Dokumentartheater:München 72 kommt auf die Theaterbühne

Lesezeit: 3 min

Dokumentartheater: Mit fünf Schauspielern bringen Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ihre Recherchen zu den Olympischen Spielen 1972 in München auf die Bühne.

Mit fünf Schauspielern bringen Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ihre Recherchen zu den Olympischen Spielen 1972 in München auf die Bühne.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Das Regieduo Dura & Kroesinger hat für die Saisoneröffnung im Residenztheater das Auftragswerk "Die Spiele müssen weitergehen - München 1972" geschrieben. Die Recherchen waren komplex.

Von Yvonne Poppek

Die Gegensätze knallen hart aufeinander. Zumindest geben das die Dokumente her, die Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger gesammelt haben. Da wäre etwa der Augenzeugenbericht eines israelischen Geheimdienstmitarbeiters, der 1972 am Flugplatz in Fürstenfeldbruck dabei war. Ein klares Protokoll sei das, sagt Dura, das die verheerend misslungene Befreiungsaktion der israelischen Sportler aus der Gewalt der palästinensischen Terroristen nüchtern schildere. Und dann gebe es die Dokumente der deutschen Behörden, die bei sich keine Fehler finden. Alles richtig gemacht, so sei der Tenor. 50 Jahre später ist die deutsche Einschätzung eine andere. Aber so lange hat es auch gedauert. Erst auf der Gedenkfeier für die elf Opfer am 5. September in Fürstenfeldbruck bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Angehörigen um Vergebung.

Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger waren in Fürstenfeldbruck dabei, erzählen sie. Für die beiden Theatermacher ist die Gedenkfeier eine Art Endpunkt bei ihrem Olympia-1972-Projekt, das sie sich vorgenommen haben: der Theaterabend "Die Spiele müssen weitergehen - München 1972", die erste Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. Wenn es denn überhaupt so etwas wie einen Endpunkt geben kann, kommen doch auch nach 50 Jahren ständig neue Details zu den Ereignissen ans Licht. Aber irgendwann muss es eine Premiere geben. Und die ist an diesem Samstag, 24. September, im Marstall.

Mit fünf Schauspielern und in rund 90 Minuten wollen Dura und Kroesinger von den Olympischen Spielen 1972 erzählen. Das ist nicht ganz einfach. Im Jubiläumsjahr der Spiele war die Nachrichtenlage dazu nicht gerade dünn, es gab etliche Publikationen quer durch die verschiedenen Medien, zuzüglich zur aktuellen Berichterstattung. Was kann man von einem Theaterabend im Herbst nun noch erwarten?

Kroesinger und Dura arbeiten umfangreiches historisches Material auf

Vermutlich viel. Kroesinger und Dura erneuern mit ihre klugen Konzepten seit Jahren den politischen Dokumentartheater-Bereich. Sie betreiben aufwendige Recherchen, die sie dann zu sehr konzentrierten, gelegentlich als spröde beschriebenen Abenden verdichten. Es ist stets viel Stoff, niemals nur der absehbare. Teils zusammen, teils auch allein arbeiten sie an den renommierten Bühnen quer durch die Republik, viel in Berlin. Mit einem spezifisch Münchner Thema hatte sich Kroesinger schon 2002 auseinandergesetzt, da arbeitete er mit "Gladius Dei" über die Vergangenheit des Hauses der Kunst. In Augsburg setzte er sich mit der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg und der Rüstungsindustrie auseinander, in Nürnberg arbeiteten Dura und Kroesinger 2021 an historischer Stelle zu den Nürnberger Prozessen. Ihre Informationen spannt das Duo eng zusammen. Mehr als jeder Text oder Nachrichtenbeitrag schaffe es das Theater aber, die Emotionsebene anzusprechen, sagt Kroesinger. Schon allein über die gemeinsame Begegnung im Raum.

Die Recherchearbeit für München haben sie vor einem Jahr begonnen, erzählt Dura. Sie forschten in Archiven, trafen Zeitzeugen an verschiedenen Orten, reisten nach Israel. Spricht man mit dem Duo, ist die Flut an Informationen, die es gesammelt hat, sofort offenkundig. Dokumente des israelischen Geheimdienstes werden genauso erwähnt wie die Erinnerung eines bayerischen Polizisten, der im Olympiadorf Dienst hatte. Erzählungen aus der israelischen Gemeinde München gehören ebenso dazu wie auch Olympia-Bildbände aus der DDR. Aus dem gemeinsam gesammelten Material hat Dura den Theatertext gemacht, den federführend Kroesinger mit ihr zusammen inszeniert.

Dokumentartheater: Das Regieteam Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger.

Das Regieteam Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger.

(Foto: Birgit Hupfeld)

"Wie bildet sich Politik in den eigentlich unpolitischen Spielen ab?" Das sei eine ihrer Grundfragen gewesen, sagt Kroesinger. Ursprünglich sollten die Spiele 1972 die von 1936 überschreiben. Es sollten heitere Spiele werden - wie sie auch anfangs waren, vor der Katastrophe. Beides kommt bei Kroesinger und Dura vor. Für den Münchner Theaterabend spielt aber auch das damals zweigeteilte Deutschland eine Rolle: Wie wollten sich BRD und DDR damals präsentieren, was waren ihre Ziele? "Wir gehen viele Spuren", sagt Kroesinger. Gleichzeitig ist es eine Untersuchung verschiedener Positionen, die gegeneinander geschnitten werden. "Wir versuchen herauszustellen, welche Haltung hinter den Akten steckt", sagt Dura. Zusammengenommen klingt das alles nach einer Herausforderung im positiven Sinn, auch für das Publikum.

Noch bevor man sich auf diesen verdichteten Abend einlassen kann, wird am Residenztheater eine lang angekündigte Übernahme aus Basel gezeigt: Simon Stones Inszenierung "Engel in Amerika" von 2015 kommt am 23. September in München an, Tony Kushners preisgekröntes Gesellschaftsstück über die USA in den Achtzigerjahren unter Ronald Reagan und das sich wütend ausbreitende HIV-Virus. Es lässt sich als Vorläufer zur Residenztheater-Erfolgsinszenierung "Das Vermächtnis" begreifen - mit fünfeinhalb Stunden Aufführungsdauer auch nur knapp kürzer. Diese zeitliche Art der Herausforderung indes dürfte das Münchner Publikum mittlerweile gewohnt sein.

Engel in Amerika, Münchner Premiere: Fr., 23. September, 17 Uhr, Residenztheater; Die Spiele müssen weitergehen - München 1972, Premiere: Sa., 24. September, 20 Uhr, Marstall

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