Voll wie wohl selten ist es im Amtszimmer des Oberbürgermeisters: 60 Menschen, groß und klein, alt und jung, drängen in das Büro. Aber Dieter Reiter behält den Überblick. „Kinder, kommt ruhig nach vorn“, sagt er. Dass sich Reiter in seinem eigenen Büro als Platzanweiser betätigt, hat mit diesem besonderen Samstag zu tun, in dem das gesamte Rathaus und noch einige andere städtische Dienststellen den „Tag der offenen Tür“ begehen.
Was Reiters Büro betrifft, bedeutet das, dass die Neugierigen gute 20 Minuten auf dem Gang warten müssen – der Andrang ist groß –, bevor sie dann in Gruppen von 60 eingelassen werden. Rund 400 Menschen werden es am Ende des Tages gewesen sein, die sich das Amtszimmer angeschaut haben. Um eine neue Gruppe reinzulassen, muss aber auch am Tag der offenen Tür ein Mitarbeiter im Vorzimmer auf einen Knopf drücken. Die Tür zum Büro ist ohne Schlüssel nur von innen zu öffnen.
Überhaupt: „Ich versuche, so wenig wie möglich in diesem Raum zu sein“, sagt Reiter, was aber kein Eingeständnis oberbürgermeisterlicher Arbeitsunlust ist, sondern eine Erklärung seines Politikstils: dass er lieber mit den Leuten redet als über Akten brütet. Gerade aber redet er weniger, predigt mehr: Wie denn die Leute geworden sind, dass sie nur mehr an sich denken, dass sie die Stadt zumüllen und jeder seinen Dreck überall hinschmeißt. „Ich hab’ schon ernsthaft drüber nachgedacht, die Isar abzusperren“, sagt Reiter, und das macht den Ernst der Situation mehr als deutlich.
Währenddessen setzen sich auch andere Abteilungen der Stadtverwaltung und natürlich die Fraktionen des Stadtrats ins rechte Licht. Bei der Partei „Die Partei“ zum Beispiel können die Kinder der Besucher Blockflöten basteln. Gerade aber ist göttliche Ruhe, weil sich die Blockflötenbastellehrerinnen zu gewerkschaftlich vorgeschriebenen Mittagspause zurückgezogen haben.
Draußen auf dem Gang überprüft eine Großmutter einen Luftballon, den ihr Enkelkind im Buggy an der Schnur hält. Der Ballon ist zwar blau, aber sonst deutet nichts darauf hin, dass der Enkel den bei der AfD ergattert hat – Glück gehabt, der Bub darf den Ballon behalten.
In den Räumen der SPD-Fraktion riecht's wie in der Weihnachtsbäckerei. Das liegt daran, dass Christian Vorländer, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende, mit einigen Genossen seine ganze Kraft dem Backen von Waffeln widmet, stilsicher in rote Schürzen gewandet. Die Waffeln scheinen gut zu sein, darauf lässt jedenfalls die Schlange der Wartenden schließen. Ansonsten können junge Besucher ihren Wunsch-Spielplatz malen oder sich ein Tiergesicht schminken lassen. Am Rande ist dann noch zu erfahren, was es bei Vorländers zu Hause am Abend zu essen gibt. Darüber sei aber gnädig (und neidisch) der Mantel des Schweigens gebreitet, sonst kommt gleich wieder jemand mit „Toskana-Fraktion“.



Das Rathaus, seine Treppenhäuser und Gänge sind erstaunlich gut gefüllt, auch unten am Marienplatz, wo sich städtische Referate, aber auch etwa die Polizei präsentieren, herrscht Bürgerbeteiligungs-Gedränge. Rund 22 000 Besucherinnen und Besucher sind am Samstag gekommen. Die längste Schlange neben der vor dem OB-Büro findet vor dem Zugang zum Rathausbalkon – das scheint ein Münchner Urbedürfnis zu sein, einmal wie die Bayern-Spieler bei der Meisterfeier huldvoll vom Balkon in die Menge zu grüßen.
In Dieter Reiters Büro ist jetzt Ablösung, die nächste Gruppe soll hereingelassen werden. Vorher aber muss es natürlich noch jede Menge Selfies geben – dabei tut sich des Oberbürgermeisters Fahrer hervor, den alle nur bei seinem Nachnamen „Kaya“ rufen, wahrscheinlich, weil sein Vorname manchem ein bisschen schwer über die bayerischen Lippen kommt: Hüsamettin. Kaya also knipst drauflos, als hätte er neben dem Führer- auch noch einen Fotografenschein, und so kann bald die nächste Gruppe hereindrängen.
Wie schon zuvor beginnt Reiter mit einer kleinen Rede, aber erst, nachdem er die Kinder um sich geschart hat. Ein Bub darf sogar auf dem OB-Stuhl Platz nehmen, und Reiter droht, er werde sich später noch mit ihm darüber unterhalten, ob es wirklich erstrebenswert ist, hier zu arbeiten. Dann aber – natürlich – die großen Münchner Themen, die Mobilität, der Nahverkehr, die Wohnsituation. Der OB beklagt, dass eine „Pro Domo“-Haltung immer mehr überhandnehme. Auf Bairisch lässt sich das mit dem Schutzpatron der Feuerwehren verdeutlichen: „Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andre an.“ Jeder wolle günstigen Wohnraum aber bitte nicht vor der Tür und nicht zu hoch, und mit sozialverträglichen Bewohnern.
Ähnliches sehe er auch beim Personennahverkehr: Der solle für jeden so billig wie möglich sein – aber wenn an einem Ende etwas gestrichen werde, dann müsse das ja an einem anderen Ende wieder hereinkommen. Das entlässt die Besucher nach einer knappen halben Stunde nicht unbedingt klüger, aber doch im Bewusstsein, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt und die Stadt froh sein kann, dass an ihrer Spitze ein Dieter Reiter steht, der das alles so schön erklären kann.
Hinweis der Redaktion: Die Partei „Die Partei“ legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei der Blockflöten-Bastelaktion beim Tag der offenen Tür im Münchner Rathaus nicht um eine Aktion der Partei „Die Linke“ handelte, die im Stadtrat eine Fraktionsgemeinschaft mit „Die Partei“ bildet, sondern um eine eigene Aktion von „Die Partei“. Wir haben das im Text entgegen einer früheren Fassung entsprechend korrigiert.

