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Literaturhaus München:Robert Habeck und die romantische Liebe

Habeck in Naumburg

Grünen-Chef Robert Habeck verteilt bei einem Wahlkampftermin Kuchen.

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

"Ich bin nicht hergekommen, um parteipolitischen Krimskrams zu machen": Der Grünen-Chef liest aus seinem Buch über die Verrohung der Sprache. Am Ende fällt doch die Kanzlerfrage.

"Nur was wir sagen können, können wir denken." Der Satz klingt gewichtig und in den Ohren sehr vieler Menschen ebenso richtig. Zumindest nicken viele überzeugt mit dem Kopf, als Robert Habeck ihn an diesem Abend im Münchner Literaturhaus ausspricht. Es geht um die Verrohung der Sprache, es geht darum, was passiert, wenn Populisten die Grenzen des Sagbaren immer weiter nach rechts verschieben, um das Buch, das der Grünen-Politiker zu dieser Frage geschrieben hat, um Habeck selbst. "Ich bin nicht hergekommen, um parteipolitischen Krimskrams zu machen", sagt er gleich zu Beginn der Lesung. Der Saal ist voll besetzt, an der Abendkasse haben sich gesetzte Damen eben fast noch um die Platzierung auf der Warteliste gezankt, aus Sorge, keine Karte mehr zu bekommen.

Habeck gilt vielen als Mann der Stunde, den will man nicht verpassen. Vor knapp anderthalb Jahren hat er zusammen mit Annalena Baerbock den Bundesvorsitz der Partei übernommen, seither feiern die Grünen immer größere Erfolge. Zweitstärkste Kraft bei der Landtagswahl in Bayern, fulminante Ergebnisse bei der Europawahl. München, die seit Jahrzehnten SPD-regierte Landeshauptstadt inmitten des CSU-regierten Freistaats ist inzwischen eine Grünen-Hochburg. Das schlechteste Stadtviertel-Ergebnis bei der Europawahl liegt bei 21,5 Prozent in Feldmoching-Hasenbergl, 42,9 Prozent der Menschen in Ludwigvorstadt und Isarvorstadt haben grün gewählt. Ein Teil dieser Wähler sitzt an diesem Abend wohl im Literaturhaus.

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Kein parteipolitischer Krimskrams. "Ich beantworte zwar alle Fragen, aber eigentlich geht es ums Buch", betont Habeck. "Wer wir sein könnten" ist mit 130 Seiten eher ein Büchlein, er selbst nennt es "Interventionsschrift", das ziemlich spontan und schnell im Sommer 2018 entstanden ist. Deutsche Politiker stritten über "Asyltourismus", verharmlosten Gewalt von Rechts, in München trieb das mehr als 25 000 Menschen auf die Straße, die sogenannte #ausgehetzt-Demo wandte sich vor allem gegen Politik und Sprache der CSU. Vorne im Protestzug mit dabei: die Grünen.

Das sehen sie derzeit als ihre Kernkompetenz: vorne mit dabei sein. Als diejenigen, die noch am ehesten verstehen, was viele Menschen im Land umtreibt. Der Union und vor allem der SPD kommen die Wähler abhanden, den Grünen wird es langsam unheimlich. So viel Zuspruch, so viel Verantwortung. Was ist ihr Geheimnis, oder eine Nummer kleiner: Was ist dieser Habeck-Faktor?

Von Literaturhaus-Chefin Tanja Graf wird er als Autor, Philosoph und Politiker vorgestellt. Etwa 45 Minuten liest er den 330 Zuhörern aus dem aktuellen und aus einem früheren Buch vor. Andere Politiker klingen im direkten Gespräch so empathisch, als hätten sie einen Powerpoint-Vortrag auswendig gelernt. Habeck plaudert selbst beim Vorlesen. Charisma. Andere Politiker passen ihr Auftreten dem Anlass an, Anzug - Freizeitkluft - Trachtenjanker. Habeck steht da in Jeans und schwarzem Pulli, das leicht verknitterte Sakko hängt nach ein paar Minuten überm Stuhl. Authentizität. Er erklärt die These seiner Schrift anhand der romantischen Liebe: "Erst als wir Worte für sie hatten, gab es sie." Über sieben Absätze zieht sich die Erläuterung, wie Sprache Wirklichkeit schafft, ein kleiner Philosophie-Exkurs über Shakespeare, Goethe, Luhmann. Das Publikum, recht gemischt übrigens, lauscht gespannt, manche vielleicht auch ein bisschen verzückt. Man treffe heutzutage selten auf Politiker, die Themen politisch und intellektuell so aufbrechen könnten, schwärmt später ein Herr Mitte 60.

Zwischen zwei Vorlese-Blöcken, in denen es neben der romantischen Liebe viel um die Jamaika-Verhandlungen und seinen eigenen Werdegang als Politiker geht, gibt es eine Fragerunde. Dabei ist auch Habecks selbstgewählter Abschied aus den sozialen Netzwerken Anfang des Jahres ein Thema. Er hatte zuvor zweimal mit überspitzten Formulierungen Irritationen erregt, die falsche Sprache gewählt. "Ich habe mich gefragt, wie ich den gleichen Fehler zweimal machen kann", sagte Habeck damals. Er wolle wieder fokussierter sein, sagt er heute, auf Twitter oder Facebook sei das kaum möglich, die Plattformen erzeugten eine notwendige Radikalität der Sprache, der er sich entziehen möchte.

Nur eine Frage aus dem Publikum hält Habeck an diesem Abend "für unzulässig", beantwortet sie dann aber trotzdem. "Ich höre Ihnen gerne zu", sagt ein älterer Mann, "ist es denkbar, dass Sie aufgrund Ihrer Fähigkeit auch zufälligerweise mal Bundeskanzler werden?" Er erntet Applaus und begeistertes Gejohle. Habeck lehnt ab, das sei eine Entscheidung, die man nicht aus einer Laune heraus treffe. "Wenn Politik im Moment gerade etwas richtig macht, dann ist es, nicht um sich selbst zu kreisen."

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