Dienstagfrüh, kurz nach 8 Uhr, Pasing Bahnhof. Eine Menschentraube schiebt sich durch den Fußgängertunnel nach oben zu Gleis 3, wo die Regionalzüge zum Hauptbahnhof fahren. Das ist üblicherweise die Alternative vom Münchner Westen in die Innenstadt zu kommen, wenn die Stammstrecke schwächelt. Es ist ein Rangeln und Drücken, oben fährt gerade der Regionalzug ein, Endstation Hauptbahnhof. Die Türen öffnen sich, die Traube setzt sich, so gut das geht, rennend in Bewegung, in kürzester Zeit ist der Zug randvoll – und der Bahnsteig immer noch dicht vor Menschen. Die Türen schließen sich nicht, Durchsage am Bahnsteig: „Der Zug ist zu schwer.“
Reisende werden über Lautsprecher aufgefordert, auszusteigen, bis das Zuggewicht stimmt, andernfalls könne man nicht losfahren. In den Abteilen denkt gar niemand dran, den sicheren Platz wieder aufzugeben. Weil am Bahnsteig zu der Stunde auf dem Abschnitt praktisch kein Aufsichtspersonal mit orangen Westen zu sehen ist, geben die am Bahnsteig Wartenden die Nachricht an die Sardinen im Regionalzug weiter. „Ein paar Leute müssen aussteigen, sonst geht’s nicht weiter.“ Einzelne erbarmen sich, treten missgelaunt wieder ins Freie. In die Lücke springen andere vom Bahnsteig aus wieder hinein. Der Zug bleibt schwer. Wieder und wieder wird die Ansage wiederholt, kein ordnendes Personal. Irgendwann schließen sich die Türen des zu schweren Regionalzugs. Er fährt trotzdem los.
In den Herbstferien ist die S-Bahn-Stammstrecke im Westen der Stadt komplett gesperrt. Die Deutsche Bahn (DB) nimmt in Laim die sogenannte Sendlinger Spange in Betrieb, die künftig als Bypass für die Hauptroute dienen soll. Zwischen Pasing und Donnersbergerbrücke fahren deswegen Ersatzbusse im Fünf-Minuten-Takt. Doch die scheinen die wenigsten zu interessieren. Stattdessen steigen Pendler zwischen Pasing und Hauptbahnhof lieber auf die Regionalzüge um – in ihnen trifft dann der geballte Pendlerverkehr aufeinander.
Dienstagmorgen, Pasing, Bahnsteig von Gleis 3/4: Der angekündigte Regionalzug zum Hauptbahnhof hat Verspätung. Mal wird er für Gleis 4 angekündigt, dann für Gleis 3. Auf die Anzeigetafeln ist kein Verlass, sie zeigen Züge an, die überhaupt nicht kommen und nicht mit den Lautsprecherdurchsagen übereinstimmen. Als der Zug gegen 9 Uhr einfährt, ist er schnell voll, übervoll. Wer Gepäck dabeihat, kommt nicht mehr rein. Was tun? Das Fahrrad nehmen für den restlichen Weg in die Innenstadt? Zuerst noch ein Versuch auf Bahnsteig 9/10, wo die Fernzüge halten, eigentlich nur zum Aussteigen.
Warum gibt die Bahn in dieser Woche die ICE nicht ausnahmsweise für das kurze Stück zum Hauptbahnhof frei? Kann man vielleicht doch heimlich reinhuschen? Nicht nötig, denn es fährt ein Regionalzug aus Augsburg ein. In den kommt man auch mit viel Gepäck locker rein. Wenn das mal die Leute gewusst hätten, die eben noch auf dem anderen Bahnsteig versuchten, sich hineinzuquetschen. Helfen könnten Durchsagen mit der Info, wann und von welchem Gleis der nächste Zug gen Innenstadt fährt. Allein, diese Infos sind nicht zu hören oder zu lesen.
Dienstagabend, Hauptbahnhof, Gleis 14. Ein Regionalzug versucht, nach Pasing zu fahren. Nicht so einfach, es drängen immer mehr Menschen in die blauen Arverio-Wagen. Zuerst die Durchsage: Erste Klasse ist nicht freigegeben. Ein paar Minuten später, als der Zug schon überfüllt ist: Erste Klasse nun doch freigegeben, aber nur für Menschen, die unbedingt einen Sitzplatz brauchen. Zu dieser Zeit gibt es für diese Personen aber längst kein Durchkommen mehr in die erste Klasse. Die Türen lassen sich nicht schließen. Es folgt Durchsage um Durchsage mit der Bitte, aus den Türen zu gehen und nicht mehr zuzusteigen. Vergeblich. Je länger der Zug steht, desto mehr Menschen versuchen reinzukommen. Es dauert gefühlt endlose Minuten, bis die Türen schließen. Helfen könnten Bahnmitarbeitende, die vom Bahnsteig aus darauf achten, dass irgendwann niemand mehr zusteigt. Doch niemand ist zu sehen, der das Chaos ein wenig zu bändigen versuchen könnte.
Mittwochmorgen, Pasing Bahnhof, kurz nach 8 Uhr: Wer mit der 19er-Tram in die Innenstadt oder gar auf die andere Seite der Stadt nach Berg am Laim will, kann in Pasing seit Wochen nicht auf die Straßenbahn umsteigen. Die fährt erst ab Westendstraße. Bis dorthin bringt einen der Schienenersatzverkehr. Der quält sich auch am Mittwoch durch den morgendlichen Berufsverkehr. Wer dann endlich an der Westendstraße landet und hier in die Tram umsteigen will, hat das Nachsehen. „Straßensperre“ steht auf der Digitalanzeige, die 19er fährt jetzt nicht. Also runter zur U5, die fährt weiter bis zum Hauptbahnhof, wer weiter muss, wartet hier wenigstens zehn Minuten auf die S2. Eineinhalb Stunden dauert die morgendliche Fahrt am Mittwoch von Pasing nach Berg am Laim.
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Mittwochmorgen, Pasing, Gleis 9, Zug aus Augsburg zum Hauptbahnhof. Viele Menschen warten. Wer in den dritten Wagen steigt, hat sehr viel Platz, niemand aber sagt es denen, die in den vordersten Wagen drängen. Die Folge: Die Türen vorne lassen sich nicht schließen. Wieder entsteht Verspätung, und wieder bleibt die Frage: Warum schickt die Bahn keine Mitarbeitenden auf die Bahnsteige, um die Fahrgäste besser auf die ganze Länge der Züge zu verteilen? Wie hat ein Zugbegleiter schon am Montagabend über Lautsprecher gesagt, als er den Grund für die Verspätung der übervollen Regionalbahn versuchte zu erklären: Sperrung der Stammstrecke und: „heilloses Chaos“.
Die Deutsche Bahn ist sich der Unannehmlichkeiten bewusst. Das für die Baustelle geplante Linienkonzept schöpfe die Kapazität der vorhandenen Infrastruktur vollständig aus, teilt ein Sprecher mit. Wegen der Arbeiten für die zweite Stammstrecke und die Sendlinger Spange stünden auch auf den Fernbahntrassen weniger Gleise zur Verfügung. Hinzu kämen Arbeiten im Hauptbahnhof selbst auf Gleis 25/26. Um die Situation zu verbessern, soll nun trotz der eigentlich bereits ausgeschöpften Gleiskapazitäten zwischen Pasing und Hauptbahnhof in den Hauptverkehrszeiten von 6 bis 9 Uhr und von 16 bis 19 Uhr ein Pendelzug im Halbstundentakt zwischen Hauptbahnhof und Pasing verkehren. Der Nachteil: Wegen der Engpässe auf den Gleisen komme es im westlichen Stammstreckenbereich und insbesondere bei diesen zusätzlichen Pendelfahrten zu Verspätungen, so ein DB-Sprecher.
In den Ersatzbus? Darauf haben die wenigsten Lust
Die Fernverkehrszüge eigneten sich nicht als zusätzliche Entlastung. Gerade zur Hauptverkehrszeit seien diese ebenfalls stark ausgelastet. Da diese Fahrzeuge für lange Fahrtstrecken ausgelegt seien und daher deutlich weniger Türen und Stehplätze aufwiesen als S-Bahnen und Regionalzüge, komme es dort aber gleichzeitig umso mehr darauf an, Überfüllungen zu vermeiden, da die Züge ansonsten aus Sicherheitsgründen nicht weiterfahren könnten. Die Ersatzverkehrsbusse hingegen hätten – abgesehen von einzelnen Nachfragespitzen – in der Regel ausreichend Kapazitäten. Aber die Fahrzeiten sind wesentlich länger, weshalb die Pendler lieber zu den Zügen drängen.
Auch bei der Fahrgastinfo verspricht die DB Besserung: „Hier hatten wir vor allem in Pasing Herausforderungen, unter anderem durch zahlreiche kurzfristige Gleiswechsel, die wiederum Auswirkungen der dicht befahrenen Gleise sind“, so ein DB-Sprecher. Auch ein mittlerweile abgestellter Datenübertragungsfehler habe für teils fehlerhafte Anzeigen gesorgt, einige dieser Probleme seien aber mittlerweile behoben. „Ergänzend hat sowohl die S-Bahn als auch DB InfraGO den Einsatz von Mitarbeitenden vor Ort sowie im Hintergrund ausgeweitet, damit es Ansprechpartner für die Fahrgäste gibt.“

