Neubau nach fünf JahrzehntenMit Hightech soll bei der Münchner S-Bahn alles besser werden – wirklich?

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Die Weichen sind gestellt: Am Ostbahnhof wurde das neue Stellwerk in Betrieb genommen – S-Bahnen sollen jetzt pünktlicher fahren.
Die Weichen sind gestellt: Am Ostbahnhof wurde das neue Stellwerk in Betrieb genommen – S-Bahnen sollen jetzt pünktlicher fahren. (Foto: Florian Peljak)

„Wegen einer Stellwerkstörung am Ostbahnhof…“: Pendler kennen diese Durchsage zur Genüge, genau wie das meist folgende Chaos auf der Stammstrecke. Nun hat die Bahn zwei neue elektronische Anlagen in Betrieb genommen, natürlich mit Verspätung.

Von Patrik Stäbler

Wer an diesem Morgen den Störungsmelder der Münchner S-Bahn konsultiert, der stößt dort auf eine überschaubare Zahl an Nachrichten. Wegen „technischer Defekte an mehreren Bahnübergängen“ endet die S5 vorzeitig in Aying; hinzu kommt auf dem Südarm der S3 ein inzwischen behobener „technischer Defekt an einem anderen Zug“.

Was dort – anders als bisweilen in der Vergangenheit – nicht auftaucht, ist eine technische Einrichtung, deren Name vielen S-Bahn-Pendlern einen kalten Schauer über den Rücken jagt: das Stellwerk am Ostbahnhof, dessen Fehleranfälligkeit in den vergangenen Jahren regelmäßig zu Verspätungen, Zugausfällen und Chaos auf der Stammstrecke geführt hat. Der zugehörige Durchsagen-Klassiker: „Wegen einer Stellwerkstörung am Ostbahnhof…“

Dieser Satz soll künftig nicht mehr aus den Lautsprechern an den Bahnsteigen ertönen. Denn das bisherige Relais-Stellwerk am Ostbahnhof, Baujahr 1971, hat für den S-Bahn-Verkehr ausgedient. Ersetzt wird es durch zwei elektronische Stellwerke am Ostbahnhof und am Leuchtenbergring, deren Inbetriebnahme die Deutsche Bahn (DB) am Donnerstag im Beisein von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gefeiert hat.

„Die neuen Stellwerke sorgen nicht nur dafür, dass der Alltag der Menschen im Großraum München besser funktioniert, sondern sie sind auch ein zukunftsweisendes Projekt für die Eisenbahn insgesamt“, betont Berthold Huber, Infrastrukturvorstand bei der Bahn. Ihm zufolge ist das alte Stellwerk am Ostbahnhof allein für 15 Prozent aller Verspätungen bei der S-Bahn verantwortlich gewesen. Insofern werde die Modernisierung „den Verkehr auf dieser wichtigen Lebensader der Stadt verlässlicher und pünktlicher machen“.

Wobei Huber einräumt, dass es „nicht immer einfach war“ mit den neuen Stellwerken – eine noch zurückhaltende Umschreibung angesichts der Tatsache, dass die Inbetriebnahme ursprünglich für 2023 geplant war. Ungleich deutlichere Worte finden da die Festredner aus der Politik, die nicht eben subtil gegen die DB austeilen und dabei Töne anschlagen, wie man sie nach einer jener Stellwerkstörung-Durchsagen auch auf dem Bahnsteig hören könnte. „Dass die Bahn verspätet war, schockt mich nicht“, sagt etwa Söder mit Blick auf die Verzögerungen beim Bau. „Das hatte ich erwartet. Wir sind ja bei der Bahn.“ Und sein Parteikollege Manuel Pretzl, CSU-Fraktionschef im Stadtrat, mahnt an: „Es sollte nicht immer Druck aus der Politik brauchen, damit die Bahn in die Gänge kommt.“

Von außen macht das Stellwerk einiges her, Künstler Marcus Dörr hat es bemalt.
Von außen macht das Stellwerk einiges her, Künstler Marcus Dörr hat es bemalt. (Foto: Florian Peljak)
Innen alles eher in gedeckten Farben: Ministerpräsident Markus Söder, Manuel Pretzl (CSU-Fraktionsvorsitzender im Münchner Stadtrat), Ulrich Lange (parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr), Christian Bernreiter (bayerischer Verkehrsminister) und DB-Infrastrukturvorstand Berthold Huber (v. l.) .
Innen alles eher in gedeckten Farben: Ministerpräsident Markus Söder, Manuel Pretzl (CSU-Fraktionsvorsitzender im Münchner Stadtrat), Ulrich Lange (parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr), Christian Bernreiter (bayerischer Verkehrsminister) und DB-Infrastrukturvorstand Berthold Huber (v. l.) . (Foto: Florian Peljak)

In einem sind sich alle aber einig: Die nun eröffneten Stellwerke – laut Huber die modernsten in ganz Deutschland – sind für die Münchner S-Bahn ein großer Wurf. Schließlich regeln sie ab sofort den Verkehr an einem neuralgischen Punkt im Netz: dem Ostbahnhof, dem Tor zur Stammstrecke, die wiederum die am dichtesten befahrene Eisenbahnverbindung in ganz Europa sei, so Huber.

Gesteuert werden die neuen Stellwerke zentral in der Betriebszentrale an der Donnersbergerbrücke. Dort bedienen die Fahrdienstleiter der DB ab sofort per Mausklick circa 150 Signale, 60 Weichen und fünf elektronische Weichenheizstationen in dem Bereich. Hierzu wurden in den vergangenen Jahren mehr als 400 Kilometer Kabel verlegt; die Kosten für die neuen Stellwerke liegen insgesamt bei 222 Millionen Euro.

Das Stellwerk München Ost, wie es offiziell heißt, steuert dabei die Weichen und Signale der ersten Stammstrecke. Für Fern-, Regional- und Güterzüge bleibt vorerst das alte Relais-Stellwerk verantwortlich. Das zweite neue Stellwerk am Leuchtenbergring steuert derweil den S-Bahn-Verkehr im Abschnitt zwischen den Bahnhöfen Leuchtenbergring und Berg am Laim. Überdies wird es später einmal den Verkehr auf der zweiten Stammstrecke regeln und sei daher für deren Betrieb „unbedingt notwendig“, so Huber.

Der DB-Vorstand posiert nach den Ansprachen noch gemeinsam mit den versammelten Politikern – eine Frau ist an diesem Morgen nicht zugegen – vor einem symbolischen Startknopf, den die Männer dann mehr oder weniger gleichzeitig drücken. Zuvor hat Markus Söder noch einen letzten Seitenhieb in Richtung Bahn ausgeteilt, und zwar in Bezug auf die zweite Stammstrecke. Deren Bau sei inzwischen zwar „besser in Fahrt“, sagt der Ministerpräsident. Doch auf seine eigene Frage, wann die zweite Stammstrecke eröffnet werde, antwortet Söder mit einem: „Ich weiß nicht, ob ich dann noch lebe.“

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