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Porträt:Der Aufzügler

Sepp Schauer, Schauspieler Unterhaching

Sepp Schauer, Schauspieler Unterhaching

(Foto: Florian Peljak)

Man kennt Sepp Schauer vom "Monaco Franze", vom Komödienstadel und von "Sturm der Liebe". Gäbe es noch Volksschauspieler, Schauer wäre einer.

Als Sepp Schauer 50 wurde, also im Jahr 1999, trennten sich er und seine Freundin. Dann gab er seine Gaststätte auf, um nur noch Schauspieler zu sein. "Ich wollte einen Schnitt in meinem Leben", sagt er. Viele Männer um die 50 haben solche Gedanken. Aber die meisten setzen sie nicht um.

Schauer ist heute 70. Er wohnt in Unterhaching in einem alten, langen Bauernhaus, das in Wohnungen umgewandelt worden ist. Man müsse in einen zweiten Hinterhof gehen, hatte er am Telefon gesagt. Vorne an der Straße hat die CSU ihr Büro, über dessen Eingang der Slogan "Näher am Menschen" geschrieben steht. Das passt gerade nicht.

Schauer kommt aus dem Hinterhof nach vorne. Er trägt eine Trachtenjacke und einen Schal, er grüßt freundlich und sucht sofort den Blickkontakt. Es heißt ja, dass man in den ersten sieben Sekunden einer neuen Begegnung merkt, ob man jemanden mag. "Wen das Auge nicht überzeugen kann, überredet auch der Mund nicht", sagte der Dichter Franz Grillparzer. Schauer ist sofort sympathisch.

Gibt es noch bayerische Volksschauspieler? Solche wie früher Gustl Bayrhammer oder Toni Berger. Vermutlich sind sie ausgestorben, und das liegt auch daran, dass es ein Volk mit homogenen Fernsehgewohnheiten nicht mehr gibt - und damit weniger Leute, die den Bayerischen Rundfunk gucken, die größte Bühne der Volksschauspieler.

Schauer hätte in anderen Zeiten ein Volksschauspieler sein können, ebenso wie Johann Schuler, den er seinen "besten Freund in der Branche" nennt; oder wie Dieter Fischer, Heinz-Josef Braun und Johanna Bittenbinder, mit denen er sich regelmäßig trifft. Schauer hat bei der Iberl-Bühne begonnen, er hat in den Achtzigerjahren bei "Irgendwie und Sowieso" und später beim Komödienstadel mitgespielt. Heute kennen ihn die meisten als Chefportier Alfons Sonnbichler in der Telenovela "Sturm der Liebe".

Schauer hat vorgeschlagen, am Hachinger Bach entlangzugehen. Die Sonne scheint. Er ist gut gelaunt. Vorige Woche, da sah man ihn in "Irgendwie und Sowieso" im BR, er spielte einen Zuhälter, der Sir Quickly (Ottfried Fischer) drangsalierte. Schauer trug einen schwarzen Schnurrbart und geschmacklose Klamotten; er sah schmierig aus.

Schauer lächelt. "Früher hatte ich einen Schnurrbart und einen Ohrring und spielte oft Ganoven", sagt er. "Ganoven oder Polizisten." Er merkt, dass der Satz seinen Begleiter belustigt. "Das ist doch das gleiche Genre", sagt er und lächelt sein stilles Lächeln. "Das Gute und das Böse liegen nahe beieinander." Er habe auch mal einen korrupten Polizisten gespielt. Mit Schnurrbart? Er guckt, als habe er die Frage nicht verstanden. "Früher habe ich alles mit Schnurrbart gespielt", sagt er schließlich. Er trug eben einen, auch privat. Privat hieß bei ihm vor allem: in seiner Gaststätte.

Er sei in der Brudermühlstraße in München aufgewachsen, erzählt er im Gehen; und die Gastronomie habe ihn "immer angezogen". Das ist wieder ein Satz, den man falsch verstehen könnte - wie das mit den Ganoven und den Polizisten. "Nein, nein, nicht so", sagt er. "Von mir hätte kein Wirt leben können." Schauer trank nicht viel, aber er liebte die Atmosphäre in der Gaststätte. "Ich habe es immer gerne gemocht, mit Leuten umzugehen, Geggerl zu machen." Geggerl? "Späße, Witze. Das sagte man bei uns so."

In der Familie mütterlicherseits gab es vor dem Zweiten Weltkrieg übrigens viele Wirte. Doch das hat Schauer erst erfahren, als er längst schon Wirt gewesen ist.

Zunächst machte er aber eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann - und merkte rasch, dass er nicht im Büro arbeiten wollte. Zwischen 20 und 30 wechselte er oft den Job. Er hat nacheinander Folgendes getan: mit seinem Vater Heizgeräte verkauft; mit seinem Vater ein Wirtshaus in Hechingen geführt; als Tankwart gearbeitet; mit dem Vater ein Kundendienstbüro für Electrolux betrieben; als Kaufmann im Rundfunk- und Fernsehgroßhandel gearbeitet; als Bedienung und Wirt gearbeitet.

War das in diesen Zeiten, also zwischen 1970 und 1980, normal? Schauer lächelt wieder, das heißt, er zieht die Mundwinkel in seinem freundlichen Gesicht noch etwas breiter. "Normalerweise hat man damals in einem Betrieb eine Lehre gemacht und ist dort bis zur Rente geblieben", sagt er. Ob Sicherheitsdenken in einem angelegt ist oder eben nicht, das ist auch eine Frage der Sozialisation: Schauers Vater kam erst 1947 aus dem Krieg zurück und schlug sich dann mit vielen Jobs durchs Leben. "Und ich dachte für mich immer: Ich bin jung, nicht blöd, und ich kann anpacken", sagt Schauer, "ich komme schon durch."

Er bleibt stehen, redet weiter und führt die Hände mal vom Körper weg, mal wieder zurück. Es sind ruhige Bewegungen. Er unterstreicht damit, was er sagt. Aber er setzt keine Ausrufezeichen. Und er achtet darauf, dass sein Begleiter alles versteht.

Schauer etablierte sich als Wirt. Zunächst mit einem Partner in der Antonius Tenne am Sendlinger Berg. Und dann alleine in Grünwald, wo er von 1984 bis 1999 ein Lokal im Hotel "Alter Wirt" gepachtet und betrieben hat. Damals war er bereits Schauspieler. Er hatte 1980 bei einer Amateurbühne angefangen. "Ein Freund von mir hatte gesagt, ich solle das probieren, ich sei doch einer, der die Leute unterhalten könne, ein Aufzügler", sagt Schauer.

Was ist ein Aufzügler?

"Ob ich die richtige Erklärung habe, weiß ich nicht", sagt er. "Aber ich denke, es ist einfach ein Mensch, der Dinge aufzieht, also in Gang bringt." Vielleicht sei es im weitesten Sinne ein Schauspieler; denn auch im Theater gebe es ja Aufzüge, etwa eine Komödie in fünf Aufzügen.

Bei der Amateurbühne gefiel es ihm aber nicht. "Die Schauspieler setzten sich hin und sagten ihren Satz auf, sie standen auf und sagten ihren Satz auf", erzählt er und deutet in der Hocke ein Sitzen an und spricht gleichzeitig; dann richtet er sich auf und spricht gleichzeitig. Er wolle diese Leute aber nicht schlechtmachen, sagt Schauer. So funktioniere das eben oft bei einer Amateurbühne.

Es traf sich, dass er Georg Maier kannte, den Chef der Iberl-Bühne. Denn Schauer fuhr Motorrad, und Maier fuhr Motorrad. Und sie hatten gemeinsame Freunde. "Schorsch Maier sagte, er werde mir mal bei der Amateurbühne zuschauen", erzählt Schauer. "So etwas hat er nicht oft gemacht." Er ist ein wenig stolz darauf.

Schauer spricht öfter von Stolz. Er sei stolz, es als Quereinsteiger geschafft zu haben. Er sei stolz, in gewissen Filmen mitgespielt zu haben, auch wenn es bloß Nebenrollen waren: in "Der Tanz mit dem Teufel", bei dem es um die Oetker-Entführung ging, oder in "Drei Tage im April", ein Film, der am Ende des Zweiten Weltkriegs spielt. Er sagt, er habe sich gefreut, mit "gescheiten Menschen" wie Heinrich Breloer und Oliver Storz zu arbeiten.

Maier schaute also bei der Amateurbühne zu und sagte: "Da passt du nicht rein. In meinem neuen Stück kriegst du eine Rolle." Schauer spielte in "Die Passion" den Judas. Das war auch ein Ganove, wenn man so will. Schauspielunterricht hat er nicht genommen. "Was ich nicht konnte, hat mich der Maier gelehrt", sagt er. "Außerdem war das Wirtshaus die beste Schauspielschule - du stehst hinter dem Tresen und musst den Leuten vermitteln, dass sie etwas Besonderes sind. Dabei magst du natürlich nicht jeden gleich gern."

Bei Proben der Iberl-Bühne sah ihn Franz Geiger, Co-Autor von Helmut Dietl beim "Monaco Franze". Schauer spielte dann einen Polizisten, man sieht ihn einmal mit Frau von Soettingen (Ruth Maria Kubitschek) und mal mit dem Tierpark-Toni (Wolfgang Fierek). Dann bekam er eine Rolle in "Wildbach", in der fünf Jahre lang Günther Hofer spielte. Er arbeitete viel: Rollen lernen, Dreharbeiten, abends Iberl-Bühne, danach ins Lokal nach Grünwald, nach vier ins Bett. "War halt so", sagt er.

Auch heute arbeitet er noch viel.

Burn-out? Schauer vermittelt den Eindruck, als sei er davon so weit entfernt wie eine Eintagsfliege vom ewigen Leben. Aber Gedanken macht er sich schon, irgendwie. Sonst würde er sich manche Termine nicht merken, etwa diese: "Vom 2. November 1984, als ich das Lokal in Grünwald eröffnete, bis zum 5. Juli 1985, meinem Geburtstag, habe ich jeden Tag durchgearbeitet." Eine Bandscheibenoperation hatte er auch. Danach hat er mit dem Tennis aufgehört und begonnen, Golf zu spielen. Heute spielt er mit seiner Frau, der Autorin und Schauspielerin Corinna Binzer.

Mit Binzer hat er auch die Figur Sepp Sturm erfunden. Binzer schreibt die "Münchner Sturmwarnungen" über den Grantler, Schauer spielt ihn auf der Bühne. "Spielte" muss man sagen. Vor Weihnachten war die vorerst letzte Vorstellung, weil der Musiker Heinz-Josef Braun, der ihn begleitete, ausgestiegen ist.

Schauer ist wieder stehen geblieben. Er redet freundlich lächelnd am Ufer des Hachinger Baches. Es werden 20 Minuten. "Hoffentlich habe ich Sie nicht totgeredet", sagt er schließlich.

Hat er nicht. Man geht weiter. "Das mit dem zweimal Sturm ist Zufall", sagt er. Sepp Sturm und Sturm der Liebe. Schauer spielt seit 2005 den Chefportier Alfons Sonnbichler in "Sturm der Liebe". War er früher in den Filmen der Ganove, sagt Schauer, sei er als Sonnbichler "an Anständigkeit nicht zu überbieten".

Aber er würde gerne noch Kleists Dorfrichter Adam spielen, sagt Sepp Schauer am Ende des Spaziergangs. "Weil der so eine Drecksau ist."

© SZ vom 09.04.2020/kaal
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