Süddeutsche Zeitung

Tiere in München:"Es gibt hier auch Schlangen, was mich persönlich total freut"

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Kreuzottern, Molche und Eidechsen: In München können einem deutlich mehr Reptilien und Amphibien begegnen als früher. Experte Markus Baur weiß, warum das so ist - und wie man sich bei einer Sichtung verhalten sollte.

Interview von Konstantin Rek

Wenn man Markus Baurs Büro betritt, ist seine große Leidenschaft nicht zu übersehen. Rund um seinen Schreibtisch stehen zahlreiche Aquarien voller Schildkröten. Baur leitet eine Auffangstation für Reptilien und Amphibien in Schwabing. Gemeinsam mit der Akademie für Zoo und Wildtierschutz hat er nun ein neues Projekt gegründet: die Münchner Urviecher. Ziel ist es, die Lebensräume der Tiere in München zu erkennen und zu schützen.

SZ: Welchen Reptilien und Amphibien können die Münchner Bürger in den Parks begegnen?

Markus Baur: Wir haben viele verschiedene Arten hier. Neben einigen Kröten findet man in den Münchner Gärten und Parks auch diverse Molche und Eidechsen. Das spricht für die Qualität der Grünflächen. Aber es gibt hier auch Schlangen, was mich persönlich total freut. Die Ringelnatter ist beispielsweise flächendeckend in München vorhanden. Auch andere Schlangenarten wie die Äskulapnatter wurden schon gesichtet. Dazu haben wir hier sogar Kreuzottern.

Sind die nicht gefährlich?

Auf dem Papier ist die Kreuzotter zwar eine Giftschlange, aber sie ist so menschenscheu, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Sie lebt mitten in der Stadt, aber es gibt keine Bissunfälle. Generell haben wir in Deutschland eigentlich keine gefährlichen Tiere. Auch die verschiedenen Nattern sind völlig harmlos, weil sie nicht beißen und mit dem Menschen nichts zu tun haben wollen. Amphibien haben zwar Hautgifte, aber da entsteht maximal ein fieser Geschmack im Mund.

Sie sprechen von den Grünflächen in München. Aber wo trifft man Reptilien und Amphibien am häufigsten?

Das sind vor allem Flächen, die nicht zu aufgeräumt sind. Gute Tipps sind zum Beispiel das Isarhochufer oder auch Waldrandgebiete oder die Heidegebiete im Münchner Norden. Aber wir finden Reptilien und Amphibien eben auch in der Stadt. Das war vor einigen Jahren weniger der Fall, doch mittlerweile kehren sie wieder nach München zurück.

Wieso?

Weil die Münchner Grünflächen mit ihrer Bepflanzung einen tollen Ersatzlebensraum bieten. Außerhalb der Stadt gibt es nur noch Mais-, Raps- und Getreidefelder, die zum Teil bis an die asphaltierte Straße bewirtschaftet sind - von wegen Grünstreifen oder Blühstreifen. Naturbelassene Flächen gibt es dort wegen der Landwirtschaft weniger als in den stadtnahen, urbanen Bereichen.

Wenn die Menschen in den Münchner Parks auf ein Reptil treffen, wie sollen sie reagieren?

Entscheidend ist, dass die Bürger unbesorgt sein können. Ich für meinen Teil empfinde viel Freude, weil die Tiere wieder häufiger zu sehen sind. Trotzdem sollten die Menschen die Tiere nicht anfassen und schon gar nicht einfangen. Am besten melden sie den Fund des Tieres und den Ort bei uns. Dann können wir gemeinsam mit der Stadt die Tiere schützen und den Lebensraum möglicherweise verändern und verbessern. Hilfreich ist es auch, die verschiedenen Tierarten zu kennen. Doch das tun nur noch die wenigsten.

Aber das wollen Sie ändern.

Genau. Unsere Auffangstation ist zwar hauptsächlich ein Tierheim für beschlagnahmte, exotische Tiere, aber wir wollen auch etwas für die Tiere hier in München schaffen. Deswegen haben wir die Münchner Urviecher gegründet. Hier wollen wir den Bürgern die heimischen Tiere näher bringen - insbesondere den Kindern. Wir müssen bei denen wieder Begeisterung wecken, damit die Kinder nicht mit Angst vor Tieren aufwachsen und die lila Kuh nicht für real halten. In der Schule lernen sie nur Strukturformeln und Biochemie, aber sie müssen die Tiere auch sehen und spüren. Dafür kreieren wir beispielsweise auch eine Unterrichtseinheit, die wir den Münchner Schulen anbieten.

Der Naturschutz wird auch vom Klimawandel beeinflusst. Wirkt sich der schon auf die Tiere aus?

Aktuell sind noch nicht viele Veränderungen zu sehen. Aber natürlich sind heiße Sommer für temperaturempfindliche Arten wie beispielsweise junge Amphibien problematisch, weil sie einfach vertrocknen. Auch für Reptilien und ihre Eier könnte die Klimaerwärmung böse enden. Das Geschlecht der Neugeborenen wird dabei nicht von ihren Genen, sondern von der Temperatur entschieden. Bei durchschnittlich zwei Grad höheren Temperaturen werden nur noch Weibchen schlüpfen. Das kann also sehr problematisch werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für unser Projekt wünsche ich mir, dass wir genauer Bescheid wissen, wo die Tiere leben und wie ihre Bedingungen dort sind. Hoffentlich haben die Bürger dann auch keine Angst und wissen, was für Wesen ihnen begegnen. Von den Bürgern und Politikern in München wünsche ich mir mehr Bewusstsein für den Natur- und Tierschutz. Anpflanzen ist jetzt die Devise.

Welche Schlangen, Echsen und Kröten man in München finden kann, erklärt Markus Baur:

Äskulapnatter

Die Äskulapnatter mag die Wärme und lebt aufgrund des Klimawandels deswegen immer häufiger in München. Besonders in Freimann findet man sie regelmäßig. Mit einer durchschnittlichen Größe von 140 bis 160 Zentimetern gehört die Äskulapnatter zu den größten Schlangen in Europa. Gefährlich ist sie deswegen aber nicht. Als "völlig harmlos" beschreibt sie Markus Baur. Zudem gehört sie nicht zu den giftigen Schlangen. Die Jungtiere werden häufiger mit der Ringelnatter verwechselt, weil beide Arten einen gelben Fleck auf dem Nacken besitzen.

Schlingnatter

Auch auf kleine Schlangen wie die Schlingnatter kann man in München treffen. Wohl fühlt sie sich auf kargen, wenig bewachsenen Flächen wie der Panzerwiese oder Industrieflächen. Im Vergleich zur Äskulapnatter ist die Schlingnatter mit einer Größe von 50 bis 70 Zentimetern deutlich kleiner, aber genauso ungefährlich. Die ungiftige Schlange wird wegen ihrer dunklen Rückenfarbe oft mit der giftigen Kreuzotter verwechselt. Sie ist aber deutlich schmaler und hat glattere Schuppen, weswegen man die Schlingnatter auch Glattnatter nennt.

Mauereidechse

Die Mauereidechse lebte früher eigentlich nur in Südeuropa, doch durch den Zugverkehr auf Rangierbahnhöfen hat sie ihren Weg bis nach München gefunden. Jetzt verdränge sie die heimische Zauneidechse, berichtet Baur. In München tummelt sich die Mauereidechse vor allem in trockenen und steinigen Gebieten herum, dazu mag sie es sonnig und warm. Zwei Drittel ihrer Gesamtlänge von 20 bis 25 Zentimetern liefert der Schwanz. Die Mauereidechse hat meistens eine braune Färbung mit einem schwarzen Fleckenmuster auf dem Rücken.

Erdkröte

Die Erdkröte zählt zu den häufigsten Amphibienarten in Europa. Man findet sie flächendeckend in ganz Bayern und auch in München. Trotzdem ist dieser weit verbreitete Froschlurch bedroht: Kleine Seen, Teiche oder Tümpel werden zunehmend bebaut und versiegelt. Damit nimmt man den Erdkröten nicht nur ihren gewohnten Lebensraum, sondern auch den Platz für ihre Eier. Männchen werden bis zu neun Zentimeter lang, Weibchen sogar bis zu zwölf Zentimeter. Und, so schwärmt Baur, "die Augen sind wunderschön".

Sumpfschildkröte

Die einzige Schildkrötenart, die in München natürlich vorkommt, ist die Europäische Sumpfschildkröte. Mit einer Länge von elf bis 20 Zentimetern ist sie nicht gerade groß. Besonders in flachen, stehenden Gewässern, kleinen Bächen oder Uferbereichen mit einem dichten Pflanzenbewuchs ist die Sumpfschildkröte zu Hause, Gebiete an der Isar, der Westpark oder das Erdinger Moos sind hierfür Beispiele. Männchen können in warmen Gebieten bereits mit vier Jahren geschlechtsreif werden, Weibchen hingegen in kälteren Regionen teilweise erst mit 18 Jahren.

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