Auf einem der bunten Armbändchen steht: „Gesundheit für Oma und Opa.“ Ein weiteres trägt die Aufschrift: „Ich will loslassen, was mir nicht gut tut.“ Und auf einem dritten hat eine offenbar noch junge Hand in Schulschreibschrift notiert: „Ich möchte einen Hund.“
Diese drei auf Papierbändern gebannten Wünsche und Gedanken sowie Hunderte weitere hängen in der Pfarrkirche St. Lukas im Stadtteil Lehel – an einem Metallzaun. Dieser versperrt kurz hinter dem Eingang den Weg ins Innere von Münchens protestantischem Dom am Isarufer, der schon seit einiger Zeit mehr Baustelle denn Gotteshaus ist.
Aus diesem Grund ist offenes Feuer hier strengstens untersagt, was für die Besucherinnen und Besucher wiederum bedeutet, dass sie keine Kerzen mehr anzünden dürfen. Dieses Verbot sei „auch geistig sehr schmerzvoll“, bekräftigt Pfarrer Helmut Gottschling. „Deshalb haben wir überlegt, was wir stattdessen machen können.“
Und so sei die Idee mit den bunten „Freundschaftsbändern“ entstanden, wie der Pfarrer sie nennt. Sie liegen im Kirchenvorraum aus, um beschriftet und an den Bauzaun gehängt zu werden. „Als Ersatz für Kerzen“, sagt Helmut Gottschling. „Und die Leute nehmen das sehr gut an.“
Nun dürften in den kommenden Monaten noch Hunderte solcher Wunschbändchen hinzukommen, denn bei der aufwendigen Sanierung von Münchens größter protestantischer Kirche ist gerade mal Halbzeit. Was im April 2024 losgegangen ist, werde wohl noch eineinhalb Jahre andauern, schätzt der Pfarrer, der an diesem Nachmittag nebst Stadtdekan Bernhard Liess und Stefan Neukamm, den Chef der Bauabteilung im Dekanatsbezirk, zu einem Baustellenrundgang geladen hat.
Zwischen Ostern und Pfingsten 2027 werde man in die angestammte Heimat zurückkehren können, hofft Helmut Gottschling. Aktuell hat seine Gemeinde in der Klosterkirche St. Jakob am Anger eine Interimsbleibe gefunden, wo Gottesdienste, Taufen und Hochzeiten gefeiert werden. Wobei der Pfarrer schon im nächsten Satz betont: „Unsere Lukaskirche ist nicht geschlossen. Die Glocken läuten, die Uhren funktionieren, und das Gebäude ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet.“



Indes kommen Besucherinnen und Besucher nur bis zu jenem Bauzaun, an dem die bunten Bändchen hängen. Dahinter ist nahezu die komplette Kirche durch ein gewaltiges Gerüst ausgefüllt – 43 Meter hoch, 200 Tonnen schwer und knapp eine Million Euro teuer. Dort oben gehen die Bauarbeiter zu Werke, um die letztmals in den 1960er-Jahren sanierte Innenschale des Gebäudes „auf Vordermann zu bringen“, wie es Architekt Stefan Neukamm formuliert. Bedeutet: Wände werden gereinigt, Risse gekittet, Schäden repariert. Obendrein müsse die gesamte Gebäudetechnik erneuert werden, sagt Neukamm, inklusive Heizung und Beleuchtung.
„Wir brauchen mehr Platz, mehr Licht – und mehr WCs“, fasst es Pfarrer Gottschling zusammen. Schließlich habe die 1893 nach den Plänen von Architekt Albert Schmidt erbaute Kirche lange Zeit bloß zwei Toiletten gehabt – bei 1500 Plätzen. Nun sind weitere WCs hinzugekommen, und zwar in zwei Anbauten, für deren Realisierung es eines längeren Austausches mit dem Denkmalamt bedurft habe, sagt der Pfarrer. Schließlich stehe die Lukaskirche als „Baudenkmal von nationaler Bedeutung“ unter besonderem Schutz – auch, weil es stadtweit das einzige fast vollständig erhaltene evangelische Gotteshaus des Historismus ist. Ganz am Ende der Renovierungsarbeiten steht dann noch die Sanierung der Steinmeyer-Orgel an, die dabei laut Stefan Neukamm um zwei Register erweitert werden soll.
All dies kostet Geld, und das nicht zu knapp. An den Gesamtkosten von 15 Millionen Euro beteiligt sich der Bund mit der Hälfte der Summe. Den Rest übernimmt die Kirche, wobei die Lukas-Gemeinde knapp drei Millionen Euro stemmen muss. Auch durch verschiedene Spendenaktionen und über den Verein „Rettet St. Lukas“ habe man einen Großteil dieser Summe bereits beisammen, sagt Helmut Gottschling. „Ungefähr 500 000 Euro brauchen wir aber auf alle Fälle noch.“ Daher hoffe man auf weitere Spender, deren Namen in einem der freigelegten Kuppelfenster verewigt werden sollen – als Zeichen der Dankbarkeit.
Die ersten Rückkehrer in den protestantischen Dom werden jedoch weder die Geldgeber noch er selbst sein, sagt der Pfarrer – sondern wohnungslose Frauen. Für sie gibt es in den Kellerräumen der Kirche schon seit Jahrzehnten eine Notunterkunft, die von Ehrenamtlichen betreut wird. Die Frauen können dort nicht nur nächtigen, sondern sie bekommen auch ein Abendessen und Frühstück. Laufe alles nach Plan, dann könne der Obdachlosenkeller in St. Lukas bereits im November nächsten Jahres seine Türen wieder öffnen, hofft Pfarrer Helmut Gottschling. Dieser Wunsch steht indes nicht auf einem der bunten Freundschaftsbändchen am Bauzaun. Noch nicht.

