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Maxvorstadt:Antiquariat Kitzinger verlässt die Schellingstraße - nach 129 Jahren

Antiquariate, Lexika

Blickfang: Die denkmalgeschützte Fensterfront des Antiquariats muss später wieder am neuen Gebäude angebracht werden.

(Foto: Florian Peljak)

Kürzlich ist das Gebäude erneut verkauft worden, zuvor war das Treppenhaus ohne das Wissen der Mieter abgerissen worden. Die Neubauprojekte in diesem Karree verändern das Viertel stark.

Von Lea Kramer, Maxvorstadt

Das runde Jubiläum hat er nicht mehr geschafft. Bernhard Kitzinger packt Bücherkisten, misst Regale aus, und nebenher läuft das Tagesgeschäft weiter. Der Antiquar, der sein Geschäft an der Schellingstraße 25 in vierter Generation führt, muss ausziehen. Das 130-jährige Bestehen des Antiquariats mit Buchhandlung J. Kitzinger im kommenden Jahr wird er an anderer Adresse feiern. Immerhin: In der Maxvorstadt wird Kitzinger mit seinem Laden bleiben können.

"Im Laufe des Jahres ziehe ich in die Amalienstraße 65 um", sagt er. Der neue Laden sei zwar kleiner, habe nur ein kleines Schaufenster und kaum Lager, dafür sei er aber näher an der Universität und in guter Nachbarschaft. Vorausgegangen ist dem Umzug eine turbulente Zeit, die vor vier Jahren mit dem Verkauf des Gebäudes begann, in dem das Ladengeschäft seit 1892 im Erdgeschoss untergebracht ist.

2017 erwarb die Omega Schellingstraße 25/27 GmbH die Immobilie, eine Objektgesellschaft der Omega AG mit Sitz in München. Ob das Schicksal des Mehrfamilienhauses und seiner Mieter, das mit der Hausnummer 27 sowie der Türkenstraße 66 eine Einheit bildet, da schon beschlossen war? Fest steht, dass der Bodenwert an der Stelle seit dem Verkauf um 69 Prozent gestiegen ist. Bereits 2019 hatte die Eigentümerin bei der Lokalbaukommission (LBK) den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses mit Tiefgarage abgefragt. Ein Bauantrag wurde bislang nicht eingereicht.

Die Schellingstraße 25 liegt weder im Erhaltungssatzungsgebiet, noch steht das Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Gebäude unter Denkmalschutz. Lediglich die Schaufensterfront des Antiquariats wurde 2018 in die Denkmalliste des Bayerischen Landesamts für Denkmalschutz aufgenommen. Kurz zuvor hatten Handwerker originale Ausstattungsteile wie Treppengeländer, Fenster im Treppenhaus sowie Treppenstufen im Innern des Gebäudes entfernt. Die Hausgemeinschaft unterstellte den neuen Eigentümern, vorsätzlich historische Bausubstanz vernichten zu wollen. Die Omega dementierte damals, sprach von "Notsicherungsmaßnahmen" und mangelnder Verkehrssicherheit. Im Nachgang teilte das Sozialreferat mit: "Eine Rechtsgrundlage für ein bauaufsichtliches Einschreiten war nicht gegeben."

Zwischenzeitlich standen einige der 19 Mietwohnungen im Haus leer. Das Immobilienpaket hat erneut den Eigentümer gewechselt. Ende 2020 hat die Josef Rädlinger Unternehmensgruppe (JR) sämtliche Anteile an der Omega Schellingstraße 25/27 GmbH erworben, bestätigt ein Sprecher der Omega AG. "Über den Kaufpreis wurde wechselseitiges Stillschweigen vereinbart", sagt er. Die Firma trägt nun den Namen Josef Rädlinger Maxvorstadt I GmbH. "Geplant ist, die Immobilie auch nach dem Neubau komplett im Unternehmensbesitz zu behalten und die Wohnungen zu vermieten", schreibt eine Sprecherin der Josef Rädlinger Gruppe, eines Bauunternehmens aus Cham in der Oberpfalz, auf SZ-Anfrage.

Das Unternehmen, das in den 1960er-Jahren als Kiesbaggerei gegründet wurde, ist bislang mehr im Verkehrswege- und Asphaltbau statt in der Immobilienbranche in Erscheinung getreten. JR besitze derzeit keine weiteren Immobilien in München. "Wir realisieren in und um München jedoch aktuell mehrere Baumaßnahmen, unter anderem die Sanierung des U-Bahnhofs Sendlinger Tor und sind mit unterschiedlichen Projekten am Flughafen München präsent", so die Sprecherin. Josef Rädlinger habe aber seit 2020 ein hauseignes Architekturbüro, weshalb Kauf und Neubau in der Maxvorstadt "für uns nur der nächste logische Schritt" war.

Vertreibung mit glücklichem Ende: Antiquar Bernhard Kitzinger hat schnell wieder eine Bleibe gefunden, an der Amalienstraße.

(Foto: Robert Haas)

Obwohl sich die Befürchtung, dass an dieser Stelle Eigentumswohnungen entstehen, offenbar nicht bewahrheitet, ist nicht davon auszugehen, dass die Mietpreise im Univiertel stagnieren. Zahlen aus den Grundbüchern belegen, dass die Grundstücke im Karree rund um Schelling- und Türkenstraße mit Summen im zweistelligen Millionenbereich beziffert werden. Die Stadt kann einen Bauherrn in diesem Bereich nicht verpflichten, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Nicht einmal der frühere Leerstand hat Auswirkungen auf das Neubauprojekt. Aus "zweckentfremdungsrechtlicher Sicht" könne dort nicht nichts mehr geahndet werden, "da für die Einheiten entsprechender Ersatzwohnraum am Haderner Stern benannt und geschaffen wurde", sagt eine Sprecherin des Sozialreferats. Unter dem Namen "Munich Crowns" hat auch die Omega AG in Hadern Wohnungen entwickelt. Diese sind laut Sozialreferat inzwischen bezugsfertig.

Der Neubau an der Schellingstraße ist einer von mehreren größeren Bauprojekten in der Ecke. Ein paar Häuser weiter zum Beispiel, an der Türkenstraße 52/54, baut eine Tochtergesellschaft der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich 64 neue Eigentumswohnungen. Direkt daneben, an der Hausnummer 50, plant der für Luxuswohnungen bekannte Investor Legat Living unter dem Namen Max Höfe ebenfalls einen Neubau. Vor ein paar Tagen erst hat dort der letzte alteingesessene Mieter das Hinterhaus verlassen. Was vom alten Univiertel bleiben wird, ist seine Hülle. So wie die denkmalgeschützte Fensterfront von Kitzingers altem Antiquariat. Sie muss während des Neubaus eingelagert und später wieder angebracht werden.

© SZ vom 10.06.2021/wean, van
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