Die Wut flüstert Lisa Stiegler minutenlang ins Mikrofon. Die Wut über diese Ohnmacht, sich jetzt entscheiden zu müssen, Kind ja oder nein. Darüber, dass in Deutschland Familie und Beruf nicht so einfach zu vereinbaren sind. Über Dummheit und Intoleranz. Und über diese Ungerechtigkeit. "Wenn schon Ungerechtigkeit, dann wenigstens für alle." Dieser Satz sitzt. Von wem dieser Gedanke stammt, ist dabei nicht so wichtig. Er könnte von jeder der 22 Frauen sein, die für den Abend im Marstall mit dem Titel "(Nicht)Mütter!" befragt wurde. Ihre Wut wurde da am Ende gebündelt, Stiegler haucht sie über die Bühne, keineswegs harmlos, das Grundgefühl ist eher brodelnd.
Frausein, Muttersein, Transfrau-Sein, Nicht-Mutter-Sein, Kinder haben oder nicht haben, die Beziehung zu der eigenen Mutter, Schwangerschaft, Kinderwunsch, Abtreibung, die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern - all diese Themen handelt "(Nicht)Mütter!" ab. Erst Ende Juni wurde in den USA vom Supreme Court das Recht auf Abtreibung gekippt. In Deutschland stellt der Paragraf 218 einen Schwangerschaftsabbruch immer noch unter Strafe, das Werbeverbot von Arztpraxen für Schwangerschaftsabbrüche wurde gerade erst gestrichen. Die Frage danach, wie frei Frauen in unserer Gesellschaft entscheiden können, ob sie Mutter werden wollen oder nicht, ist zweifelsfrei brennend. 2018 hatte die kanadische Autorin Sheila Heti mit ihrem Buch "Motherhood" der Debatte noch einmal eine neue, selbstbewusstere Färbung gegeben. Diese ist nun auch im Marstall zu spüren.
Im Ensemble des Residenztheaters hatte sich Lisa Stiegler, Barbara Horvath, Marie Gimpel, Friederike Meisel, Sara Dec und DJ Theresa "BiMän" Bittermann das Thema aufgedrängt. Sie entwickelten einen Fragebogen, ließen ihn von 19- bis 94-Jährigen beantworten - darunter sie selbst. 22 Ansichten haben sie so gesammelt, die Stimmen aufgezeichnet. Sie sind das Material, auf dem der Abend fußt: persönliche Erfahrungen, Meinungen. Es existiert kein philosophischer Überbau, keine Metaebene, keine Analyse von Statistiken. Es ist ein schlichtes Hinhören geworden, sozusagen Dokuzuhörtheater.
Dafür dominiert die Bühne im Marstall ein baumartiges Stangengerüst, an dem Trichterlautsprecher befestigt sind. Aus ihnen dringen die Stimmen nun heraus, mal von hier, mal von dort. Manchmal sprechen auch Stiegler, Horvath und Bittermann die Texte auf der Bühne - souverän auch nach einer Unterbrechung wegen eines glimpflich verlaufenen Notfalls im Publikum. Sie geben den Äußerungen dann einen Körper. Gelegentlich tanzen sie auch, meistens aber schrauben sie die Lautsprecher ab oder an, verteilen sie neu im Raum, warum auch immer.
"(Nicht)Mütter!" ist ein Zustandsbericht. Die Gedanken sind nicht rasend neu, sie sind keine im Intellektuellenstüberl ausgedachte, feministische Überschreibung eines Textes. Das hier kommt aus dem Bauch, weshalb der Abend von der Dringlichkeit lebt, mit der das Thema vorgebracht wird. Er ist ein berechtigtes Anliegen, ein Diskussionsbeitrag, gespeist von der Kraft der Bühne.
