Der bayerische Landtag bebt. Nicht metaphorisch, wie es Beobachter politischer Debatten gerne verkünden, sondern ganz wörtlich. Dumpfes Bohren lässt den Mosaikboden des Maximilianeums wackeln, im Innenhof fliegen Sägespäne, der Putz des Prunkbaus fehlt an einzelnen Stellen. Es ist Sommerpause im Landtag, und das nutzt die für Bauangelegenheiten zuständige Abteilung im Landtagsamt, um die Sanierung des Landtagsgebäudes voranzutreiben. Dazu gehört das größte Bauprojekt am Gebäude seit dessen Errichtung im 19. Jahrhundert: die Sanierung der Katakomben.
Arbeiter legten dafür jetzt Säulen offen, die die Auffahrt zur Isarseite des Landtags stützen. „Sie sehen etwas, das seit 150 Jahren niemand gesehen hat, und was wohl nie wieder zu sehen sein wird“, sagt Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU). Sie steht auf einer kleinen Plattform vor vier dieser „Kavernen“, wie die künstlich geschaffenen unterirdischen Hohlräume heißen.
Die Präsidentin des Parlaments hat es sich nicht nehmen lassen, zu diesem Anlass auf einem Baustellenrundgang das Fundament ihrer Wirkungsstätte zur Schau zu stellen. Wie viele Ziegelsteine es sind, die auf Befehl von König Maximilian II. einst hier unten zu Kavernen verbaut wurden, das habe noch keiner gezählt. Die Statik halte jedenfalls, nur vereinzelt müssen Arbeiter Beton eingießen, damit alles sicher steht und lange hält. „Beeindruckend, wie gut schon vor 150 Jahren gebaut wurde“, sagt Aigner.
Dabei waren die Kavernen, die im für sie einmaligen Sonnenschein orange schimmern, ein durchaus erwarteter Fund unter dem Maximilianeum. Das ist nicht selbstverständlich. Denn wenn hier gebuddelt wird, kommen oft überraschende Zeitzeugen der Geschichte zutage: Als Ende der Neunzigerjahre die Tiefgarage entstand, stieß ein Arbeiter auf den Grundstein des Maximilianeums: eine Bleikassette mit Münzen, Gemälden und einer Modelleisenbahn – vergraben von König Maximilian II. im Baujahr 1857.
Als 2022 nahe des Südhofs das neue Besucherzentrum gebaut wurde, stieß ein Baggerfahrer auf 600 Kilogramm Munition und zahlreiche zerstörte Gewehre. Die Waffen stammten aus dem Ersten Weltkrieg. Das Lager datierten Archäologen jedoch anhand von Zeitungsseiten auf April 1933 – es waren Truppen der „Bayernwacht“, des bewaffneten Arms der Bayerischen Volkspartei, die die Gewehre damals vor der übermächtigen SA versteckten.
Und diesmal? „Keine Waffen, kein Grundstein“, sagt Ilse Aigner, eher belustigt als enttäuscht. „Ich hatte auf Hui Buh gehofft.“ Das Gespenst aus der Kinder-Hörbuchreihe scheint entweder gut darin, sich vor Presserundgängen zu verstecken, oder es wohnt zum Bedauern der Präsidentin einfach nicht hier. Weniger belustigt hatte Aigner beim Munitionsfund vor drei Jahren eine politische Botschaft formuliert: Der Fund mahne dazu, für Frieden und Demokratie zu sorgen.
Die Botschaft der Kellersanierung heute? „Immer modernisieren“, sagt die konservative Politikerin. Das gelte für Gebäude und Parlament gleichermaßen.



Passend dazu: Die hohlen Kavernen dienen künftig als Lagerräume für Technik. Denn durch die verzweigten Katakomben windet sich noch ein Wirrwarr aus veralteten Kabeln, Rohren und Schächten, die Luft, Wasser, Strom und Internet im Parlament verteilen. Deshalb bauen die Arbeiter eine neue Anlage mit eigenen Betonschächten und Lagerräumen. Bei laufendem Betrieb der alten Geräte. Eine „logistische Meisterleistung“, nennt Aigner das.
Für dieses Jahrhundert bauen, das bedeutet neben der Technik eine unterirdische Zentralverbindung. „Magistrale“ nennt das Baureferat den Gang, der den Osteingang per Knotenpunkt mit Tiefgarage und zwei Aufzügen in das Hauptgebäude verbinden soll. Bislang ist es „doch ein bisschen Labyrinth“, sagt Aigner.
Landtagsbesucher sehen bis dato nichts vom Keller, sie umrunden den Hof und treten per Seiteneingang ein. Damit soll Schluss sein. Der Landtag will sich standesgemäß präsentieren, erst vor zwei Jahren eröffnete das Besucherfoyer mit einer kreisrunden Beamer-Anlage und Souvenirshop. Auch Barrieren sollen weiter weichen: Wenn der Bau über den Kavernen fertig ist, soll ein gläserner Aufzug Gäste auf die Arkaden befördern.
Für das gesamte Projekt gibt der Freistaat 183 Millionen Euro aus, bislang liege man laut Landtagsamt im Plan für Budget und Zeit. Komplett fertig soll der Landtag 2032 sein, die „Magistrale“ schon für die nächste Legislaturperiode 2028.
Ob auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner dann bei Beben politischer und baulicher Natur durch die Gänge eilen wird? Parteikollegen wie Journalisten handeln die CSU-Größe zuletzt häufiger für die Nachfolge von Bundespräsident Steinmeier, dessen Amtszeit 2027 endet. Vielleicht wohnt Hui Buh ja im Keller des Schlosses Bellevue? Ilse Aigner sagt nur: „Bis 2028 bin ich gewählt.“ Und verlässt die historischen Kavernen, die bald wieder unter dem Maximilianeum verschüttet liegen werden.

