bedeckt München 23°

Münchner Momente:Es ist tatsächlich Gold, was glänzt

Wie hat man das nur ausgehalten, zweieinhalb Monate ohne Restaurantbesuche inklusive unfreiwillig mitgehörter Gespräche am Nachbartisch? Vor allem, wenn dort Pensionäre über Peseten parlieren

Neulich beim Italiener in Neuhausen, es ist einer der ersten Tage, an denen Restaurantbesuche auch drinnen wieder möglich sind. Die beiden Paare gehobenen Niveaus und Alters am Nachbartisch haben keine schnöde Pizza bestellt, sondern Fisch, den der maskierte Kellner vor dem Servieren fachkundig zerlegt. Beim Essen parlieren die Pensionäre über Peseten. Sie schenke ihren Enkelkindern zu jedem Geburtstag eine Goldmünze, erzählt die eine. Goldbarren seien auch ihre eigene Anlageform der Wahl, was solle man sonst mit seinem Geld anfangen. Die Mieteinnahmen aus ihren drei Wohnungen reichten ihr fürs Alter vollkommen aus, berichtet die andere, aber eigentlich solle man ja in diese Fonds investieren, ETFs oder wie die heißen. Woraufhin einer der Herren von Schiffscontainern berichtet, mit denen er viel Geld verloren hat.

Nach einer Weile fragt man sich, wie man das eigentlich ausgehalten hat, zweieinhalb Monate ohne Restaurantbesuche inklusive mangels Ohrenmaske unfreiwillig mitgehörter und erfrischender Gespräche am Nachbartisch: Es ist ja in letzter Zeit wirklich oft genug die Rede gewesen von all jenen Menschen, die wegen Corona finanziell nicht mehr gut über die Runden kommen. Die unveränderten Probleme des ganz normalen Durchschnittsmünchners hingegen, der es auch nicht leicht hat, weil er nicht weiß, wohin mit den Moneten, sind dabei viel zu lange sträflich vernachlässigt worden.

Um eingelassen zu werden beim Italiener, hat man, wie es jetzt üblich ist, einen Zettel ausgefüllt: Name, Adresse, Telefonnummer. Hätte man nun das Formular der anderen, um, nur theoretisch, mal zu gucken, wie so ein Goldbarren aussieht ... Aber lassen wir das. Unkomplizierter ist es in der Bar, deren Freischankfläche man nach der Pizza aufsucht - da stehen auf dem Formular, das draußen durchgereicht wird, alle Gäste mitsamt Kontaktdaten untereinander. Hervorragend geschützt ist man trotzdem. Gläser werfe er nach Gebrauch einfach weg, erklärt der freundliche Barkeeper. "So sind wir alle safe." Umweltfreundlicher als Plastikbecherorgien ist die Methode allemal.

© SZ vom 05.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite