Nachbarschaft grundsätzlich erforderlich. "Anschlüsse zur Stromversorgung sind entsprechend der Anzahl der Stellplätze vorzusehen."

© SZ vom 10.09.2020
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