„Mich interessiert das alltägliche Unglück, Pech, Entgleisung. Geschichten von Männern und Frauen, die vom üblichen Weg abkommen und von der üblichen Moral“, erzählte Yasmina Reza im SZ-Interview im März 2025 zu ihrem Buch „Die Rückseite des Lebens“. 15 Jahre lang hat sie Gerichtsprozesse besucht, um Geschichten dieser alltäglichen Entgleisung zu sammeln. Zu dieser schon eher bemerkenswerten Tatsache sagt die französische Schriftstellerin, die mit Theaterstücken wie „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“ berühmt wurde: „Ich war fasziniert von diesem Theater der Realität.“
Wobei das, was Reza als „alltäglich“ bezeichnet, schon oft in den großen Grusel umschlägt. In die Überdosis Insulin, die Vergiftung, den Mord mit der Spitzhacke, Zerstückelung. Eine Mutter setzt ihr Baby am Strand aus und lässt es sterben. Ein Mann missbraucht Frauen, nachdem er sie unter falscher Identität in seine Wohnung gelockt hat. Die Dichte dieser Fälle verrät, wie gegenwärtig diese Abwege sind.

Was läuft im Theater in München?:Mit Nicholas Ofczarek ins neue Theaterjahr
Erstaunlich viel los: Zu Beginn des Jahres werfen sich die Münchner Theater mächtig ins Zeug – mit Neuem von Yasmina Reza bis hin zu einem Burgtheater-Gastspiel.
Was Yasmina Reza in all ihren Protokollen verweigert, ist, die Angeklagten moralisch zu verurteilen. Selbst das Strafmaß enthält sie in den allermeisten Fällen den Lesern vor. Oft beschreibt sie Details, die Selbstherrlichkeit eines Anwalts, die zusammengesunkene Haltung einer Angeklagten, die Hände, die ein Taschentuchpäckchen wie einen Talisman kneten. Die Autorin, so sagt es Nora Schlocker, sei „eine Meisterin darin, die Löcher der Bewertbarkeit aufzuzeigen“.
Nora Schlocker hat sich in den vergangenen Wochen intensiv mit „Die Rückseite des Lebens“ befasst. Als Hausregisseurin des Residenztheaters richtet sie diesen vollkommen undramatischen Text für die Bühne ein, die Premiere ist am Freitag, 9. Januar. Es entstehe keine Inszenierung mit Figuren und Handlungsbogen, sagt sie. Das hält sie angesichts dessen, was Reza aufgeschrieben habe, für problematisch. Was auf der Bühne erzählt werde, sei eben keine Fiktion, sondern es seien reale Fälle. Stattdessen betrachtet die Regisseurin die deutschsprachige Erstaufführung dieser Texte als eine Art Bericht. Das Theater fungiere hier als ein Ort, an dem man zusammenkomme, um sich gemeinsam mit der Gegenwart auseinanderzusetzen.
Etwa ein Dutzend der Gerichtsprotokolle kommen auf die Bühne
Reza legt dafür den Stoff vor, in der ihr eigenen, lakonischen Sprache, die trotz aller Verknappung viel Raum für Zwischentöne lässt. Wobei Schlocker naturgemäß eine Auswahl der Texte getroffen hat. In „Die Rückseite des Lebens“ hat die Autorin private Miniaturen mit den Gerichtsprotokollen zusammengespannt. Das Private lässt Schlocker komplett weg und konzentriert sich auf ein gutes Dutzend der Fälle, die Reza aufgeschrieben hat.
Diese sehr gelenkige Einrichtung des Textes auf der Vorbühne hat das Residenztheater kurzfristig ins Programm genommen. Das Buch, so erzählt Nora Schlocker, habe bei Staatsintendant Andreas Beck nach einer Lesung von Yasmina Reza im Residenztheater Spuren hinterlassen. Also habe er die Hausregisseurin gefragt, ob sie sich vorstellen könne, „Die Rückseite des Lebens“ auf die Bühne zu bringen.

Schlocker konnte sich vorstellen, diese „sehr schlauen Texte“ einzurichten –obwohl diese nichts Dramatisches an sich haben, sie auch nicht gespielt werden sollen. „Mich reizen Sachen, bei denen ich nicht weiß, wie es geht“, sagt sie. In knapp vier Wochen Probenzeit hat sie nun einen Abend mit zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspielern entwickelt.
Aus dem Ensemble sind Juliane Köhler, Lea Ruckpaul und Nicola Mastroberardino dabei. Köhler ist aktuell in dem Reza-Stück „James Brown trug Lockenwickler“ zu sehen, sie hat den Sound der Texte absolut verinnerlicht. Ruckpaul und Schlocker haben passenderweise schon zusammen das Gerichtsdrama „Prima Facie“ erarbeitet. Mastroberardino ist ein Künstler der Komik, sicher auch der bösen, die bei Reza gerne auftaucht.
Hinzu kommt noch ein Gast, der unter vielen anderen Film- und Fernsehrollen auch als „Tatort“-Kommissar aus Stuttgart bekannt ist, was aber bei der Besetzung nicht relevant gewesen sei, sagt Schlocker. Passt irgendwie trotzdem. Felix Klare habe einfach wieder Lust gehabt, Theater zu spielen, erklärt die Regisseurin. Und so steht Klare nun im großen Residenztheater auf der Bühne mit Texten der sehr populären Yasmina Reza.
Die Rückseite des Lebens, Premiere: 9. Januar, 19.30 Uhr, Residenztheater
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version wurde Felix Klare fälschlicherweise als „ehemaliger“ Tatort-Kommissar bezeichnet.

