Erst vor wenigen Wochen sind in Münster knapp 100 Rechtsextreme aufmarschiert. „(Wieder eine) Neonazi-Demonstration“ in der westfälischen Stadt, heißt es dazu auf der Webseite von „Recherche Nord“, wo eine Bildergalerie mit 130 Aufnahmen darlegt, wer dort alles dem Aufruf der Partei „Die Heimat“ gefolgt und durch die Straßen gezogen ist. Mehr als 200 solcher Fotostrecken hat das unabhängige Recherche- und Medienprojekt seit seiner Gründung 2004 veröffentlicht. „Wir wollen so unseren Beitrag für eine fortschreitende Vernetzung von Recherchetätigkeiten und dem Austausch von Hintergrundinformationen über organisierte Neonazis leisten“, schreibt die Initiative auf ihrer Webseite.
Für diesen unermüdlichen Einsatz zur Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke hat „Recherche Nord“ nun den Georg-Elser-Preis der Stadt München erhalten. Die freien Autorinnen, Fotografen und Journalistinnen, die größtenteils ehrenamtlich für die Initiative tätig sind, leisteten „unfassbar wichtige Arbeit“, betonte der Zweite Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) bei der Verleihung im NS-Dokumentationszentrum. „Ihre Arbeit ist oft mühsam, manchmal einsam und nicht selten gefährlich. Aber sie ist bitter notwendig.“

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Der Georg-Elser-Preis ist mit 10 000 Euro dotiert, wird alle zwei Jahre von der Stadt verliehen und würdigt „das Wirken und Handeln von Menschen mit Zivilcourage, die sich für die demokratischen Errungenschaften einsetzen“. 2023 wurde die eritreische Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu ausgezeichnet, die als politisch Geflüchtete in München lebt. Diesmal entschied sich die Jury für das Netzwerk „Recherche Nord“, das – so die Begründung – „für Zivilcourage, Unabhängigkeit und die Überzeugung steht, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern täglich verteidigt werden muss“.
Ein Schwerpunkt der Tätigkeit von „Recherche Nord“ ist die Dokumentation von Veranstaltungen der rechtsextremen Szene. Hierzu fahren die Mitarbeitenden zu Neonazi-Aufmärschen, Rechtsrock-Konzerten, geheimen Treffen sowie Veranstaltungen von einschlägigen Parteien und Organisationen. „Ob offen mit Drohnen und Hebebühne oder verdeckt eingegraben im Waldboden: Recherche Nord ist häufig, ich möchte meinen erschreckend häufig auch dort vor Ort, wo Ordnungs- und Sicherheitsbehörden es nicht sind, oder jedenfalls nicht erkennbar sind“, sagte Thorsten Hindrichs in seiner Laudatio. Der Musikwissenschaftler von der Uni Mainz und Rechtsrock-Experte verwies nicht nur auf den immensen Aufwand, den „Recherche Nord“ betreibe – mit bislang fast drei Millionen gemachter Fotos. Sondern weitaus schwerer wögen für die Mitglieder des Netzwerks „die körperlichen und insbesondere psychischen Belastungen“.

Allein dieses Jahr habe es 17 Angriffe auf Mitarbeitende von „Recherche Nord“ gegeben – darunter zwei „handfeste körperliche Attacken“, berichtete Lotta Kampmann. Sie nahm den Georg-Elser-Preis zusammen mit André Aden entgegen, dem Gründer und bis vor Kurzem einzigen öffentlichen Gesicht des Netzwerks, dessen Mitglieder aus Sicherheitsgründen überwiegend im Geheimen tätig sind. „Wir nehmen diesen Preis stellvertretend für viele andere entgegen“, betonte Lotta Kampmann. „Er kommt zu einer Zeit, in der unsere Arbeit immer schwieriger wird.“ Neben körperlicher Gewalt und juristischen Angriffen sehe man sich zunehmend auch gezielten Kampagnen und Diffamierungen ausgesetzt.
Vor diesem Hintergrund lobte Laudator Hindrichs die Stadt München, die mit der Preisverleihung „ausgesprochen mutig“ gehandelt habe. So werde es nicht lange dauern, bis rechtsextreme Portale die Auszeichnung als „staatliches Antifa-Sponsoring“ brandmarken oder ähnliche hetzerische Erzählungen verbreiteten, prognostizierte der Musikwissenschaftler. „Ich wünsche sowohl der Jury des Georg-Elser-Preises als auch der Landeshauptstadt München den Mut, die Haltung und das Durchhaltevermögen, sich von derlei erwartbarer rechter Hetze nicht beeindrucken zu lassen und weiter stabil und demokratisch gegenzuhalten.“

