Griechische Taverne am SiebenbrunnEin Teller voll Hellas

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Vom Fleisch zum Fisch und zurück. Im Vordergrund liegt die Dorade, links dahinter die Sardinen, und hinten dampft die gemische Fleischplatte.
Vom Fleisch zum Fisch und zurück. Im Vordergrund liegt die Dorade, links dahinter die Sardinen, und hinten dampft die gemische Fleischplatte. Stephan Rumpf

In der Nähe des Tierparks kann man in der Griechischen Taverne am Siebenbrunn, kulinarisch solide begleitet, vom Sommer träumen.

Von Iwan Lende

Kommt, lasst uns doch wieder mal zum Griechen gehen! „Yássas, Jámas, Kale níkta!“ Servus, Prost und Gute Nacht. Super Idee! Gerade jetzt, im kalten Januar. Da kann man wieder träumen, von Sonnenuntergängen in einsamen Buchten, von Mythosbier und 12er-Uzo, von Meeze davor und Joghurt mit Honig danach. Von Evangelia, der Prinzessin von Naoussa und ihrem Abschiedskuss auf die Wange, von Antonio, der uns seine stolze Yacht Aeolos anvertraute, von Sikinos du Pholikantros, den zwei kleinen Kykladeninseln, die noch nicht vom Tourismus überrannt sind, kurz: Lasst uns schwelgen in Erinnerung beim Griechen in München.

Doch welcher Grieche soll es diesmal sein? Griechen kommen und gehen. „Panta rhrei“ – alles fließt, sagte Heraklit. Und so ist es auch mit Münchens Griechen-Gastronomie. Der eine schließt, weil die Pacht schon wieder steigt, der andere macht auf, weil er auf die Sehnsucht der Münchner nach dem Mykonos-Gefühl setzt. Und so kam es im Frühjahr letzten Jahres, dass aus dem mehr oder weniger bayerischen Wirtshaus in Siebenbrunn die „Griechische Taverne am Siebenbrunn“ wurde; ein Name, der der Geschichte des ehrwürdigen Gebäudes nahe dem Tierpark Hellabrunn würdiger erscheint als eine Benamsung wir „To Steki“, „Paros“ oder „Naxos“. Es stammt schließlich aus dem 18. Jahrhundert, einst wurden hier Stiefel und Sandalen hergestellt, bald aber erkannte man die Chance, hier mit einer Ausflugswirtschaft Geld zu verdienen. Im letzten Krieg zerstörten Bomben das Areal, doch schon 1952 wurde die Wirtschaft wiedereröffnet, bis sie 2024 von Löwenbräu dichtgemacht wurde.

Auf Wikipedia steht immer noch, das Lokal werde nicht weitergeführt. Dort kennt man offensichtlich Sakis Papakyritsis nicht. Der stammt aus der Gegend um die Meteora-Klöster, also vom nördlichen Festland Griechenlands, und hat schon einschlägige Gastro-Erfahrung rund um München gesammelt. Was letztlich die Brauerei von dem Griechen überzeugt hat, wissen wir nicht. Dass es aber eine gute Wahl war, steht für Lende und die Seinen fest.

Und dabei handelt es sich ausnahmslos um alte Hellas-Hasen, die nun, so ein kleiner Spoiler, ein neues Zuhause für ihre Fernwehträumereien gefunden haben. Praktisch ist schon der großzügige, kostenfreie Parkplatz, in München eine echte Rarität (wie übrigens auch die Tatsache, dass das Personal im ersten Stock großzügigen und günstigen Wohnraum findet). Der Gastraum selber: sehr groß, sehr hell, in L-Form geschnitten und auf den ersten Blick nicht recht heimelig. An den Wänden riesige Schwarz-Weiß-Fotos, oft von Ari Onassis, mal mit der Callas, mal mit der Kennedy-Witwe. Und natürlich hängt auch das ikonische Bild aus „Alexis Sorbas“, wo Anthony Quinn mit Alan Bates am Ende gegen die Unbill des Schicksals den Sirtaki tanzt.

Im großen und hellen Gastraum sieht einem die Callas beim Essen zu.
Im großen und hellen Gastraum sieht einem die Callas beim Essen zu. Stephan Rumpf

Das Personal ist aufmerksam und freundlich, aber nicht von jener nervigen Hippeligkeit wie bei mancher Konkurrenz. Dass Teller und Besteck nach den Vorspeisen erneuert werden, ist hier selbstverständlich. Die bestehen natürlich aus dem Querschnitt der Küche in dieser Disziplin, einmal kalt, einmal warm (jeweils 15,90). Ersterer war zufriedenstellend, der Pulpo zart, das Gemüse knackig, nur hätte das Tsatsiki mehr und schärferen Knoblauch vertragen. Die warmen dagegen enttäuschten etwas mit deutlichem Kartoffelüberschuss. Und dass die gefüllten Weinblätter nicht so gut schmeckten wie einst die von „Mama“ in der Vathi-Bucht von Kalymnos? Geschenkt, an die kommt eh keiner ran.

Die Gleichung Grieche = Fisch stimmt zumindest in Griechenland längst nicht mehr, das Mittelmeer, das Mare Nostrum, ist lange schon total überfischt. So ist auch unklar, woher die Dorade vom Grill kommt (24,90), was aber egal ist: Sie geriet nahezu perfekt, könnte nur noch verfeinert werden mit einem Schuss Olivenöl plus Zitronensaft. Die gegrillte Rindsleber nach Bauernart („medium oder durch?“, 22,50) war dann zwar kaum medium, aber zart; die Röstzwiebel sahen ziemlich blass aus, knackten aber brav zwischen den Zähnen. Der Reis dazu schmeckte leider höchst langweilig, was allerdings als üblich griechisch durchgehen kann.

Die Calamares vom Grill (22,90) waren wirklich von erlesener Köstlichkeit, was man auch vom Moussaka (19,90) sagen kann, nur dass die Béchamelsauce obendrüber recht schwer war und so dominant, dass sie die eigentlich deutliche Würze des Auflaufs arg dominierte. Von kläglicher Langeweile aber waren die Sardellen; die kleinen Fischchen, die man mit Kopf, Schwanz und Gräten verspeist, schmeckten eher nach nichts. „Lätschert“, sagt man dazu in Bayern.

Unverkennbar: So sieht ein klassischer griechischer Vorspeisenteller aus.
Unverkennbar: So sieht ein klassischer griechischer Vorspeisenteller aus. Stephan Rumpf

Lob verdienten dagegen die Hähnchenfiletspieße vom Grill (28,90). Sie waren zwar etwas trocken, dagegen half aber die dicke Metaxa-Soße. Hühnerfleisch vom Grill ist halt immer ein Abenteuer. Kommen wir aber zum Höhepunkt der Abende, zur Lammhaxe aus dem Ofen (24,50), einem Klassiker vor allem der Festlandküche. Sie mag gut drei Stunden geschmort haben im eigenen Saft und in dem des umgebenden Gemüses. Jedenfalls fiel das Fleisch schon beim Hinschauen vom Knochen, ohne aber trocken oder zäh zu sein – ein Gedicht, gar ein Hexameter: Schaut an, oh Freunde von Hellas, so gut kann ein Lämmchen euch munden …

Dass es gleich zu Anfang eine Runde Ouzo gab? Nun, in Griechenland gilt er als Magenöffner. Dass dann mittendrin noch eine kam und am Schluss wieder eine, überforderte die Chauffeure des Abends etwas. Freunde des Weins, also Anhänger des Dionysos, kommen hier allerdings noch nicht ganz auf ihre Kosten. Zumindest der griechische Merlot (33) schmeckte etwas flach. Das Bier (4,90) ist halt von Löwenbräu. Aber trotzdem darf man fröhlich feststellen: München hat wieder einen Griechen zum Träumen.

Griechische Taverne am Siebenbrunn, Siebenbrunner Straße 5, 81543 München, 089/20985073, info@griechische-taverne-am-siebenbrunn, tägl. geöffnet von 11 bis 23 Uhr

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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