Dank eines aufmerksamen Apotheken-Mitarbeiters in Laim ist den Münchner Strafverfolgern ein schwerer Schlag gegen eine bundesweit agierende Bande von Rezeptfälschern osteuropäischer Herkunft gelungen. Der Apotheken-Angestellte hatte im November erkannt, dass ein Mann ein gefälschtes Rezept für ein hochpreisiges Arzneimittel einlösen wollte, und umgehend die Polizei verständigt. Die nahm den Mann, einen 25-jährigen Ukrainer, noch am Ort des Geschehens fest. Durch die Auswertung seiner Kontaktdaten kamen Ermittlungen ins Rollen, die zu Durchsuchungen und weiteren Festnahmen in München, Heidelberg, Berlin und Potsdam führten.
Dort wurde zuletzt Mitte Januar ein 43-jähriger Moldauer auf frischer Tat ertappt, als er vor seinem angeschalteten Laptop und Drucker saß, um ihn herum zahlreiche Blankorezepte. Derzeit sitze etwa ein Dutzend Tatverdächtige in Haft, teilte die Staatsanwältin Marie-Anne Tokaji am Donnerstag mit; sie ist zuständig für die Verfolgung von Fällen der Organisierten Kriminalität (OK).
Christian Kruse vom Kommissariat 84 hat eine Liste von 500 Personen erstellt, die in ganz Deutschland im Zusammenhang mit gefälschten Rezepten aufgefallen sind. Die Hintermänner seien fast nur Moldauer und „familiär verstrickt“, wie er sagte. Bei den Abholern kämen Menschen aus anderen Ländern hinzu, vor allem „Personen, die der kyrillischen Schrift mächtig sind“, wie Kruse erklärte: Diese würden häufig über Telegram angeworben.
Rezeptfälschungen sind nicht neu, wurden aber früher eher für die Beschaffung von Rauschmitteln für den Eigenbedarf genutzt. Seit 2023 stellten die Ermittler eine Zunahme von gefälschten Kassenrezepten für hochpreisige Arzneimittel wie Abnehmspritzen fest. „Da gab es am Anfang eine gewisse Knappheit“, erklärte Staatsanwältin Tokaji.
In jüngster Zeit habe sich die Bandbreite der Präparate erweitert, hat der Kripo-Beamte Kruse beobachtet: Auf den gefälschten Rezepten stünden nun Krebsmedikamente, Wachstumshormone, Mittel gegen Lungenhochdruck, Hepatitis, Dermatitis. „Es sieht so aus, als ob Bestellungen eingehen bei den Tätern“, sagte Kruse. Der Weg der Präparate lasse sich nach Osteuropa verfolgen, das von internationalen Sanktionen betroffene Russland sei dabei ein großer Absatzmarkt.
Staatsanwältin Tokaji sagte: „Unsere Zielrichtung ist, den Betrug an den Krankenkassen zu verhindern.“ Im Schnitt kosten die ergaunerten Präparate zwischen drei- und siebentausend Euro pro Rezept, wie Kruse berichtete; in einem Fall habe das Medikament sogar einen Wert von 13 000 Euro gehabt. Für die Allgemeinheit, so die Staatsanwältin, entstehe der Schaden dadurch, dass die Kosten der Krankenkassen zu einer Erhöhung der Versicherungsbeiträge führten. Betroffen von dem Betrug seien alle großen Krankenkassen, der Schaden belaufe sich auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr.
Die umfangreichen Ermittlungen erklärte die Staatsanwältin am Donnerstag so: „Wir haben ein Interesse, die Dinge an der Wurzel zu packen und nicht nur die Abholer in der Apotheke zu fassen.“ Die würden oft mit 50 bis 100 Euro abgespeist. Dass die Zentrale des Netzwerks in Berlin sitzt, hat die hiesigen Ermittler nicht von ihren Maßnahmen abgehalten. Die Taten, denen sie nachgingen, hatten ja einen Bezug zu München.
So wie beim jüngsten Tatverdächtigen, einem 15-Jährigen aus Berlin, auch er moldauischer Staatsbürger. Der Teenager telefonierte nach der Schule Apotheken ab und orderte schon mal die hochpreisigen Medikamente. Auch ihn fand die Polizei über die Kontaktdaten des in Laim festgenommenen Ukrainers.

