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Verkehr in München:Ist die Rikscha ein Taxi oder Touristenattraktion?

Rikscha-Zusammenkunft vor der Oper: Vertreter des Berufsverbands und der AG Rikscha trafen auf die Verantwortlichen der Unternehmen.

(Foto: Catherina Hess)

Unter Münchner Fahrern fallen die Antworten darauf unterschiedlich aus. Und weil sie uneins über ihr Geschäftsmodell sind, ist nun ein Streit über einheitliche Tarife entbrannt.

Von Ramona Dinauer

Ist die Rikscha ein Taxi oder ein unterhaltendes Fahrgeschäft? In München fallen die Antworten auf diese Frage sehr unterschiedlich aus, vor allem von den Rikschafahrern selbst. Das sind durchaus bedeutende Differenzen, denn sie schlagen sich in den Preisen nieder. Oftmals zu teuer, um die Einheimischen zum Einstieg zu bewegen, fand Falk Hilber die Fahrpreise. Deshalb beginnt er über seine Plattform Rikschaguide einen Taxi-Tarif anzubieten. Drei Euro für den Zustieg plus vier Euro pro Kilometer kostet die Fahrt dann. Bislang haben sich 21 der etwa 50 Fahrer, die über den Rikschaguide gebucht werden können, den Fixpreis auf die Fahne geschrieben.

Knapp 200 gewerbliche Rikschas fahren in der Hochsaison durch München. Anfang Juli stellte Hilber seinen Taxi-Tarif unter Beisein von Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) auf dem Odeonsplatz vor. Ein öffentlichkeitswirksamer Vorstoß, der nicht allen seinen Kollegen gefiel. Vom Image des Touristen-Fahrgeschäfts weg als günstige Alternative zum Auto-Taxi wahrgenommen zu werden, ist schon lange Wunsch der Branche. Doch für sieben Euro zwei Personen durch die Altstadt zu befördern, sei nur machbar, wenn permanent ein Gast in der Rikscha sitze, sagt der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Rikscha, Maximilian Schmid. Nur selten schließe eine Fahrt direkt an die vorherige an. Zudem könne man einen Kilometer auf dem Rad hoch zum Friedensengel nicht mit einem Kilometer durch den Park gleichsetzen.

Die AG Rikscha formierte sich 2014 unter dem Dach des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), nachdem die Stadt einen zentralen Ansprechpartner aus der Branche gefordert hatte. Zu groß war das Chaos auf dem Marienplatz unter den Rikschas geworden. Mittlerweile gibt es dort einen gekennzeichneten Standplatz. Wer auf einem der begehrten Plätze steht, möchte diesen nur ungern für eine Sieben-Euro-Fahrt aufgeben, wenn der Kollege die Stadtrundfahrt für 60 Euro ergattert.

Doch für Rundfahrten bleiben seit Beginn der Corona-Krise die Gäste aus fernen Ländern aus. Hinzu kommt das abgesagte Oktoberfest. "Bei der Wiesn können sich die Rikschafahrer eigentlich finanziell Speck für den Winter reinradeln", sagt Schmid. Umso größer sei die Furcht um die jährlichen Einnahmen, und zu günstigeren Preisen fahren zu müssen. Der Gedanke hinter Hilbers Taxi-Tarif sei gut, komme jedoch zum falschen Zeitpunkt, meint Schmid. Ohnehin hätten sich etwa dieselben Preise etabliert. Zum Beispiel 25 Euro vom Marienplatz zum Chinesischen Turm. Mit dem Taxi-Tarif ginge das für 14 Euro.

Seit 2019 gibt es den Berufsverband der Münchner Rikschafahrer/innen

"So eine Fahrt hat eine gewisse Wertigkeit, da will ich mir nicht vorschreiben lassen für wie viel Euro ich zu fahren habe", sagt Christian Kroner. Unterordnen möchte er sich weder einem Tarif noch dem ADFC. So gründete er 2019 eine zusätzliche Branchenvertretung - den Berufsverband der Münchner Rikschafahrer/innen. Er sieht sich wie viele der Rikschafahrer als Stadtführer und nicht als Taxifahrer. Mit Weste und breitem Lächeln radelt er seine Gäste nicht über die Ludwigsstraße zum Chinesischen Turm. Er kutschiert durch den Hofgarten mit Halt an der Surferwelle in den Englische Garten und erzählt dabei von König Ludwig II.

Für diejenigen sei sein sogenannter "Taxi Tarif Plus" gedacht, entgegnet Hilber. Gäste, denen Sightseeing auf der Rikscha wichtiger sei als der schnelle Transport, können zu diesem Tarif, der dem Gentleman's Agreement der Rikschafahrer ähnelt, eine Fahrt buchen. Eine Kurzstrecke für unter 10 Euro kann auch Dominic Staat mit seinem Unternehmen Pedalhelden bieten. Er war 1997 der erste gewerbliche Rikschafahrer in München. Seitdem flammen immer neue Diskussionen in der Branche auf - Standplätze, Gestattungsverträge und nun eben der Taxi-Tarif. Im Sommer fahren bis zu 50 Radl-Taxler für Staat.

Ebenso viele können es beim Lederhosen-Express werden, dem Unternehmen der Zwillingsbrüder Maximilian und Alexander Zwez. Auch sie möchten das Angebot in der Branche vielfältiger machen. Nicht nur Touristenattraktion oder Taxi könne eine Rikscha sein, sondern auch Teil des öffentlichen Nahverkehrs, meint Maximilian Zwez.

Neben Einzelfahrten könnten Rikschas beispielsweise zu festen Zeiten das MVV-Netz erweitern. Als Zubringer für Geschäfte in engen Straßen sieht Zwez Potenzial in den E-Rikschas. Das habe sich im Mai bereits in Wolfratshausen bewährt, als die Stadt mit kostenlosen Rikschafahrten versuchte, den Einzelhandel zu beleben. "Die Corona-Krise könnte auch für uns Innovationsbeschleuniger sein", sagt Zwez.

Auf einen Verteilungskampf in der Rikschabranche haben viele keine Lust

Seit April benötigt man keine Ausnahmegenehmigung vom Kreisverwaltungsreferat mehr, um Personen auf Fahrrädern zu befördern. Für bezahlte Rikschafahrten braucht es dennoch eine gewerbliche Erlaubnis. Zum Ende des vergangenen Oktoberfests gab es etwa 250 der Ausnahmegenehmigungen, teilt das KVR mit. Besonders zur Wiesn-Zeit gab es überteuerte Touren mit Fahrern von außerhalb. Das habe den Ruf der Branche geschädigt, sagt Wirtschaftsreferent Baumgärtner. Einheitliche und transparente Preise und damit ein freiwilliger Radl-Taxi-Tarif seien aus touristischer Sicht zu begrüßen. Er würde "den Wildwest-Verteilkampf in der Rikschabranche gerne beenden". Die Rikschas hätten Potenzial, als Taxi-Alternative einen fließenden Verkehr zu fördern.

Mehr nach bayerischer Gemütlichkeit als wildem Westen sieht eine kleine Kolonne an Rikschas Anfang August aus. Maximilian Schmid, Christian Kroner, ein Rikschaguide-Fahrer, Maximilian Zwez und ein Pedalhelden-Fahrer radeln mit ihren bunten Wagen gemeinsam zum Treffen der AG Rikscha. Im Sitzkreis auf der Wiese vor dem Monopteros ist von den vermeintlich tiefen Gräben in der Branche an diesem Sommerabend nichts zu spüren.

Erster Tagesordnungspunkt: die Plakette, die gewerbliche Rikschas seit April für den Englischen Garten brauchen. Ohne einen solchen Gestattungsvertrag sei man als Rikschafahrer nicht konkurrenzfähig, meint Schmid. Mehr als 80 solcher Plaketten hat die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung bislang an 40 Firmen ausgegeben. Wegen Corona kosten die gelben Schilder heuer 50 statt 200 Euro. Ein Preis, den die Fahrer auch sonst angemessen fänden.

Die Stimmung ist gelöster als noch im April. Der Marienplatz ist belebt, die Rikschas fahren wieder erste Touristen aus Deutschland durch die Stadt. Auch Münchner steigen mittlerweile öfters ein. Über sie freuen sich die Rikschafahrer besonders.

© SZ vom 13.08.2020/infu

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