Vorfall bei RegiobahnWenn der Zug aufs falsche Gleis abbiegt

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Kurz vor Weihnachten ist ein Zug der Bayerischen Regiobahn bei Solln auf ein falsches Gleis abgebogen.
Kurz vor Weihnachten ist ein Zug der Bayerischen Regiobahn bei Solln auf ein falsches Gleis abgebogen. (Foto: Sven Hoppe/dpa)
  • Am Freitag vor Heiligabend bog eine Regiobahn bei Solln falsch ab und fuhr statt nach Bayrischzell nach Höllriegelskreuth.
  • Die Deutsche Bahn bestätigte einen "Handlungsfehler" als Ursache, betonte aber, dass kein Sicherheitsrisiko entstanden sei.
  • Baierbrunns Bürgermeister kritisiert die DB-Antwort als unglaubwürdig und wirft dem Konzern eine "Kultur des Verschweigens" vor.
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Am Freitag vor den Ferien landen Fahrgäste in einem Ortsteil von Pullach statt in Bayrischzell. Wie kann es sein, dass in dem dicht befahrenen Schienennetz eine Regiobahn die falsche Abzweigung nimmt? Mit den Antworten der Bahn sind nicht alle zufrieden.

Von Martin Mühlfenzl

Am Freitag vor Heiligabend machen sich Pendler und Ausflügler am späten Vormittag vom Münchner Hauptbahnhof aus auf den Weg ins Oberland. Ihr Ziel im Zug der Bayerischen Regiobahn: der Luftkurort Bayrischzell im Landkreis Miesbach. Doch in den Alpen kommen die Fahrgäste zunächst nicht an; vielmehr stranden sie auf dem linken Hochufer der Isar – im Pullacher Ortsteil Höllriegelskreuth. Auf der Zugstrecke nach Wolfratshausen. Die Regiobahn ist falsch abgebogen.

Aufgefallen war das nicht nur den vermutlich ziemlich verblüfften Insassen des Zugs, sondern auch mehreren „glaubwürdigen Augenzeugen“, wie Patrick Ott, Bürgermeister des Pullacher Nachbarorts Baierbrunn, berichtet. Diese hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Zug auf die teils noch eingleisige Trasse der S7 nach Wolfratshausen verirrt hatte und „dann außerplanmäßig bis Höllriegelskreuth fahren musste“, so Ott. Nach kurzem Aufenthalt, so der Rathauschef, habe der Zug dann wieder wenden können.

Wie aber kann es sein, dass ein Regionalzug in einem der meistbefahrenen Streckennetze der Republik die falsche Abzweigung nimmt? Und wollte die Deutsche Bahn als Streckenbetreiberin den Vorfall verschweigen?

Baierbrunns Bürgermeister Ott jedenfalls sah sich genötigt, den Konzern direkt mit dem falsch abgebogenen Zug zu konfrontieren – und wandte sich in der Folge in einem Schreiben an die Landtags- und Bundestagsabgeordneten des Landkreises München. Denn mit der Antwort der DB war und ist der Rathauschef äußerst unzufrieden.

Die Deutsche Bahn bestätigte auf Otts Nachfrage, dass es zu einer sogenannten Fehlleitung gekommen war. „Die Beobachtung war richtig“, teilte eine Sprecherin mit; als Ursache benannte sie einen „Handlungsfehler“ – also menschliches Versagen, das dazu geführt hatte, dass der Zug bei Solln aufs falsche Gleis abgebogen ist. Ein Sicherheitsrisiko sei allerdings nicht entstanden, heißt es weiter in der schriftlichen Antwort des Konzerns, da die Bayerische Regiobahn „in einer regulär eingestellten Fahrstraße verkehrte und somit die Leit- und Sicherungstechnik entsprechend geschaltet war“.

Auf SZ-Nachfrage erläutert eine DB-Sprecherin, dass Züge grundsätzlich auf einer technisch gesicherten Strecke verkehrten. Fahrdienstleiter „regeln den Verkehr und stellen die Weichen und Signale entsprechend“, heißt es weiter. An besagtem Freitag vor Heiligabend aber sei es zu einer Verwechslung gekommen, so die Konzernsprecherin. „Nach Absprache“, sagt sie, habe der Zug in Höllriegelskreuth gewendet und sei weiter nach Holzkirchen gefahren, wo die Fahrt dann geendet habe. Auf der Weiterfahrt nach dem ungeplanten Stopp in Höllriegelskreuth sei die Regiobahn den gesamten Zeitraum über „signaltechnisch gesichert“, also bei grünem Fahrsignal unterwegs gewesen. „Andernfalls wäre sie über das verbaute Sicherungssystem gebremst worden“, teilt der Konzern mit.

Wie oft aber gelangt ein Zug auf ein falsches Gleis, respektive wird er dorthin geleitet? Laut DB sei dies „ein äußerst seltener Einzelfall“ und stelle „als solches keine Gefährdung dar“. Trotzdem werde jeder Vorfall intern aufgearbeitet. Auch das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), die in Deutschland zuständige Eisenbahnaufsichtsbehörde, hat laut eigenen Angaben keine Erkenntnisse darüber, in welcher Häufigkeit Züge aufs falsche Gleis geleitet werden, da ihr gegenüber solche Ereignisse nicht meldepflichtig seien, wie es auf SZ-Nachfrage mitteilt.

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Die Eisenbahninfrastrukturunternehmen, die in Deutschland Schienenwege im übergeordneten Netz betreiben, benötigen allerdings eine Sicherheitsgenehmigung durch das EBA. In diesem Zusammenhang müssen die Unternehmen auch sogenannte Sicherheitsmanagementsysteme nach EU-rechtlichen Anforderungen einrichten. „Im Rahmen von Einzelfallprüfungen wird zudem stichprobenartig kontrolliert, ob die unternehmensinternen Prozesse wirksam sind“, teilt eine Sprecherin des Eisenbahn-Bundesamts mit. Sollte es zu „außergewöhnlichen Ereignissen“ im Bahnbetrieb kommen, seien die Unternehmen zudem selbst verpflichtet, diese zu untersuchen, auszuwerten und bei Bedarf korrigierend einzugreifen.

Baierbrunns Bürgermeister Ott reicht diese sogenannte Betreiberverantwortung indes nicht aus. Mehr noch: Er kritisiert, dass die Deutsche Bahn den Vorfall auf der Trasse der S7 aus seiner Sicht nicht selbst öffentlich machen wollte. Ein solcher Vorfall aber, so Ott, sei von „erheblichem öffentlichem Interesse“ – zumal, so der Rathauschef in seinem Schreiben an die Abgeordneten aus dem Landkreis München, die Bahn immer wieder wegen einer „Kultur des Verschweigens“ in der Kritik stehe. Außerdem habe die Bahn eine Woche benötigt, um den Fall intern zu bearbeiten und ihm zu antworten, so Ott.

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Bei einem S-Bahn-Unglück in Schäftlarn starb 2022 ein junger Mann, 51 Menschen wurden verletzt. (Foto: Matthias Balk)

Auch die Aussage der DB, dass durch den Vorfall kein Sicherheitsrisiko entstanden sei, hält Ott für „in hohem Maße unglaubwürdig“. Es benötige nach einem derartigen Fehler nur noch eine weitere fehlerhafte menschliche Entscheidung etwa bei einem Stellwerk oder einem Lokführer, um einen ernsthaften Unfall zu verursachen. Dabei verweist Ott auf das „schreckliche Unglück in Schäftlarn“. Am 14. Februar 2022 stießen eben auf der Strecke der S7 in der nördlichen Einfahrt des Bahnhofs Ebenhausen-Schäftlarn zwei S-Bahnzüge frontal zusammen; ein Mensch verlor dabei sein Leben, Dutzende wurden teils schwer verletzt. Ein Zugführer soll damals ein Stopp-Signal missachtet und dadurch die Kollision verursacht haben.

Der Irrweg der Regiobahn kurz vor Weihnachten hatte lediglich erhebliche Störungen im S-Bahnverkehr zur Folge, insbesondere bei der S7. Zu Schaden gekommen ist niemand – und im Oberland kamen alle an, die es wollten. Wenn auch verspätet.

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