Debatte über Schadstoffe Was Statistiken über die Münchner Luft verraten

Weniger Schwefeldioxid, Stickstoffdioxid und Feinstaub: Die Situation in München entspannt sich deutlich. Grenzwerte werden nur selten überschritten. Ist jetzt alles gut?

Von Dominik Hutter und Katharina Brunner

Zahlen sind unbestechlich. Meint man. Denn natürlich lässt sich einiges drehen beim anschließenden Interpretieren, welches Ausmaß die Luftverschmutzung in München nun wirklich hat. Klassiker sind über Social Media verbreitete Behauptungen à la "am Dienstag um 14 Uhr wurde der 40-Mikrogramm-Grenzwert beim Stickstoffdioxid schon wieder überschritten". Mag auf den ersten Blick stimmen, wenn man sich die Messergebnisse anguckt.

Nur ist die 40er-Marke eben ein Jahresmittelwert, dessen kurzfristiges Überschreiten niemanden in Brüssel auf den Plan rufen wird. Dafür gibt es den Stundengrenzwert von 200 Mikrogramm, der allerdings an der Landshuter Allee im Jahr 2018 nur ein einziges Mal überschritten wurde. 18 solcher Fehltritte wären erlaubt gewesen.

Folgt man der höchst aufgeregten Debatte der vergangenen Monate, muss man den Eindruck gewinnen, wahlweise in einem Frischluftparadies oder aber in der dreckigsten Stadt der Republik zu wohnen. Nur weil am Stachus oder an der Landshuter Allee die Schadstoff-Limits überschritten werden, ist das Leben in München nicht flächendeckend gesundheitsgefährdend. Auf der anderen Seite kann man aber auch nicht ableiten, dass es an anderen Stellen, vor allem entlang des Mittleren Rings, sauberer ist. Dort steht eben nur keine Messstelle, weil die Container vom Landesamt für Umwelt so verteilt wurden, dass möglichst viele Situationen abgedeckt werden. Exemplarisch.

Der Stachus etwa steht für Innenstadt mit starkem Verkehr, während der Container in Johanneskirchen für eine vorstädtische Lage abseits von Hauptverkehrsstraßen steht. Was wiederum heißt: Wer die Landshuter Allee sperren will, weil exakt dort zu viel Stickstoffdioxid gemessen wird, hat das Prinzip der Messstellen missverstanden. Die Stadt München begegnet diesem Problem mit dem Aufstellen weiterer Messstellen. Damit ein flächendeckendes Bild der Lage entsteht.

Prinzipiell ist die Luft in München heute deutlich besser als in den Siebziger-, Achtziger- oder Neunzigerjahren. Extremfall ist das einst als großes Problem wahrgenommene Schwefeldioxid, das den berüchtigten sauren Regen und damit das Waldsterben ausgelöst hat. Über SO₂ wird inzwischen kaum mehr geredet - zu Recht, denn dieser Schadstoff kommt wegen effektiver Filteranlagen in Kraftwerkskaminen nur noch in geringen Konzentrationen vor.

An der Messstelle am Stachus gab es Mitte der Achtzigerjahre noch einzelne Ausschläge bis 80 oder fast 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Inzwischen liegt die Messkurve im Bereich um zwei Mikrogramm. Beim Kohlenmonoxid vermeldete der Container am Stachus 1979 noch Werte oberhalb der Marke von sechs Milligramm. Inzwischen steht eine null oder eins vor dem Komma.

Ähnlich sieht es bei den Schadstoffen aus, die aktuell die Debatte bestimmen: Stickstoffdioxid und Feinstaub. Zwar gibt es erhebliche Schwankungen, die oft wetterbedingt sind. Auf längere Sicht aber ist die Tendenz klar positiv. Vor allem beim Feinstaub: Die Grenzwerte für diesen Schadstoff, der in München zur Einführung der Umweltzone innerhalb des Mittleren Rings geführt hat, werden inzwischen eingehalten.

Beim Feinstaub spielt das Wetter noch sehr viel stärker eine Rolle als beim Stickstoffdioxid - und die Quellenlage ist viel diffuser.

Feinstaub stammt nicht nur aus Autoabgasen, sondern auch vom Abrieb der Bremsen, Reifen und Kupplungen, aus den Emissionen von Kaminöfen und manchmal auch vom Streusalz. Bei Regen ist die Luft nahezu feinstaubfrei, während bei den typisch winterlichen Inversionswetterlagen ohne Luftaustausch die Werte durch die Decke gehen.

Einsamer Spitzenreiter ist jedes Jahr die Silvesternacht: Die massenweise Böllerei lässt die Feinstaubbelastung regelmäßig in Rekordhöhen schnellen. Im Laufe der Nacht erholt sich die Situation dann wieder. In der Grenzwerte-Statistik reicht das für einen Überschreitungstag, erlaubt sind 35.

Beim Feinstaub spielt eher die kurzfristige Belastung eine Rolle, also der Tagesmittelwert. Der Problemkandidat beim Stickstoffdioxid ist dagegen der Jahresmittelwert.

Dennoch ist auch beim NO₂ die Belastung über den Tag sehr unterschiedlich verteilt. Zu Hauptverkehrszeiten an Werktagen ist die Belastung sehr viel höher als nachts oder an den Wochenenden - was ein klares Indiz dafür ist, dass der Schadstoff vor allem vom Verkehr verursacht wird.

Für die Schwankungen ist oftmals der Wind verantwortlich - weht er aus einer anderen Richtung, verändern sich insgesamt die Strömungsverhältnisse an der Straße und damit rund um die Messstelle.

Es geht abwärts, und das ist positiv: 2011 beispielsweise wurden am Stachus im Jahresmittel 76 Mikrogramm Stickstoffdioxid gemessen. 2017 waren es noch 53, im vergangenen Jahr 48. Zu hoch ist das freilich immer noch, der Grenzwert liegt bei 40. Sollte die Bundesregierung allerdings ihren Plan umsetzen, eine höhere Toleranz zuzulassen (bis 50), läge der Stachus plötzlich im grünen Bereich. Außer, man geht nach den Zahlen der WHO: Die empfiehlt ein deutlich niedrigeres Limit.

Dass die Politik beim Stickstoffdioxid nun von gravierenden Verbesserungen spricht, liegt daran, dass die 2018er-Messwerte der städtischen Passivsammler mit Zahlen von 2017 verglichen werden, die aus Berechnungen stammen (die Messstellen wurden erst 2018 aufgebaut). Deren Basis waren Verkehrsdaten von 2015, die somit damals schon veraltet waren.

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