Georg-Elser-Preis für Netzwerk „Recherche Nord“Sie machen Fotos, wenn Nazis aufmarschieren

Lesezeit: 2 Min.

Eine Neonazi-Gruppe in der Innenstadt von Essen (Symbolfoto).
Eine Neonazi-Gruppe in der Innenstadt von Essen (Symbolfoto). (Foto: Jochen Tack/IMAGO)
  • Das Netzwerk „Recherche Nord“ erhält den Georg-Elser-Preis der Stadt München für die Dokumentation rechtsextremer Veranstaltungen mit fast drei Millionen Fotos seit 2004.
  • Die Initiative dokumentiert Neonazi-Aufmärsche, Rechtsrock-Konzerte und geheime Treffen, wobei die Mitarbeitenden 2024 bereits 17 Angriffe erlitten haben.
  • Der mit 10 000 Euro dotierte Preis würdigt den unermüdlichen Einsatz zur Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke trotz körperlicher Gewalt und juristischer Angriffe.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Das Netzwerk „Recherche Nord“ dokumentiert etwa Rechtsrock-Konzerte oder Geheimtreffen der Szene – fast drei Millionen Aufnahmen hat es gemacht. Für seinen Einsatz hat die Stadt München es nun ausgezeichnet.

Von Patrik Stäbler

Erst vor wenigen Wochen sind in Münster knapp 100 Rechtsextreme aufmarschiert. „(Wieder eine) Neonazi-Demonstration“ in der westfälischen Stadt, heißt es dazu auf der Webseite von „Recherche Nord“, wo eine Bildergalerie mit 130 Aufnahmen darlegt, wer dort alles dem Aufruf der Partei „Die Heimat“ gefolgt und durch die Straßen gezogen ist. Mehr als 200 solcher Fotostrecken hat das unabhängige Recherche- und Medienprojekt seit seiner Gründung 2004 veröffentlicht. „Wir wollen so unseren Beitrag für eine fortschreitende Vernetzung von Recherchetätigkeiten und dem Austausch von Hintergrundinformationen über organisierte Neonazis leisten“, schreibt die Initiative auf ihrer Webseite.

Für diesen unermüdlichen Einsatz zur Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke hat „Recherche Nord“ nun den Georg-Elser-Preis der Stadt München erhalten. Die freien Autorinnen, Fotografen und Journalistinnen, die größtenteils ehrenamtlich für die Initiative tätig sind, leisteten „unfassbar wichtige Arbeit“, betonte der Zweite Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) bei der Verleihung im NS-Dokumentationszentrum. „Ihre Arbeit ist oft mühsam, manchmal einsam und nicht selten gefährlich. Aber sie ist bitter notwendig.“

SZ Good News
:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Mehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.

Der Georg-Elser-Preis ist mit 10 000 Euro dotiert, wird alle zwei Jahre von der Stadt verliehen und würdigt „das Wirken und Handeln von Menschen mit Zivilcourage, die sich für die demokratischen Errungenschaften einsetzen“. 2023 wurde die eritreische Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu ausgezeichnet, die als politisch Geflüchtete in München lebt. Diesmal entschied sich die Jury für das Netzwerk „Recherche Nord“, das – so die Begründung – „für Zivilcourage, Unabhängigkeit und die Überzeugung steht, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern täglich verteidigt werden muss“.

Ein Schwerpunkt der Tätigkeit von „Recherche Nord“ ist die Dokumentation von Veranstaltungen der rechtsextremen Szene. Hierzu fahren die Mitarbeitenden zu Neonazi-Aufmärschen, Rechtsrock-Konzerten, geheimen Treffen sowie Veranstaltungen von einschlägigen Parteien und Organisationen. „Ob offen mit Drohnen und Hebebühne oder verdeckt eingegraben im Waldboden: Recherche Nord ist häufig, ich möchte meinen erschreckend häufig auch dort vor Ort, wo Ordnungs- und Sicherheitsbehörden es nicht sind, oder jedenfalls nicht erkennbar sind“, sagte Thorsten Hindrichs in seiner Laudatio. Der Musikwissenschaftler von der Uni Mainz und Rechtsrock-Experte verwies nicht nur auf den immensen Aufwand, den „Recherche Nord“ betreibe – mit bislang fast drei Millionen gemachter Fotos. Sondern weitaus schwerer wögen für die Mitglieder des Netzwerks „die körperlichen und insbesondere psychischen Belastungen“.

Bürgermeister Dominik Krause, „Recherche Nord“-Vertreter André Aden und Lotta Kampmann  sowie Kulturreferent Marek Wiechers bei der Verleihung des Georg-Elser-Preises.
Bürgermeister Dominik Krause, „Recherche Nord“-Vertreter André Aden und Lotta Kampmann  sowie Kulturreferent Marek Wiechers bei der Verleihung des Georg-Elser-Preises. (Foto: Florian Peljak)

Allein dieses Jahr habe es 17 Angriffe auf Mitarbeitende von „Recherche Nord“ gegeben – darunter zwei „handfeste körperliche Attacken“, berichtete Lotta Kampmann. Sie nahm den Georg-Elser-Preis zusammen mit André Aden entgegen, dem Gründer und bis vor Kurzem einzigen öffentlichen Gesicht des Netzwerks, dessen Mitglieder aus Sicherheitsgründen überwiegend im Geheimen tätig sind. „Wir nehmen diesen Preis stellvertretend für viele andere entgegen“, betonte Lotta Kampmann. „Er kommt zu einer Zeit, in der unsere Arbeit immer schwieriger wird.“ Neben körperlicher Gewalt und juristischen Angriffen sehe man sich zunehmend auch gezielten Kampagnen und Diffamierungen ausgesetzt.

Vor diesem Hintergrund lobte Laudator Hindrichs die Stadt München, die mit der Preisverleihung „ausgesprochen mutig“ gehandelt habe. So werde es nicht lange dauern, bis rechtsextreme Portale die Auszeichnung als „staatliches Antifa-Sponsoring“ brandmarken oder ähnliche hetzerische Erzählungen verbreiteten, prognostizierte der Musikwissenschaftler. „Ich wünsche sowohl der Jury des Georg-Elser-Preises als auch der Landeshauptstadt München den Mut, die Haltung und das Durchhaltevermögen, sich von derlei erwartbarer rechter Hetze nicht beeindrucken zu lassen und weiter stabil und demokratisch gegenzuhalten.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Orte mit Nazi-Vergangenheit
:Spuren der Tyrannei in München

Die Villa eines berühmten Schriftstellers, die zum Lebensborn-Heim wurde, eine Grundschule, in der ein Bombensuchkommando aus KZ-Häftlingen hauste, oder ein paar Meter ziviler Ungehorsam in der Stadtmitte: acht Orte mit düsterer NS-Geschichte.

SZ PlusVon Katja Schnitzler

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: