Schäftlarn:S-Bahn-Unglück: Ermittlungen gegen Triebfahrzeugführer

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Schäftlarn: Bahnarbeiter und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks verschieben ein Drehgestell einer der aufeinandergeprallten S-Bahnen an der Unfallstelle in der Nähe des Bahnhofes Ebenhausen-Schäftlarn.

Bahnarbeiter und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks verschieben ein Drehgestell einer der aufeinandergeprallten S-Bahnen an der Unfallstelle in der Nähe des Bahnhofes Ebenhausen-Schäftlarn.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Nach derzeitigem Stand soll eine S-Bahn vermutlich ein Haltesignal überfahren haben - einiges deutet auf menschliches Versagen hin. Am Unfallort bei Schäftlarn laufen die Bergungsarbeiten.

Von Ingrid Fuchs, Claudia Koestler, Anita Naujokat und Arnold Zimprich

Technischer Fehler oder menschliches Versagen? Um diese Frage geht es drei Tage nach dem S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn. Zwei mit 95 Menschen besetzte Züge waren am Montagnachmittag im Berufsverkehr auf eingleisiger Strecke frontal zusammengestoßen. Ein Fahrgast wurde getötet, 18 Menschen wurden verletzt, sechs von ihnen schwer. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen der beiden Triebwagenführer. Nach derzeitigem Stand habe der 54-Jährige nach dem Halt in Ebenhausen-Schäftlarn seine Fahrt Richtung München fortgesetzt und dabei vermutlich ein Haltesignal überfahren, teilten Ermittler am Donnerstag in München mit. Doch auch technisches Versagen könne noch nicht ausgeschlossen werden, betonten sie. Noch seien die Gutachten nicht abgeschlossen, man müsse sehr umfangreiche und verschiedene Ansätze prüfen.

Beide Triebfahrzeugführer seien noch im Krankenhaus, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding bei einer Pressekonferenz - einer von ihnen werde als Beschuldigter geführt. Gegen ihn habe man bereits am Montagabend einen Anfangsverdacht erhoben, in der Zwischenzeit sei seine Wohnung durchsucht worden, er selbst wurde vernommen. Bislang habe sich der 54-Jährige, wohnhaft im Bereich Fürstenfeldbruck, nicht geäußert. Er und der andere Fahrer, ein 21-Jähriger aus dem Großraum München, seien beim Zusammenstoß nüchtern gewesen, derzeit würden unter anderem die Handys ausgewertet. Es gebe, so betonte Leiding, noch keine abschließenden Erkenntnisse. Bei den beiden Fahrdienstleitern seien Atemalkoholtests ebenso negativ gewesen.

Dass der 54-Jährige in Richtung München vor dem Zusammenstoß angeblich nach hinten geflüchtet sein soll, dazu könne sie nichts sagen. Das genaue Verhalten sei noch unklar. Leiding bestätigte lediglich, dass es eine Aufzeichnung darüber gebe, wie der jüngere Fahrer etwas von einem auf ihn zukommenden Zug gesagt habe.

Neben den beiden Triebfahrzeugführern liegen vier weitere Schwerverletzte noch im Krankenhaus. Lebensgefahr bestehe für sie nach derzeitigem Stand nicht, sagte der Leiter der Verkehrspolizei Steffen Küpper. Etwa 25 Personen hätten leichte bis mittelschwere Verletzungen davongetragen. Insgesamt seien 800 Einsatzkräfte am Ort gewesen, aber auch von privater Seite habe es viel Hilfe gegeben. Deutlich über hundert Zeugen seien befragt worden. Es sei eigens eine Ermittlungsgruppe "S-Bahn" aus acht Mitarbeitern gegründet worden.

Noch am Unfallort sei ein Sachverständiger hinzugezogen worden, hieß es in der Pressekonferenz am Donnerstag. Außerdem ließ die Münchner Verkehrspolizeiinspektion einen Sachverständigen aus Stuttgart kommen, der schon das Zugunglück von Bad Aibling untersucht habe, bei dem vor ziemlich genau sechs Jahren zwölf Menschen starben und 89 zum Teil schwer verletzt wurden.

Was aus technischer Sicht bislang bekannt ist: Die Unfallstrecke ist mit einer elektronischen Sicherung ausgestattet, die Züge im Notfall automatisch bremst. Dieses System hat offenbar auch angeschlagen und mindestens einen Zug gebremst. Grundsätzlich kann ein Lokführer diese Sicherung wieder deaktivieren. Um Klarheit über den Unfallverlauf zu gewinnen, stellten die Ermittler die Fahrtenschreiber der beiden Triebwagen sicher. In den vergangenen Tagen war aus dem bayerischen Innenministerium deshalb bereits zu vernehmen, dass technisches Versagen wohl eher ausgeschlossen werden könne.

Sollte es sich um menschliches Versagen handeln, gebe es auch da noch Abstufungen zu beachten, sagte Oberstaatsanwältin Leiding: "Menschliches Versagen ist nicht gleichzusetzen mit vorsätzlichem Handeln, da gibt es einen großen Unterschied in rechtlicher Hinsicht." Sollte sich herausstellen, dass tatsächlich menschliches Versagen die Unglücksursache sei, könnten dem Beschuldigten fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und die Gefährdung des Bahnverkehrs vorgeworfen werden. Das alles sei aber drei Tage nach dem Unfall noch offen. Da die zu untersuchende Datenmenge mit der eines Flugzeugunglücks zu vergleichen sei, brauche es Geduld, sagte Leiding. Erst am Ende könnten Fehler zugeordnet werden.

An Ort und Stelle sind die Ermittlungen von Polizei und Eisenbahnbundesamt vorerst abgeschlossen, die Bergung der kollidierten Züge hat am Donnerstagmorgen begonnen - trotz der heftigen Böen von Sturm Ylenia. Noch am Mittwoch lagen neben den Gleisen Trümmer, darunter herausgerissene S-Bahn-Türen, Sitzpolster, Teile der Seitenverkleidung und Elektronik.

Mit Hilfe von Kränen werden die havarierten Fahrzeuge nun geborgen, die Arbeiten dauern wohl mehrere Tage. Eine Prognose, wie lange die Strecke wohl gesperrt bleiben wird, konnte Philipp Marquardt, Baubetriebskoordinator bei DB Netze und Einsatzleiter, nicht abgeben. Am Morgen wurde ein Autokran gebracht, der auf der B 11 postiert an jener Stelle postiert wurde, wo an der Böschung oberhalb der Straße die Schienen verlaufen und die beiden Züge ineinander verkeilt sind.

Der Plan war, die Bahn, die in Richtung München steht, mit dem Kran anzuheben, so dass ein sogenanntes Drehgestell untergeschoben werden kann. Damit der Kran überhaupt agieren kann, wurden bereits die Oberleitungen abmontiert. Eine Diesellok stand parat, um den hinteren Teil des Zuges dann in Richtung München abzuschleppen.

Ähnlich könnte auch mit dem Zug, der in Richtung Wolfratshausen steht, verfahren werden, allerdings ist da die Sachlage noch komplexer. Denn womöglich muss hierfür ein Teil des vorderen Zuges abgeschnitten werden, ehe ein Drehgestell untergeschoben werden kann.

Der Aufprall der beiden Züge hat auch große Schäden im Gleisbett verursacht: Schienenbefestigungen wurden über mehrere Meter herausgerissen. Ob das repariert werden kann oder das Gleis auf einer Länge von mindestens 20 bis 30 Metern erneuert werden muss, lässt sich derzeit noch nicht sagen. "Die Gleise hat es S-förmig verformt", sagte Markquardt, "das muss alles erstmal begutachtet werden".

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