VerkehrswendeWarum München wohl noch lange auf einen S-Bahn-Ring wartet

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Die Gleise, die sich für eine Ringbahn eignen würden, werden bisher nahezu ausschließlich für den Güter- und Fernverkehr genutzt.
Die Gleise, die sich für eine Ringbahn eignen würden, werden bisher nahezu ausschließlich für den Güter- und Fernverkehr genutzt. (Foto: Florian Peljak)

Eine Ringbahn könnte wichtige Querverbindungen schaffen und das Netz entlasten. Nach jahrzehntelanger Diskussion ist sie sogar Teil des bayerischen Koalitionsvertrags. Doch die Chancen für eine Realisierung stehen schlecht.

Von Martin Mühlfenzl

Die Stadt München lässt sich auf gleich drei Wegen umrunden: die Innenstadt auf dem Altstadtring; das weiträumigere Stadtgebiet auf der Bundesstraße 2 R, die jeder nur als Mittlerer Ring kennt; und der Großraum auf dem Autobahnring 99, der zwar den Geburtsfehler besitzt, nicht geschlossen zu sein, was aber für die Menschen im Isar- und im Würmtal ein Segen ist. Allen drei Trassen ist gemein, dass sie nur mit dem Auto befahren werden können – und dass sie Staufallen sind.

Blickt man auf andere Städte, wird deutlich, was fehlt: Berlin umschließt die etwa 37 Kilometer lange Ringbahn, die an mehreren Bahnhöfen wie Ostkreuz, Gesundbrunnen und Südkreuz auch den Umstieg auf den Regional- und Fernverkehr der Bahn ermöglicht. Auch in Hamburg gibt es eine deutlich reduzierte Variante: Mit der U-Bahn-Linie 3 ist es möglich, auf etwa 20 Kilometer Länge die Innenstadt und die Alster zu umrunden – teilweise sogar oberirdisch als Hochbahn.

Warum aber gibt es in München keine Ringbahn um das Stadtzentrum, gleichwohl CSU und Freie Wähler im Koalitionsvertrag der bayerischen Staatsregierung vereinbart haben, sie wollen „einen S-Bahn-Ring realisieren“? Mehr noch, warum liegt der Bahn nach eigenen Angaben bis dato „kein Planungsauftrag vor“.

Überlegungen für einen S-Bahn-Ring um die Landeshauptstadt hat es in den vergangenen Jahrzehnten mehrere gegeben. Dies liegt vor allem daran, dass das bestehende Münchner S-Bahn-Netz längst an seiner Kapazitätsgrenze angelangt ist. Noch vor Inbetriebnahme der S-Bahn zu den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1972 nutzten bereits mehr als 100 000 Menschen am Tag die sogenannten Vorort-Züge, die Menschen aus dem Umland vorwiegend zur Arbeit nach München brachten.

Ein Großteil der Gleise wäre sogar schon vorhanden

Das S-Bahn-Netz selbst war als damals hochmodernes öffentliches Transportmittel auf etwas mehr als 200 000 Pendlerinnen und Pendler täglich ausgelegt. Gegenwärtig nutzen aber nahezu eine Million Menschen am Tag die S-Bahn.

Hinzu kommt eine Schwäche im System, die immer wieder Überlegungen für eine Ringbahn befeuerte: Das Münchner S-Bahn-Netz ist größtenteils sternförmig auf die Landeshauptstadt ausgerichtet – aus allen Himmelsrichtungen fahren Züge ins Zentrum und dort durch die Stammstrecke. Ein Ring, der als Tangentialverbindung innerhalb der Stadt die S-Bahn-Linien miteinander verbindet, fehlt aber. Und das, obwohl ein Großteil der Gleise für einen S-Bahn-Ring bereits vorhanden wäre.

Einen Abschnitt eines möglichen Rings stellt der sogenannte Nordring dar, der eigentlich als Tangente von Ost nach West verläuft und derzeit fast ausnahmslos vom Güterverkehr befahren wird. Seit Jahren laufen Planungen für eine Reaktivierung des Teils von Karlsfeld oder Moosach zum BMW-Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) und möglicherweise weiter bis zum Euro-Industriepark. Die Vorplanungen sind abgeschlossen, mit dem Projekt ist die DB InfraGo betraut, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Derzeit, so teilt ein Sprecher mit, werde der Start der Entwurfsplanung vorbereitet.

Über den Ostbahnhof könnten Nord- und Südring auf bereits bestehenden Gleisen verbunden werden.
Über den Ostbahnhof könnten Nord- und Südring auf bereits bestehenden Gleisen verbunden werden. (Foto: Florian Peljak)

Dies bedeutet aber nicht, das das Vorhaben S-Bahn-Nordring schnell umgesetzt werden kann. Vielmehr wurde im November vergangenen Jahres bekannt, dass der Nordring, der den stetig weiter wachsenden Münchner Norden entlasten soll, wohl erst im Jahr 2036 in Betrieb gehen wird. Ursprünglich war von einer Inbetriebnahme im Jahr 2025, später dann im Jahr 2026 die Rede. Die Bahn sprach von „erheblichen Verzögerungen“ und begründete diese damit, dass erst nach mehreren Ausschreibungsrunden ein Planungsbüro gefunden werden konnte.

Was das für einen kompletten Ringschluss bedeuten könnte? Der Bahn zufolge sei eine „Planungsprämisse“ beim Nordring, eine „Aufwärtskompatibilität zu einem möglichen S-Bahn-Ring so weit als möglich zu berücksichtigen“. Übersetzt bedeutet dies etwa, dass eine ältere Infrastruktur – Straße oder Schiene – zu einem späteren Zeitpunkt auch Merkmale eines neuen Systems aufnehmen oder zumindest mit diesem klarkommen kann. Eine Ringbahn soll also berücksichtigt werden.

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Wer aber verantwortet überhaupt die Tatsache, dass der Deutschen Bahn bisher kein Planungsauftrag für einen S-Bahn-Ring vorliegt? Die bayerische Regierung ist dabei sehr eindeutig. Laut Grundgesetz, teilt das Staatsministerium für Wohnen, Bauen und Verkehr auf SZ-Nachfrage mit, sei „der Bund für den Aus- und Neubau der Schieneninfrastruktur in der Verantwortung“. Der Freistaat, so heißt es weiter, engagiere sich aber „freiwillig im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten für die Verbesserung“ auf der Schiene. Dabei verweist ein Sprecher auf das Programm „Bahnausbau Region München“, das 29 konkrete Maßnahmen beinhalte.

Zentrales Element sei dabei die zweite Stammstrecke, erst mit deren Fertigstellung werde eine „Angebotsoffensive bei der S-Bahn München möglich“. Die Fertigstellung der zweiten Stammstrecke wird aber frühestens im Jahr 2035 erwartet – also etwa zeitgleich mit der Inbetriebnahme des Nordrings.

„Es gibt keine konkrete Planung, weil der Freistaat sie nicht bestellt.“

Dass der Freistaat bei möglichen Planungen für einen S-Bahn-Ring keine Verantwortung trage, stellt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Markus Büchler, infrage. „Es gibt keine konkrete Planung, weil der Freistaat sie nicht bestellt“, kritisiert der Politiker aus Oberschleißheim. „Klar, es müsste baulich einiges getan werden, aber von allein macht die Deutsche Bahn überhaupt nichts.“

Neben dem Nordring, so Büchler, sei ja auch der Südring bereits vorhanden, der über den Leuchtenbergring und den Ostbahnhof erreicht werden könnte. In der Folge könnten, wie auch in einer vom Landtagsabgeordneten Michel Piazolo (Freie Wähler) 2016 in Auftrag gegebenen Studie dargelegt wurde, der Kolumbusplatz und die Poccistraße angeschlossen werden.

Problematisch, so Büchler, sei indes die Weiterführung eines S-Bahn-Rings im Münchner Westen. Dort müsste die Stadt unter Neuhausen, Nymphenburg und wahrscheinlich Moosach untertunnelt werden. „Das ist baulich so herausfordernd, daran glaube ich eigentlich nicht mehr“, sagt Büchler. Aus seiner Sicht wäre der Stadt aber schon geholfen, wenn Nord- und Südring für Entlastung sorgen könnten. „Einen kreisrunden Ring sehe ich nicht. Aber diese Tangentialen wären schon eine große Hilfe.“ Anders als die zweite Stammstrecke, die der Grüne als Milliardengrab bezeichnet, das keine Probleme löse.

Aus Sicht des bayerischen Verkehrsministeriums wird bereits mit dem Regionalzughalt an der Poccistraße das Angebot auf dem Südring deutlich verbessert. Wann dort aber S-Bahnen fahren werden – ebenso wie auf dem Nordring – sei derzeit schwer absehbar, so ein Sprecher. Dafür müsste erst Baurecht vorliegen – und die Finanzierung gesichert sein. Ein S-Bahn-Ring um München wird also noch lange auf sich warten lassen.

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