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Protestaktion:Wo bitte geht's zur Steueroase?

Die Münchner Künstlerin Lucia Dellefant vor ihrem Steueroasen-Schild in der Nähe des Marienplatzes.

(Foto: Robert Haas)

Lucia Dellefant kritisiert mit Kunst im öffentlich Raum den "auf permanentes Wachstum ausgelegten Turbo-Kapitalismus". Zuletzt montierte sie in der Münchner Innenstadt Hinweisschilder.

Von Ramona Dinauer

Als Lucia Dellefant acht Jahre alt war, schrieb sie einen Brief an den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Sie war damals empört über den umweltschädlichen Stoff FCKW in Haarspray-Dosen. Bald würde ein riesiges Loch in der Ozonschicht am Himmel klaffen. Da muss man doch was machen, dachte sich die junge Aktivistin und holte Stift und Papier. 47 Jahre später sind aus Stift und Papier, Schild und Kabelbinder geworden. Damit radelte die Künstlerin am Sonntagabend Richtung Marienplatz.

Erster Halt: der Apple-Store. Hinter der Glasfront verkauft das amerikanische Technologieunternehmen die neuesten iPhones und iPads. Und einige Meter entfernt hat Dellefant eine Art Verkehrsschild aufgebaut. "Steueroase" ist auf dem quadratischen Schild zu lesen. Darüber ist in blau eine kleine Oase abgebildet, nur, dass an der Palme keine Kokosnüsse hängen. Sondern Eurozeichen. Um das Schild festzumachen, stieg die Künstlerin auf den Müllereimer neben der Laterne. Oben angekommen zurrte sie das Plakat am Masten fest.

"Diese Form des zivilen Ungehorsam soll auf einen Missstand hinweisen," sagt Dellefant, "Deutschland gehen Milliarden durch das Steuervermeidungssystem großer Konzerne verloren, die für Bildung oder öffentliche Infrastruktur ausgegeben werden könnten." Zwischen 2015 und 2017 habe der iPhone-Hersteller zwischen zwei und neun Prozent Steuern gezahlt. Dies geht aus einem Report hervor, für den im Auftrag der Linksfraktion im Europäischen Parlament die öffentlichen Apple-Bilanzen ausgewertet wurden. Üblich sind in Deutschland mehr als 20 Prozent. Demnach entgingen den EU-Staaten in diesen Jahren dem Report zufolge vier bis 21 Milliarden Euro Steuergelder. In Irland musste Apple 2017 insgesamt 13 Milliarden Euro zu wenig abgeführte Steuern nachzahlen.

Vor der Münchner Apple-Filiale hängt einige Tage später immer noch das Schild von Dellefant. Mit einem Lächeln beobachtet die 55-Jährige das Treiben vor dem Geschäft. Geduldig warten Einkaufende auf den Einlass ins Smartphone-Mekka. Das Sicherheitspersonal überwacht die gläserne Pforte. Die Passanten, die vorübergehen, scheinen zu beschäftigt mit dem Blick auf ihr Mobiltelefon zu sein, um das Steueroase-Schild wahrzunehmen.

Dellefant steht in einer bunt gemusterten Bluse in der Sonne und schaut nach oben. "Mit der Bank unter dem kleinen Baum ist es tatsächlich wie eine kleine Oase neben dem Schild", sagt die Münchnerin und lacht. Mit ihrem Mann, dem österreichischen Maler Anton Petz, wohnt sie in Schwabing. Beide gehören zum OK9 Kunstverein, der sein Atelier im Bürgerpark Oberföhring hat.

Aufgewachsen ist Dellefant in Pasing in einer kreativen Familie. Ihr Großvater war Architekt, ihr Vater leitete eine Werbeagentur, ihre Mutter hatte mehrere Modegeschäfte. Nach ihrem Lehramtsstudium an der LMU schlägt Lucia Dellefant einen anderen Weg ein. Wichtig sei ihr, die Gesellschaft mitzugestalten, sagt sie. Mit Kunst könne man Menschen auf einer anderen Ebene abholen. Zudem bekomme man als Künstler andere Möglichkeiten, die Stadt zu verändern. Kunstobjekte wie Sitzgruppen werden schnell zu öffentlich genutzten Gegenständen. Neben ihrer partizipativen Kunst erschafft Dellefant Utopien, wie ihr Projekt "Global Creating Center", der Entwurf eines ideellen Arbeitsamtes. "Es zeigt, wie etwas sein könnte. Quasi ein Katalysator, mit dem man anfangen kann, über wirtschaftliche Themen zu reden", sagt sie. "Der Missstand erklärt sich selbst, da man eine Utopie formulieren musste." Doch auch auf humoristische Art und Weise möchte Dellefant den Status Quo weiterhin in Frage stellen.

Etwa mit ihren Steueroasen-Schildern in München. Sie sind Teil von Dellefants Kunstprojekt "ourconomy". Sie kritisiert damit den "auf permanentes Wachstum ausgelegten Turbo-Kapitalismus" und visualisiert Ansätze für humaneres Wirtschaften. "Wirtschaft ist als Thema zunächst nicht besonders sexy. Gerade in der Kunst trauen sich nicht viele an das Thema heran", sagt Dellefant. Visuell und emotional möchte Dellefant den Menschen wirtschaftliche Zusammenhänge näherbringen. Das funktioniere besonders gut im öffentlichen Raum.

Wie zum Beispiel in einer Ikea-Filiale im Großraum München. "Ikea bezahlt durch geschickte Verschiebung seiner Gewinne in Steueroasen weniger als die Hälfte der üblichen Umsatzsteuer in Deutschland", schrieb die Künstlerin 2018 auf nachgemachte Ikea-Gutscheine. 10 000 Stück der Protestkarten verteilte sie damals. Zu den falschen Flyern der Kunstaktion gehörte der Briefkasten "Luxåmbörg". Samt komplizierter Anleitung stellte Dellefant den weißen Holzkasten aus. Auf die Aktion reagierte Ikea in einer langen E-Mail. Der Ikea-Konzern zahle selbstverständlich in jedem Land, in dem er tätig ist, Steuern entsprechend der örtlich geltenden Vorschriften und Gesetzte, hieß es darin. Die große Intransparenz ist ein Kritikpunkt von Dellefant.

"Mir gefällt an solchen Kunstaktionen, dass der Betrachter selbst aktiv werden kann", sagt Dellefant. Sie blickt noch einmal zum Schild, bevor sie sich auf den Heimweg macht. Von Helmut Schmidt kam übrigens nie ein Brief wegen der Haarspray-Dosen zurück.

© SZ vom 03.07.2020/vewo

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