„Ein sanfter Tod“ am Residenztheater MünchenWie ist es, wenn die eigene Mutter im Sterben liegt?

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Die Zurückgelassenen: Barbara Horvath (vorne) und Sibylle Canonica spielen zwei Schwestern, die ihre Mutter gerade verloren haben.
Die Zurückgelassenen: Barbara Horvath (vorne) und Sibylle Canonica spielen zwei Schwestern, die ihre Mutter gerade verloren haben. (Foto: Sandra Then)

Simone de Beauvoir setzte sich in ihrem Buch „Ein sanfter Tod“ mit dem Abschiednehmen auseinander. Die Residenztheater-Schauspielerin Lisa Stiegler bringt es nun auf die Bühne im Marstall. Es ist ein Herzensprojekt.

Von Yvonne Poppek

Das Datum, an dem alles begann, hat Simone de Beauvoir festgehalten: Donnerstag, 24. Oktober 1963. Um vier Uhr nachmittags erhält die französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin den Anruf, dass ihre Mutter einen Unfall hatte. Hingefallen im Bad, der Schenkelhalsknochen gebrochen, sie befinde sich nun im Krankenhaus. Beauvoir ist in diesem Moment in einem Hotel in Rom, sie reist umgehend nach Paris. Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Ihre Mutter wird nicht mehr aus dem Krankenhaus in ihre Wohnung zurückkehren. Die Ärzte werden bei ihr unheilbaren Krebs entdecken. Sie stirbt vor Ende des Jahres, umsorgt von ihren beiden Töchtern Simone und Hélène.

1964 veröffentlichte Beauvoir ihr Buch „Une mort très douce“, auf Deutsch lautet der Titel „Ein sanfter Tod“. Darin nimmt sie Abschied von ihrer Mutter, setzt sich mit ihrem Sterben, dem Kampf ihrer letzten Wochen auseinander, aber auch mit ihrer Biografie und ihrem eigenen Verhältnis zueinander. Beauvoir, weltbekannt durch ihr Buch „Das andere Geschlecht“ und den darin enthaltenen Satz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“, hat mit „Ein sanfter Tod“ einen sehr persönlichen Text geschrieben – und zugleich einen, der dem Leser unfassbar nahegeht, weil er etwas Trauer- und Angst-Vertrautes behandelt, den Tod der eigenen Mutter.

Es ist ein Thema, bei dem viele die Konfrontation scheuen. Nicht so die Residenztheater-Schauspielerin Lisa Stiegler. „Ich habe das Gefühl, wenn ich es verdränge, erwischt es mich irgendwann volle Breitseite“, sagt sie. Ihre Strategie ist deshalb die der Auseinandersetzung. Und zwar eine sehr intensive: Im Marstall wird „Ein sanfter Tod“ am Freitag, 23. Januar, Premiere haben, Regie führt Lisa Stiegler. Es ist ein Herzensprojekt.

Um „Ein sanfter Tod“ auf der Bühne umsetzen zu können, hat Stiegler einen langen Atem gebraucht. 2023 kam mit „Die Fliegen“ ein Text von Jean-Paul Sartre, dem langjährigen Partner von Beauvoir, im Residenztheater heraus. Stiegler fragte sich damals: „Und wo bleibt Simone de Beauvoir?“ Weibliche Perspektiven seien im Theater immer noch zu wenige zu finden, sagt sie. Also wandte sie sich an Staatsintendant Andreas Beck, ob „Ein sanfter Tod“ nicht Stoff für eine Produktion sein könne. Beck stimmte zu – und so kam der Prozess in Gang.

Die 38-Jährige erzählt von diesen Entwicklungen knapp zwei Wochen vor der Premiere. Es ist ein Gespräch in der „Schönen Aussicht“. Dass sie diesen Weg gegangen ist und dafür die Rolle der Schauspielerin abgelegt und in die Rolle der Regisseurin geschlüpft ist, scheint sie bisweilen noch mit einem Staunen zu betrachten. Dem Staunen, dass etwas wirklich passiert – und jetzt so knapp vor der Vollendung steht.

Seit 2019 ist Schauspielerin Lisa Stiegler im Ensemble des Münchner Residenztheaters.
Seit 2019 ist Schauspielerin Lisa Stiegler im Ensemble des Münchner Residenztheaters. (Foto: Joel Heyd)

Die Schauspielerin ist mit Staatsintendant Beck vom Theater in Basel ans Residenztheater in München gewechselt und kam damit zurück in ihre Heimatstadt. Seit 2019 ist sie wieder hier, seitdem sieht man sie gerne in großen Rollen, mit Figuren, die mit dem Schicksal hadern, diesen Kampf aber bei sich lassen. Sie sind durchaus aktiv, keineswegs erstarrt und doch umgeben von einer einsamen Traurigkeit. Stiegler gibt beispielsweise in „Romeo und Julia“ Romeos Freund Benvolio, sie ist wechselweise Maria Stuart oder Elisabeth in „Maria Stuart“ oder Oscar Wilde und Jochanaan in „Salome“.

Dabei fällt durchaus auch auf, dass die Rolle der Frau ein Thema ist, das sie beschäftigt. Mit Kolleginnen hat sie 2022 den Abend „(Nicht-)Mütter“ entwickelt, der von Mutterschaft und gesellschaftliche Erwartungen handelt. Mit dabei war damals schon ihre Schauspielkollegin Barbara Horvath, mit der sie nun auch „Ein sanfter Tod“ konzipiert hat. Horvath wird in dieser Inszenierung auf der Bühne stehen, genauso wie Sibylle Canonica, die Dritte im Bunde.

Doch bevor sie überhaupt bis zu den Proben gelangen konnten, mussten sie erst einmal die Rechte beim Verlag erhalten. Dafür schrieben sie ein Konzept, dann eine Fassung und legten auch eine spannende Idee vor: Sie arbeiten mit dem Geräuschemacher Max Bauer zusammen. Eine Musik, etwa Elegisches mit Geige, Cello oder Klavier, sei für sie unvorstellbar gewesen, erzählt Stiegler. Womit noch einmal deutlich wird, dass es ihnen um eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Publikum zu diesem Thema geht und nicht um einen Abend, der ordentlich auf Emotionalisierung setzt. Stiegler selbst sagt das so: Es gehe darum, die Menschen „einzuladen und zu sich zu holen, um einen Umgang damit zu finden“.

„Es geht um die Zurückgebliebenen.“

Ihr Ansatz ist nun der, dass Horvath und Canonica die beiden Schwestern sind, die sich um die sterbende Mutter kümmern. Oder vielmehr: Die sich an sie erinnern und die auch versuchen, die letzten Momente noch etwas festzuhalten, um sie zu begreifen. „Es geht um die Zurückgelassenen“, sagt Stiegler. „Wie versucht man, sich in der Welt neu zu positionieren, wenn der Mittelpunkt herausgerissen wurde.“

Um all das realisieren zu können, wechselte Stiegler für dieses Mal in das Regie-Fach und wird nicht spielen. Dazu ermuntert hat sie beispielsweise Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach, indem sie ihr sagte: Das kannst du auch, erzählt die 38-Jährige. Vor dieser Aufgabe habe sie „höchsten Respekt“, sagt sie. Und sie findet sie „total toll“. „Ich glaube, ich lerne gerade viel, auch als Schauspielerin.“

Dabei hat sie die besondere Situation, dass sie mit zwei Darstellerinnen arbeitet, die ihr vertraut sind und mit denen sie „extrem im Dialog“ ist. „Ich muss meinen Kolleginnen nicht vorspielen, dass ich Regisseurin bin“, sagt sie. Am Ende wird es aber nun ihre Regie-Arbeit sein, die erste mit einer literarischen Vorlage. Ein Debüt zu einem großen Thema – „ein Wagnis“, wie sie selbst sagt. Sie hat Grund genug, dass sie sie sich das zutraut.

„Ein sanfter Tod“ von Simone de Beauvoir, Premiere: Freitag, 23. Januar, 20 Uhr, Marstall

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