Kulinarische Expeditionen von Amts wegen führen die Testerinnen und Tester der SZ-Kostprobe an die verschiedensten Orte Münchens. Verwundert reibt man sich mitunter die Augen, landet man in, nun ja, Lokalen in bescheideneren Vierteln mit höchst reduziertem Ambiente und trifft dort auf raffinierteste, vorzügliche Küche. Steuert man exklusive Stadtteile an, etwa Bogenhausen mit seinen eleganten Villen und prachtvollen Altbauten, freut man sich, hier genauer hinter die Fassaden schauen zu dürfen. Diesmal in den Bogenhauser Hof, genauer: die Villa Amalfi, Cucina Italiana im Bogenhauser Hof.
Das Haus, spätklassizistisch, gut 200 Jahre alt, steht unter Denkmalschutz und ist seit seinem Werdegang beginnend als Tafernwirtschaft im Jahr 1854 auch so etwas wie ein Gedenken an jene Gesellschaftsgrößen, die hier aus- und eingingen. Schaut man nur in die Neuzeit, sind es natürlich Politiker aus dem nicht weit entfernten Maximilianeum. Franz Josef Strauß und alle anderen Ministerpräsidenten. Aber auch so manche illustre Liaison von Tennisspielern und Fußballern nahm hier ihren Anfang.
Betritt man den überaus lauschig eingerichteten, zitronenbaumgeschmückten Garten vor dieser schönen Giebelvilla, sitzt folglich gleich ein bissl Prominenz aus dem Herzogpark auf weichen Kissen vor hübschen Tischlichtern. Coole, snobby Atmosphäre? Trotzdem nicht, no, niente. Das Restaurant empfängt einen mit warmen, offenen Armen – und die italienische Küche mit bayerischer Anlehnung ist sehr, sehr ordentlich. So viel schon einmal zum Anfang.
Vor gut zwei Jahren hat Karl Rieder zusammen mit Kian Moussavi das Restaurant nach längerer Renovierung wiedereröffnet. Ursprünglich kochte dort Hannes Reckziegel, der aber zwischenzeitlich als Küchenchef ins Greta Oto in den neuen Koenigshof gegangen ist. Nun steht Maurizio Contento am Herd und folglich ist aus dem Bogenhauser Hof die Villa Amalfi geworden. Ursprünglich nur als Sommeraktion gedacht, kam die italienische Küche bei den Gästen so gut an, dass sie geblieben ist.

Tatsächlich ist das Restaurant mit 300 Innen- und Außenplätzen immer sehr gut besucht, auch wochentags. Rosa Marín und ihre Mittester schätzten den ausgezeichneten, aufmerksamen, aber nie aufdringlichen Service. Es ist geschäftig hier wie in einer schönen alten Trattoria in der Nachbarschaft.
Das Amalfi ist insgesamt ein Italiener con sentimento, das Münchner Chichi überschaubar, nur die Deko mit leicht überladenen Rosen über der Bar ist wohl dem opulenten Bogenhauser Umfeld geschuldet, aber auch das gehört dazu.

Und nun zur Speisekarte, die sich laut Beschreibung an die amalfitanische Küste anlehnt. Aber auch hier feine Rücksichtnahme auf die Kundschaft, die sich ja erst einmal daran gewöhnen muss, dass in ihrem Traditionslokal nun plötzlich ein Italiener residiert: Es gibt deshalb natürlich weiterhin Austern (7,50 Euro das Stück), allerfeinste Ostriche mit Tropea-Zwiebel-Vinaigrette und Amalfi-Zitrone. Rosa Marín ließ sich diese Form der marinierten Kostprobe nicht nehmen. Und natürlich steht da auch eine feine Hummerschaumsuppe (19,50 Euro) auf der Karte.
Aber kommen wir zum Wesentlichen: dem Vitello Tonnato (18,50) als Vorspeise, das ja in italienischen Lokalen eine Art Schlüsselgericht ist. Wenn das dünn geschnittene rosa Kalbfleisch mit Thunfisch-Kapernsoße nicht gut ist, kann man den ganzen Laden vergessen. Hier war das Fleisch saftig und von feiner Qualität, nicht kalt, die Soße leicht und cremig und nicht majonnäsig, gute Kapern und wirklich nett, dass man ohne Weiteres und sehr schnell (darauf wartet man ja manchmal, bis alles schon aufgegessen ist) eine Zusatzportion von der Soße bekam.
Die Runde am Tisch gönnte sich eingangs Bruschetta, ein Teller mit drei Stücken für 9,80 Euro. Preislich durchaus angemessen. Die Bruschetta mit Parmesan und ohne Knoblauch war nicht klassisch. Bei einer guten Bruschetta wird das frisch geröstete Brot noch warm mit Knoblauch eingerieben, dann kommen Tomaten mit Öl und Basilikum darauf. Alles andere, so die Mittester, die einen kleinen Wohnsitz auf einer italienischen Insel haben, sei Quatsch, also Rucola-Blätter drunter (Deko-Wahn und Angst vor Leere?). Auch die dünnen Parmesanblätter obendrauf – was solle das denn? Im Übrigen lebt solch ein Gericht ja von der Qualität der Tomaten, die hier waren so lala, aber das sind sie im Moment überall. Der Tisch kam überein, dass das mal ein eigenes Thema sei: die Ruinierung der Tomate selbst in Italien. Denn: Für wirklich gute Tomaten zahlst du ein Vermögen und bekommst sie nicht mal.

Die Teller sind allesamt hübsch angerichtet, kommen gleichzeitig mit einem freundlichen Lächeln der Kellner auf dem Tisch. Etwa die Burrata (17,80) mit Bunte-Bete-Kräutersalat an Feigen-Walnuss-Dressing. Die Burrata brizzelte leicht auf der Zunge. Sie muss außen eine Konsistenz wie Mozzarella haben, aber nach dem Anschneiden ausfließen. Diese hier war schon außen cremig, wirkte nicht hyperfrisch, kein gutes Zeichen, aber auch nicht wirklich schlimm. Der Sugo mit Tomaten und Pistazien ausgezeichnet, also im Prinzip ein schönes Gericht.
Nun zu den Hauptspeisen: Hier gönnte man sich eines der teuersten Gerichte – Lammkarree mit Pistazienkruste (39,50) samt grünem Spinat. Die Konsistenz traumhaft zart, rosa wie es sein sollte. Püree und Spinat harmonierten unter feinem würzigen Schaum, dazu eine kleine Handvoll Pfifferlinge, was will man mehr. Eine äußerst ansehnliche Portion.
Die Tagliatelle als Tartufo (26,50) überzeugten den Trüffel-Experten am Tisch. Es waren überwölbend viele Scorzone-Trüffelhobel gestreut, so wie es sich in Bogenhausen gehört. Die Soße, bestehend aus Pecorino und Pfeffer, war nicht zu wenig, nicht zu viel, von einer perfekten Viskosität. Ein wenig zu viel Salz war in die Ravioli al Taleggio (26,80) geraten, dies der Vollständigkeit halber.

Kommen wir zur Sogiola alla griglia für stolze 44,50 Euro. Die Seezunge war vom Grill wie auf der Karte beschrieben. Das kann man durchaus machen. Wenn aber kein Vollprofi davor steht, ein Rat: Aus der Pfanne gelingt sie eigentlich besser, auf dem Grill kann sie schnell trocken geraten. In der Villa Amalfi war das nicht der Fall, die Sogliola hat gut geschmeckt, wurde vom Kellner filetiert und war noch saftig, knapp an der Grenze. Sie hätte ein besseres Öl verdient gehabt, da ist noch Luft nach oben. Die dazu gereichten Kartoffeln und der Spinat waren wunderbar.
Man sitzt hier sehr ruhig und entspannt. Da bleibt am Ende des Abends noch Luft für Dolci. Etwa für eine „Inspirazione al Cheesecake“, dahinter verbirgt sich ein Pistazien-Käsekuchen mit Waldbeeren (11,80). Der schmeckte sahnig und war trotzdem fluffy. Die Tiramisu della Casa (9,80), hübsch in einem hohen Schälchen dekoriert, war okay, aber ein wenig wässrig.
Die Preise hier in Bogenhausen sind vergleichsweise okay, nicht überkandidelt. Die Weinkarte ist vielfältig, einige Fundstücke zieren sie. Der Tischrunde hat gefallen, dass es viele verschiedene Weine im Glas gegeben hat, die man auch alle vorher probieren konnte. Dabei sind solche, die man nicht überall bekommt. Etwa ein badischer Rivaner von Karl H. Johner, ein Familienbetrieb am Kaiserstuhl, der für seine Experimentierfreude bekannt ist. Rivaner ist ein Müller-Thurgau, aber in diesem Fall nicht typisch, milde Säure, leicht und frisch, aber sehr gehaltvoll.
Oder ein Rosé aus Apulien, Tramari Primitivo Rosé San Marzano, ein sehr guter Wein, leicht und ausgewogen. San Marzano ist ein Zusammenschluss von 19 Winzern aus dem Jahr 1962, die tadellose Weine machen. Das Glas 0,2 hier kostete 10,80 Euro, die Flasche 32 Euro. Den Wein gibt es im Handel für 7,50 Euro die Flasche. Man kann den Preis im Lokal also hoch finden, muss man in Bogenhausen aber nicht. Wir sehen uns wieder. Arrivederci.
Villa Amalfi, Cucina Italiana, im Bogenhauser Hof, Ismaninger Straße 85, 81675 München, Telefon 089/985586, Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 11.30 Uhr bis 22.30 Uhr.
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderte Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

