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Tahdig:Die wahre Vielfalt der persischen Küche

Essen im Mittleren Osten, das heißt der Tisch wird voll beladen mit Gerichten, die man auch gut teilen kann.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Tahdig ist gut für einen kulinarisch-kommunikativen Abend geeignet. Die Schmor-Spezialitäten sind in München wohl einzigartig. Die Getränkepreise sind es leider nicht.

Ein herrschaftliches Bürgerhaus im schönen Lehel. Zur Eingangstür im Erdgeschoss führen ein paar Stufen hinauf. Dahinter betritt man den Gastraum, das heißt den ersten - vorderen - Gastraum. Das Tahdig ist ein zweiteiliges Ensemble, durch einen Korridor verbunden und auf rekordverdächtige Weise verwinkelt. Zu den Waschräumen gelangt man zudem per Abenteuerausflug in ein mittelalterlich anmutendes Kellergemäuer. All das ist kein Nachteil. Helle Wandfarben, moderne kalligrafische Kunst, verzierte Teller, Schwarz-Weiß-Fotos des alten Teheran schaffen eine verspielte Gemütlichkeit. Man fühlt sich wohl in den Nischen und Ecken des Tahdig, einem neu eingerichteten Restaurant mit persischen Spezialitäten.

Hat man sein Plätzchen gefunden, bleibt eigentlich nur noch das zu tun, was man im Mittleren Osten tut: den Tisch mit Essen vollladen bis die Platte knarzt. Klar, man kann auch mitteleuropäische Traditionen wahren, eine Vorspeise wählen und sich anschließend dem Hauptgericht widmen, aus der Kategorie Grill zum Beispiel, hübsch der Reihe nach. In diesem Fall macht man nichts falsch, die Qualität der Fleischgerichte, meist am Spieß gegart, ist gut. Wir probierten Spieße vom Lammrücken (Barg, 20,50) sowie mit Lamm/Rind-Hackfleisch (Kubideh, 14,90), beides von makelloser Qualität, vielleicht eine Spur zu trocken, könnte man mäkeln, was sich mit der einen oder anderen Beilage wie Knoblauchjoghurt oder eingelegtem Gemüse mehr als ausgleichen lässt. Dazu gibt es Reis, Grilltomate und ein bitzelscharfes Peperoni. Der Safran im Reis macht es persisch, aber mal ehrlich: Bei einem guten Türken oder Libanesen kann man ähnliche Fleischgerichte bekommen. Wer sich auf den Grillbereich beschränkt, verpasst unserer Ansicht nach die wahre Vielfalt der persischen Küche.

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Gemeint ist damit vor allem die Tiefe und Komplexität der Schmorgerichte, die uns im Tahdig ausgezeichnet gefallen haben. Weil es da so viel zu entdecken gibt, bietet das Restaurant zum Preis eines Gerichts auch zwei oder drei entsprechend kleinere Töpfchen an (circa 15 Euro). Mit etwas Koordination und Entdeckergeist kann man ein variantenreiches und farbenfrohes Festmahl auf den Tisch zaubern. Die Vorspeise muss auch nicht vorher sein, sondern gleich dazu, am besten Pialeh Mazzeh, ein Ensemble aus sechs Töpfchen, Salzgurken, Knoblauchjoghurt, marinierte Oliven, zwei Varianten von Joghurt mit Gurken und mildem Knoblauch sowie eingelegtes Gemüse (8,50). Und noch einen Teller voller frischer Kräuter (5,0). Wir packten noch einen Javaher Polo dazu, zu deutsch etwas schwülstig "Juwelenreis", mit Safran gewürzt und Pistazien, Mandeln, Berberitzen und Granatapfelkernen aufgepeppt. Und, weil wir schon dabei sind, auch eine wunderbar zart geschmorte Lammhaxe in tieforangefarbenem Sud.

So sitzt man zu viert vor fast zwei Dutzend Töpfchen und Tellerchen, was nicht nur ein optisches und kulinarisches, sondern auch ein soziales Erlebnis verspricht. Zu den besonderen Schmorgenüssen im Tahdig zählen Sibzamini Gheshniz mit Rind und Kartoffeln, tiefgründig und angenehm zartbitter dank getrockneter Limetten und mitgeschmortem Koriander sowie, Vegetarier aufgepasst, Baghala Ghatogh mit weißen Bohnen, die in jeder Menge würzigem Dill geköchelt kein Fleisch vermissen lassen. Fesenjan bringt Rinderbällchen mit der Bittersüße von Granatäpfeln und Nüssen zur Geltung, Karafs spielt hingegen mit der Frische von Minze.

So testet die SZ bei der Kostprobe

Die Kostprobe gibt es als Format für Restaurantkritiken seit 1975 in der Süddeutschen Zeitung. Die Autorinnen und Autoren haben sich ehernen Regeln verpflichtet: Sie testen ein Restaurant frühestens 100 Tage nach Eröffnung (damit sich das Küchenteam bis dahin einspielen kann), essen dort mehrmals (denn jeder Koch und jede Köchin kann mal einen schlechten Tag haben), geben sich nicht als Tester zu erkennen und schreiben unter Pseudonym (um unerkannt und unabhängig bleiben zu können). Und die Rechnung? Die bezahlt natürlich die SZ selbst.

Auch wenn, zugeben, die persische Küche etwas fleischlastig ist, finden Vegetarier im Tahdig ihr Glück. Davon überzeugten wir uns mit einem Vegetarier-Teller von der Tageskarte, einer Variation von Gemüsegerichten, darunter eine rauchig-bittersüße Paste, die es auch unter den Fleischessern am Tisch in die Top-Überraschungen schaffte. Enttäuscht hat uns leider ausgerechnet Abgusht Dizi, im Iran oft nur Dizi genannt und wohl so etwas wie ein Nationalgericht. Aus einem hochwandigen Schmortöpfchen mit Rind, Kichererbsen und Tomaten, gießt man zunächst den tiefroten Sud, um ihn als Suppe zu genießen. Der Rest wird mit einem Stampfer zu Brei verarbeitet und als Gang verzehrt. Leider war an unserem Abend die Suppe ungenießbar, weil sie unter einer millimeterdicken Ölschicht verborgen war. Auch deshalb schade, weil dem Autor dieser Zeilen ein in Teheran genossenes Dizi in lebendiger und wunderbarer Erinnerung ist.

Insgesamt ist das Tahdig gut geeignet für einen kulinarischen, probierfreudigen und kommunikativen Abend. Die Schmor-Spezialitäten sind in München durchaus einzigartig. Die Getränkepreise hingegen nicht. Die günstigste Flasche Weißwein (Grüner Veltliner) schlägt mit rund 40 Euro arg zu Buche. Der offen ausgeschenkte rote Zweigelt oder weiße Riesling (7,50/8) begleiteten das Mahl aber bestens. Und als kleiner Tipp: Ein Tonic mit Safran Gin vorab lässt die Schmortöpfe gleich noch persischer schmecken.

Thierschstraße 35 | 80538 München | Telefon: 089/24293180 | Montag bis Freitag 17.30 Uhr bis 23 Uhr, Samstag und Sonntag 12 Uhr bis 23 Uhr | mail@tahdig.de