Restaurant Jiro:Richtig gut zu kombinieren

Lesezeit: 4 min

Restaurant Jiro: Die Kunst des Sushi-Meisters: hier Tuna Tatar Crunchy Roll.

Die Kunst des Sushi-Meisters: hier Tuna Tatar Crunchy Roll.

(Foto: Florian Peljak)

Das Lokal an der Schwanthalerhöhe bietet asiatische Fusionsküche, die ihren Schwerpunkt in Japan hat. Es ist ein farbenfroher Neuzugang am lange mausetoten Alten Messeplatz.

Von Helene Töttchen

Es gibt Lokale im eigenen Viertel, die hat man abgeschrieben. Ständig wechselt der Pächter, mal gibt es Pizza, mal Burger, mal Curry. Manchmal schreibt einer "Fusion" ans Haus, fortan wird eine Melange der Küchenstile angeboten, damit möglichst viele Gäste möglichst viel auf der Speisekarte finden, also zuhauf kommen. Funktioniert selten. Lange war vieles davon auch am Alten Messeplatz im Westend so, nach dem Auszug einer Hühnerbraterei lief nichts richtig. Und dann kam Jiro im Herbst 2021 und schrieb "Asian Flavour Journey" unter den Namen am Lokal. Was so viel heißt wie: Fusion.

Prost Mahlzeit, dachte man da - und irrte sich. Der Laden füllte sich schnell, erst kamen die Gäste aus anderen Vierteln, dann entdeckte das Westend den Ort für sich - und blieb. Auch, weil unweit die italienische Weinbar L'Oca Bianca seit einiger Zeit das tote Eck sehr viel lebenslustiger macht und das Champagne Characters ungewohnt hedonistisch im bodenständigen Westend mit Perlbrause hantiert. Und dann ist da der Pächter Duc Nguyen, bekannt durch sein vietnamesisches Restaurant Shami in Schwabing. Jiro ist japanisch und heißt "zweites Kind". Weil jüngere Geschwister vieles anders machen, liegt die Hauptnote im Westend in Japan, fusioniert mit anderen asiatischen und europäischen Einflüssen. Wer lupenreine japanische Küche sucht, sollte vielleicht woanders einkehren. Wer offen ist für Neues, ist hier richtig.

Restaurant Jiro: Klar von der Straße abgegrenzt, kann man hier auch gemütlich vor dem Jiro sitzen.

Klar von der Straße abgegrenzt, kann man hier auch gemütlich vor dem Jiro sitzen.

(Foto: Florian Peljak)

Das Jiro hat den Laden auf links gekrempelt. Gab es früher eine konzeptlose Ansammlung von Sitzgruppen auf dem großen Vorplatz, grenzt sich das Lokal nach außen ab mit Blumenkästen und Holzelementen, was als solide Einheit die Straße in den Hintergrund rücken lässt. Drinnen erwartet die Gäste ein Wunderland mit bunt gepolsterten Sesseln vor mattschwarzen Wänden, mit indirekten Lichtquellen (Lesebrille nicht vergessen!), Neonschriftzeichen und einer Bar, über der Blumen aus der Decke wachsen. Das Interieur ist inspiriert von japanischen Izakayas, den gehobenen Kneipen, in denen es Sake gibt, aber immer auch Speisen.

Die Atmosphäre stimmt also, aber wie isst es sich nun? Für die Speisekarte brauchten wir viel Zeit, auch beim zweiten Besuch. Es sind aufgeführt: Snacks, Starters, Dumplings, Suppen, Salate, Empfehlungen des Küchenchefs, Noodle Bowls, Currys, Wok-Gerichte, Speisen für einen, Speisen zum Teilen - und da hat der japanische Teil der Karte noch gar nicht angefangen. Was nehmen, was kombinieren? Der alerte und überaus freundliche Service wurde gerufen - und half. Zumindest bei dem, was zu zweit von der Menge schaffbar war. Ansonsten war der Rat: Kombinieren kann man eigentlich alles. Nun gut. Fusion auch als Bestellkonzept.

Restaurant Jiro: Über der Bar wachsen die Blumen aus der Decke.

Über der Bar wachsen die Blumen aus der Decke.

(Foto: Florian Peljak)

Beim ersten Besuch konzentrierten wir uns auf den japanisch inspirierten Teil der Karte, darum soll es ja vor allem im Jiro gehen. Vorweg wählten wir die Jakobsmuscheln auf einem Bett aus Wakame-Algen (13 Euro). Wir hätten uns die Muscheln einen Tick zarter gewünscht und das Dressing mit Yuzu und Chili ein wenig zurückhaltender, der feine süßlich-nussige Geschmack des Fleisches wurde von der Schärfe des Dressings fast übertönt. Ein Eindruck, den wir auch beim Crunchy Pulpo Mix Salat (14) hatten, der Oktopus war buttrig-zart, wurde von dem Chili und Essig im Dressing aber in die Knie gezwungen.

Schnell vergessen war das, als das Omakase kam (60), ein Sushi-Mix für zwei Personen. Beim Omakase präsentiert der Sushi-Meister sein Best-of, tatsächlich wurde ein Füllhorn gebracht, das für das Westend einen stolzen Preis hat, wie überhaupt die Preise im Jiro eher gehoben sind. Absolut frischer und zarter Thunfisch und Lachs und Garnelen dominierten bei der klassischen Anlage der Platte mit Maki, Sashimi, Nigiri und Fusion Rolls. Ein Highlight waren die geschmacklich fein abgestimmte Trüffel-Lachs-Rollen mit Wasabi-Soßen-Sprengseln und die köstlich frittierten Garnelen in den California-Maki. Von den Nigiri gab es jeweils nur ein Exemplar, bei den Sashimi jeweils drei, was das Teilen zu zweit nicht ganz einfach macht. Aber da der Rest ebenso köstlich war und die Maki reichlich, gelang auch diese Übung. Dazu wählten wir einen offenen Sauvignon Blanc Touraine von der Loire, einen zugänglichen Biowein, der mit 11 Euro für 0,2 Liter knackig bemessen war, der leichte Rosé "Drink Pink" von dem hippen Frankfurter Winzer Christian Stahl wartete mit 10 Euro auf. Kurze Irritation, als uns der Rosé ins benutzte Weißweinglas gegossen wurde. Es geht hier offenbar legerer zu.

Restaurant Jiro: Gepolsterte Sessel vor mattschwarzen Wänden - nur eine Lesebrille sollte man in dieser Umgebung dabei haben.

Gepolsterte Sessel vor mattschwarzen Wänden - nur eine Lesebrille sollte man in dieser Umgebung dabei haben.

(Foto: Florian Peljak)

Beim zweiten Besuch hatten wir eine wunderbar intensive Pho Bo Consommé (kleine Portion: 8), die zuvor 24 Stunden lang köchelte, und freuten uns hernach über Bao Buns mit knuspriger Ente (10) mit reichlich Hoisin-Sauce. Alles war köstlich abgeschmeckt und die Ente im gedämpften Brot wirklich knusprig. Ein wenig angesättigt waren zwei Hauptgerichte dann eine Herausforderung, aber eine lohnende. Es gab Rind mit grünem Spargel und Shiitake-Pilzen aus dem Wok (19), das wunderbar zart war und mit seinen Noten von Ingwer und Koriander mit einer schönen Frische aufwartete. Der Esspartner wählte Yaki Sake (19), gegrillten Lachs auf Gemüse mit Yuzu-Miso und Süßkartoffel-Chips. Der Fisch war zart, das Gemüse und die Chips knackig, die Yuzu-Miso rundete das Gericht frisch ab. Einen schönen Abschluss fanden wir mit der Crème Brûlée (8), die überraschend eine leise Ingwernote hatte, und drei gefrosteten Mochis (8) in den Richtungen Erdbeer, Schokolade und Yuzu.

Kommen wir wieder? Auf jeden Fall. Auch, weil das Jiro an der neu belebten Häuserzeile am Alten Messeplatz wirklich anders ist als die vielen anderen asiatischen Lokale im Viertel. Die Stimmung war bei unseren Besuchen immer gut, irgendeiner feierte immer seinen Geburtstag, und da ist es sehr dienlich, dass es viele Gerichte zum Teilen gibt - und die Karte wirklich für jeden etwas bietet.

Jiro, Alter Messeplatz 8, 80339 München, Telefon: 089/59999602, Öffnungszeiten: täglich 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr und 17.30 Uhr bis 23.30 Uhr.

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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