Neun Autorinnen und Autoren, alle aus verschiedenen Ländern, zum Teil von verschiedenen Kontinenten, schreiben zusammen ein Stück. Über Monate tauschen sie sich darüber aus, mal über Zoom-Konferenzen, über Textnachrichten, im Dialog. Am Ende entsteht ein Text, der funktioniert wie Chorgesang: Die einzelnen Stimmen sind deutlich zu hören, grenzen sich ab, flüchten vielleicht sogar auseinander. Gleichzeitig umschließen sie sich, gehören zusammen.
Was nach einem eigentlich unmöglichem Projekt klingt, ist am Residenztheater gelungen. „The Crying Child“ heißt das Stück, an dem Autorinnen und Autoren aus Georgien, Chile, Israel, Litauen, den USA, Iran, Ukraine, Indien und Argentinien geschrieben haben. Blickt man allein auf die internationale Zusammensetzung – etwa Iran und Israel –, ist dieses Projekt noch einmal verblüffender. Das Grundthema, mit dem sich alle neun befasst haben, ist das Schreien eines Kindes. Überall auf der Welt schreckt ein solches Geräusch instinktiv auf. Doch was ist die Ursache? Und wie geht man damit um? Hier sind die Antworten in der Gruppe denkbar unterschiedlich ausgefallen.
„The Crying Child“, das am 24. und 25. Juni auf Deutsch im Marstall zu sehen sein wird, gehört zum „Welt/Bühne“-Festival des Bayerischen Staatsschauspiels. Ein Umstand, der erklärt, warum eine solche Zusammenarbeit überhaupt zustande kommt. Seit Jahren lädt das Residenztheater Autorinnen und Autoren zu mehrmonatigen Residenzen nach München ein. Unter der Federführung von Chefdramaturgin Almut Wagner ist mittlerweile ein Netzwerk entstanden. Die Künstler kennen sich gut, Freundschaften haben sich gebildet. Und jedes Jahr vereint diese besondere Truppe das „Welt/Bühne“-Festival in München.
Die Ausgabe von 2026 beginnt an diesem Freitag, 19. Juni, und endet am Donnerstag, 25. Juni. Die Woche wird wohl nicht nur für die Autoren ein gutes, inspirierendes Treffen werden, auch das Publikum kann spürbar von diesem internationalen Festival profitieren. Ziel der „Welt/Bühne“ sei es, einen Perspektivwechsel herbeizuführen, sagt Wagner. Unwillkürlich findet ein Abgleich der Frage- und Problemstellungen statt, die an anderen Orten dieser Welt durchaus existenzieller sind als in Deutschland. „Sein eigenes Tun auf interessante Weise infrage stellen“, so beschreibt die Chefdramaturgin das.
Dafür hat das Residenztheater-Team – auch dank der finanziellen Unterstützung zweier Stiftungen und der Freunde des Residenztheaters – ein starkes Programm zusammengestellt. Die Eröffnung übernimmt der US-Amerikaner Michael Yates Crowley und sein Kollektiv Wolf 359 mit „Hamlet. AI“. Crowley verbindet in seinem Theater Geschichten mit neuer Technologie, seine ausgezeichnete Ein-Personen-Versuchsanordnung „Temping“ war vergangenes Jahr zu Gast. Nun scheint er sich einem klassischen Theaterstoff zu nähern: „Hamlet“. Doch letztlich verbindet er, ganz technikaffin, die Frage nach Theater mit der nach künstlicher Intelligenz.

Zwei Gastspiele wird es bei der „Welt/Bühne“ geben. Eines reist aus Georgien an. Das Haraki-Theater in Tiflis wird von oppositionellen Künstlern geleitet und ist eine der wenigen Privatbühnen, an denen noch gespielt wird. Gezeigt wird „Iokaste: Rohmaterial“ von „Welt/Bühne“-Autorin Mariam Megvinyte. Das zweite Gastspiel kommt mit „Cosmic Home“ aus Warschau, der Text stammt von der Litauerin Birutė Kapustinskaitė.
Teil des Festivals ist unter anderem auch die Vorstellung der neuen „Welt/Bühne“-Autorinnen Eva Gouda aus Amsterdam und Andreja Kargačin aus Belgrad sowie zwei Workshops unter Leitung von Odile Gakire Katese aus Ruanda und der deutsch-palästinensischen Autorin Joana Osman.
Und natürlich, als wesentlicher Teil, sind die Festival-Produktionen zu sehen: Zusätzlich zu „The Crying Child“ und „Hamlet. AI“ ist dies „Ich. Und das, was ihr daraus macht“ von Delschad Numan Khorschid. Der Residenztheaterschauspieler hat mit diesem Stück auf rassistische Anfeindungen auf Facebook reagiert. Es ist ein bemerkenswerter Text, den das Ensemble auf die Bühne bringt, auch als eindrucksvolles Zeichen seiner Geschlossenheit.
„Welt/Bühne“-Festival, Freitag, 19. Juni, bis Donnerstag, 25. Juni, Residenztheater München, Marstall


