Prozess in MünchenSupermarkt-Räuber zu langen Haftstrafen verurteilt

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Der Überfall auf einen Rewe-Supermarkt kam die Angeklagten nun teuer zu stehen (Symbolbild).
Der Überfall auf einen Rewe-Supermarkt kam die Angeklagten nun teuer zu stehen (Symbolbild). Sabine Gudath/Imago

Die vier Männer hatten einen Rewe überfallen, bei der Flucht die Beute verloren und viele DNA-Spuren hinterlassen. Vor Gericht begründen sie die Tat mit einer Story „wie aus einem schlechten amerikanischen Film“, wie der Richter findet.

Von Susi Wimmer

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„Darf ich mich noch von meiner Frau und meiner Mutter verabschieden?“, fragt Ruben C. mit waidwundem Blick. Richter Markus Koppenleitner nickt. Gerade hat der Vorsitzende der 19. Strafkammer am Landgericht München I. Ruben C. und seine drei Komplizen wegen schweren Raubes zu empfindlichen Freiheitsstrafen verurteilt und Ruben C. noch im Gerichtssaal verhaften lassen. Das Quartett hatte im April vergangenen Jahres mit einer Schreckschusswaffe im Anschlag den Rewe-Markt an der Putzbrunner Straße überfallen. Dabei ging es ihnen in den Augen des Gerichts nicht um Geld, sondern darum, sich in der Rocker-Gruppierung „La Familia“ zu beweisen.

„Sie haben die Menschen dort in Todesangst versetzt“, hielt Koppenleitner den vier Angeklagten im Urteilsspruch vor. Eine Zeugin habe bis heute Angst, dass das erneut geschehen könnte, einer der Angestellten habe vor Gericht immer noch verängstigt gewirkt. „Und eine 70-jährige Kollegin leidet bis dato unter psychischen Beeinträchtigungen“, sagte Koppenleitner an Hassan M. (Name geändert) gewandt. Kollegin, oder besser Ex-Kollegin, deshalb, weil Hassan M. in dem Rewe-Markt seine Ausbildung absolviert hatte. Und er dadurch wusste, dass es in dem Supermarkt keine Videoüberwachung gibt.

Einer der Täter hatte eine Schreckschusswaffe und eine Sturmhaube, der andere sah als ehemaliger deutscher Meister im Bodybuilding ohnehin bedrohlich aus, einer sollte einen Kunden spielen, der vierte im Auto warten. So fuhren die vier am 13. April 2024 kurz vor Ladenschluss um 20 Uhr bei Rewe vor, parkten das Auto etwas entfernt.

Dominik N. trat als Kunde auf den Plan: Er legte im Markt ein paar Artikel zum Bezahlen auf das Band, darunter Damenstrumpfhosen, um dann vorzugaukeln, er habe seine EC-Karte im Auto vergessen. Zu diesem Zeitpunkt war die Schiebetüre zum Markt von außen nicht mehr zu öffnen, von innen aber schon. Dominik N. stellte sich in die Lichtschranke, und ließ seine beiden Komplizen herein.

Hassan M., 25, fuchtelte mit der Waffe herum und drückte den Marktleiter ins Büro, wo gerade der Tresor für die Abrechnung offen stand. Bodybuilder Antonio M., 28, stand dabei, während sein Freund den Tresor ausräumte. Dann rannten alle drei aus der Tür. Allerdings hatte zuvor ein Markt-Angestellter die Männer mit Sturmhauben hineingehen sehen. Er stellte sich den Flüchtenden in den Weg, es kam zu einer Rangelei, die Papiertüte mit den 3450 Euro fiel zu Boden und platzte. Die Täter flohen mit leeren Händen.

Und nicht nur das: Im Auto stellten sie fest, dass einer seinen Motorradsturzhelm im Markt vergessen hatte, auch eine Sturmhaube fehlte – und dass man daran DNA-Spuren finden würde, war den teils erheblich vorbestraften jungen Männern dann doch klar. Und dass Dominik N., 31, nicht daran gedacht hatte, dass auch seine Fingerabdrücke bei der Polizei gespeichert sind und er alle Waren auf dem Kassenband angefasst hatte, gereichte ebenfalls nicht zu seinem Vorteil.

„Wir müssen nicht jeden Unsinn glauben“

Am ersten Prozesstag hatten alle Angeklagten ein Geständnis abgelegt und als Motiv angegeben, dass sie Hassan M. helfen wollten, seine Schulden aus Drogengeschäften zu begleichen. Der ehemalige Rewe-Azubi hatte dazu eine Story „wie aus einem schlechten amerikanischen Film“ zum Besten gegeben, wie Richter Koppenleitner meinte. Dass er 2000 Euro Drogenschulden habe und plötzlich fünf Männer in einem Auto vor seiner Türe gestanden seien, um die Schulden einzutreiben. Sie hätten eine Waffe auf seine Kniescheibe gehalten und gedroht abzudrücken, wenn er nicht binnen einer Woche zahle. Er habe unter Todesangst gelitten.

„Wir müssen nicht jeden Unsinn glauben“, sagte Koppenleitner dazu. Schließlich habe Hassan M. sich in den folgenden drei Tagen ein Hotelzimmer gemietet, gekokst und Sex gehabt. „Da hätten Sie das Koks mal lieber verkauft und Ihre Drogenschulden bezahlt“, meinte der Richter.

Vielmehr machte die Strafkammer als Motiv die Mitgliedschaft bei „La Familia“ aus. Der 36-jährige Ruben C., mehrfach wegen Raubes vorbestraft, habe die Gruppe in München gegründet, die unter dem Motto „ein Prozent“ firmiere. Sie würden sich als das eine Prozent unter den Motorradfahrern sehen, die kriminell seien, gesetzlos. Alle vier Angeklagten hätten im Prozess versucht, die Gruppierung herunterzuspielen. Man sei ja nur montags in Kutten gemeinsam zum Pizzaessen gegangen. „Aber bei dem Überfall ging es darum, sich in der Rocker-Gruppe zu beweisen“, so Koppenleitner.

Den Eindruck hätten auch Fotos bestätigt, auf denen die jungen Männer mit Waffen posierten oder dem „La-Familia-Logo“, das aussehe „wie eine Weihnachtsdeko“, so der Richter. Dass die Täter derartige Bilder auch noch ins Netz stellten, sei für Polizei und Justiz ein Segen. Die Kammer verurteilte die Männer zu Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb Jahren und fünf Jahren und drei Monaten. Sie können gegen das Urteil in Revision gehen.

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