Theater-Kompass:Schuss mit lustig

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Theater-Kompass: Die erste Premiere der Spielzeit: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" am Volkstheater.

Die erste Premiere der Spielzeit: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" am Volkstheater.

(Foto: Gabriela Neeb)

Die Spielzeit in München hat einen kraftvollen Start, allein an Residenztheater, Kammerspielen und Volkstheater kommen bis Ende Oktober elf Premieren heraus. Ein Überblick.

Von Yvonne Poppek

Die drei großen Münchner Bühnen sind in die Saison gestartet - zwar völlig unterschiedlich, aber üppig und mit starken Akzenten. Bis Ende Oktober bringen Residenztheater, Kammerspiele und Volkstheater jeweils noch eine Premiere heraus. Ein Resümee mit Ausblick.

Volkstheater: Gegensätze

Die erste Premiere kam in dem Haus an der Tumblingerstraße noch zur Oktoberfest-Zeit heraus, eine Adaption von Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Hausregisseur Philipp Arnold bringt den Stoff des Nobelpreisträgers von 1972 kurz und dicht auf die große Bühne des Volkstheaters, interpretiert ihn konventionell, macht aber kleine Ausflüge zu Kamera-Spielereien und erfindet eine spannende Figurendoppelung. Ruth Bohsung und Nina Steils teilen die Rolle der Katharina Blum, die wegen ihrer Liebschaft zu einem vermeintlichen Mörder von der Boulevard-Presse zerfleischt wird. Arnold erzählt von männlichen Machtstrukturen und der Ohnmacht der Opfer. Katharina Blum ist hier klassisches Erzähltheater, eine sanft modernisierte Bühnenadaption, die nicht heutiger sein will, als sie muss.

Da das junge Volkstheater im Denken und in Stilen nicht festgelegt ist, hat Intendant Christian Stückl das zweite Stück der Saison gleich einmal komplett dagegengesetzt: "Pussy Sludge" der US-amerikanischen Autorin Gracie Gardner. Der Text, der in den USA eine Auszeichnung erhielt und zum Berliner Stückemarkt eingeladen wurde, kann einen einigermaßen ratlos zurücklassen. Die Inszenierung von Mirjam Loibl hingegen ist lustvoll, das Bühnenbild von Thilo Ullrich eine herrliche Spielwiese. In dem Stück kann Pussy Sludge nicht davon lassen, permanent zu masturbieren. Dabei fließt Öl aus ihrer Vagina, sie zieht in einen Sumpf, erhält allerlei Besuch, bleibt aber letztlich allein. Henriette Nagel spielt diese schräge Rolle mit sympathischer Selbstverständlichkeit und tiefgehender Gutmütigkeit. Um sie herum erfinden die vier Mit-Darstellenden ebenfalls exotische Figurenzeichnungen.

Theater-Kompass: Für "Pussy Sludge" hat Thilo Ullrich ein tolles Bühnenbild gebaut - samt hoch aufragenden, stilisierten Eierstöcken.

Für "Pussy Sludge" hat Thilo Ullrich ein tolles Bühnenbild gebaut - samt hoch aufragenden, stilisierten Eierstöcken.

(Foto: Konrad Fersterer)

Quasi die Amalgamierung von Klassiker und zeitgenössischer, feministischer Dramatik findet sich nun in der dritten Premiere des Volkstheaters am Freitag, 28. Oktober. Regisseurin Claudia Bossard, die den allseits gelobten "Selbstmörder" in der ersten Spielzeit im neuen Haus inszenierte, bringt nun "Feeling Faust" nach Goethe heraus. Bossard will mit ihrem künstlerischen Team aus feministischer Perspektive auf den Faust-Stoff blicken, auf das männliche Fortschritts- und Machtstreben.

Kammerspiele: Programmatisches

Die Kammerspiele hatten ein großes Auftaktwochenende mit zwei Premieren geplant. Doch schon im Sommer machte das Corona-Virus einen Strich durch die Planung, unterbrach massiv die Proben. So kamen die beiden Premieren eine Woche getrennt voneinander heraus, leider. In dieser Spielzeit will sich das Haus intensiv Frauenfiguren widmen, "Die Zukünftigen" ist das Motto. Gleich drei starke Frauen zu Beginn auftreten zu lassen, hätte ein deutliches Zeichen sein können.

Nun aber nacheinander: Im Werkraum inszenierte Hausregisseurin Pinar Karabulut als erste Premiere Texte der französischen Autorin und Fotografin Claude Cahun. Wobei Cahun, geboren 1984, für sich selbst die Bezeichnung "neutral" bevorzugte, sich vom binären Geschlechterdenken also verabschiedet hatte. Cahun gilt es in Deutschland noch zu entdecken, ein Grundwissen zum Werk lässt sich nicht voraussetzen. So gibt der Abend "La mer sombre", der eine Reihung aus Emotionen und Eindrücken, Sentenzen und Bildern ist, eher Rätsel auf. Gro Swantje Kohlhof, Thomas Hauser und Christian Löber, die aussehen, als seien sie aus Tolkiens Elbenwelt und zugleich "Star Trek" entnommen, und Karabuluts genauso fluffige wie knallbunte Art zu inszenieren, tunken einen aber ein in Cahuns Welt. Auch wenn man hinterher immer noch nicht genau weiß, in wessen Farbtopf man da gelandet ist.

Theater-Kompass: In die Welt der Autorin und Fotografin Claude Cahun wird man in "La mer sombre" eingetunkt.

In die Welt der Autorin und Fotografin Claude Cahun wird man in "La mer sombre" eingetunkt.

(Foto: Krafft Angerer)

Sehr viel konkreter hat sich Felicitas Brucker mit Ibsens "Nora" und Édouard Louis' Roman "Die Freiheit einer Frau" auseinandergesetzt. Ibsens Text wurde dabei durch Einschübe dreier zeitgenössischer Autorinnen ergänzt. Zentral positioniert an den beiden, als Doppelabend angelegten Inszenierungen ist Schauspielerin Katharina Bach. Als Nora entzündet sie eine unglaubliche Wut, die sich wie ein Großbrand im trockenen Wald aus ihrer Angst, Verzweiflung und der ihr verweigerten Anerkennung speist. In der Romanadaption von Louis, Frankreichs Literatur-Shootingstar, hat Brucker den Text auf Katharina Bach, Edmund Telgenkämper und Thomas Schmauser verteilt. Sie erzählen wechselweise die Geschichte von Eddy und seiner Mutter, die sich beide auf unterschiedlichen Wegen aus prekären sozialen Verhältnissen befreien. Funktioniert Nora noch als Erzähltheater mit großem Bühnenbild samt einem auf den Kopf gestellten Haus, so findet bei "Die Freiheit einer Frau" alles vorne an der Bühnenrampe statt. Figuren und Worte sind dort hart ausgestellt, ganz im Vertrauen auf den starken Text und den präzisen Rhythmus der Regie.

Theater-Kompass: Die Welt steht kopf: In Felicitas Bruckers "Nora"-Inszenierung entfacht Katharina Bach (li.) einen gewaltigen Sturm der Wut.

Die Welt steht kopf: In Felicitas Bruckers "Nora"-Inszenierung entfacht Katharina Bach (li.) einen gewaltigen Sturm der Wut.

(Foto: Armin Smailovic/MK)

Dass Barbara Mundel in ihrer Intendanz in thematisch großen Bögen erzählen will, macht nicht nur dieser Frauenpower-Auftakt klar, sondern auch die dritte Inszenierung der Saison, die in der Therese-Giehse-Halle und parallel in Togo Premiere hatte. Regisseur Jan-Christoph Gockel knüpft mit "Les statues rêvent aussi. Vision einer Rückkehr" an den ebenfalls mit Togo koproduzierten Vorläufer "Wir Schwarzen müssen zusammenhalten" an. Zur Premiere sind Lomé und München via Live-Video miteinander verbunden, das Spiel findet hier wie dort statt. Thema ist die koloniale Raubkunst. Gockel macht daraus allerdings kein Dokutheater, sondern speist in bewährter Manier den Abend mit funkelnden Theatermitteln, setzt klug und schön auf die erzählerische Kraft der Bühne.

Theater-Kompass: In "Les statues rêvent aussi. Vision einer Rückkehr" geht es um koloniale Raubkunst.

In "Les statues rêvent aussi. Vision einer Rückkehr" geht es um koloniale Raubkunst.

(Foto: Armin Smailovic)

Am kommenden Samstag, 22. Oktober, gibt es die vierte Spielzeit-Premiere: Hungry Ghosts. Die 1980 geborene, französisch-polnische Regisseurin Anna Smolar entwickelt den Stoff gemeinsam mit den sieben Schauspielerinnen und Schauspielern, die ihre Rolle stark selbst interpretieren. Der Text entsteht während der Improvisationen in den Proben. Dokumentarisches mischt sich mit Fiktionalem, Musik und choreografische Elemente kommen hinzu. Ausgangspunkt von alldem ist das spannende Thema, wie sich die Erlebnisse vorheriger Generationen in unseren Körper einschreiben. Smolar setzt einer möglichen Schwere des Stoffs einen gewitzten Zugang entgegen: "Hungry Ghosts" ist als Farce über komplizierte Biografien gedacht.

Residenztheater: Dreiklang

Schon lange hingen sie als Versprechen in der Luft: Die "Engel in Amerika" von Tony Kushner wollte Staatsintendant Andreas Beck in seiner ersten Saison in München zeigen, eine Übernahme aus Basel. Geklappt hat es jetzt drei Jahre später. Simone Stones Inszenierung ist großes Schauspielertheater und hat Fesselungscharakter auch über die fünfeinhalb Stunden Länge. Als tatsächliche Spielzeit-Eröffnung galt dem Intendanten aber das Auftragswerk "Die Spiele müssen weitergehen - München 1972", ein Dokumentartheaterstück des Regie-Duos Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger, das im Marstall gezeigt wird. Die beiden Theatermacher sind dafür tief in die Materie zu den Olympischen Spielen 1972 eingestiegen, beleuchten sowohl das Spannungsfeld zwischen BRD und DDR im Vorhinein der Spiele, als auch den Terror und den Umgang damit in Deutschland. Der Abend ist von Informationen getrieben, von denen verblüffend viele in 90 Minuten passen.

Theater-Kompass: Das Residenztheater startete mit Dokutheater in die Saison und blickte auf die Olympischen Spiele 1972 in München.

Das Residenztheater startete mit Dokutheater in die Saison und blickte auf die Olympischen Spiele 1972 in München.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Ganz anders funktioniert hingegen Thom Luz' Inszenierung "Warten auf Platonow", quasi als setzte das Staatsschauspiel zu Beginn auf den Dreiklang Schauspielertheater - Informationstheater - Künstlertheater. Luz hat sich die Dramentexte Anton Tschechows vorgenommen, sie geplündert, neu verschraubt. Übrig bleiben die Tschechow'schen Grundgefühle des Wartens, Vergehens, des müden Ankämpfens gegen eine alles überwölbende Sinnlosigkeit. Dazu gibt es eine große, zweiflügelige Treppe auf der Bühne des Cuvilliéstheaters. Die Stufen sind wie die Tasten eines Instruments, denen die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre mal mehr, mal weniger geglückten Lebensmelodien entlocken. Um das zu verstehen, braucht man weniger Zeit, als der Abend dauert. Aber es bleibt die Poesie.

Theater-Kompass: Das Leben ist eine Tonleiter. Oder so ähnlich. In Thom Luz' Tschechow-Abend lässt sich zumindest dieser Eindruck gewinnen.

Das Leben ist eine Tonleiter. Oder so ähnlich. In Thom Luz' Tschechow-Abend lässt sich zumindest dieser Eindruck gewinnen.

(Foto: Sandra Then)

Noch einmal auf Informationen, diesmal gepaart mit starker Performance, setzt das Staatstheater mit "I don't care" im Marstall. Journalist Jürgen Berger hat zu Transmenschen in Thailand und Deutschland recherchiert, es entstand eine Koproduktion in beiden Ländern mit drei Spielern auf der Bühne und Video-Beiträgen, die nur noch bis Donnerstag, 20. Oktober, zu sehen ist. Das nächste große Vorhaben ist nun "Der Turm" von Hugo von Hofmannsthal, den Hausregisseurin Nora Schlocker am Freitag, 22. Oktober, auf die große Bühne bringt. Das Drama ist inspiriert von Calderóns "Das Leben ein Traum". König Basilius lässt darin seinen Sohn Sigismund in einen Turm sperren, weil eine Prophezeiung ihn an der Spitze einer Rebellion sieht. Hofmannsthal hat drei Versionen von seinem Stück veröffentlicht. Schlocker will den Fokus auf die Fragen nach Unschuld, Macht und Gewalt legen, interpretiert "Der Turm" als Stück des Umbruchs - passend zu unserer Zeit.

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