Rassismus-Bekämpfung durch Mode:"It's not a Wuschelkopf, it's a crown"

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Rassismus-Bekämpfung durch Mode: Joana Mayr entwirft T-Shirts mit verschiedenen Aufdrücken - und setzt damit ein Zeichen gegen Rassismus.

Joana Mayr entwirft T-Shirts mit verschiedenen Aufdrücken - und setzt damit ein Zeichen gegen Rassismus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Designerin Joana Mayr ist mit Turbanen bekannt geworden. Durch die "Black Lives Matter"-Bewegung hat sie nun ein neues Feld erschlossen: Kritische Motto-T-Shirts.

Von Franziska Gerlach

Diese Geschichte beginnt im Juni, an jenem Tag, als am Königsplatz die Demonstranten auf die Knie gingen. Acht Minuten und 46 Sekunden verharrten sie dort, schweigend, im Gedenken an den Tod von George Floyd, dem Ende Mai im US-amerikanischen Minneapolis ein Polizist acht Minuten und 46 Sekunden lang das Knie in den Nacken gedrückt hatte. 25 000 Menschen knieten und gedachten einer Tat, die ohne Rassismus nicht zu erklären ist. Nur Joana Mayr kniete nicht. Sie war hochschwanger, das Balancieren auf den Knien fiel ihr schwer. Also saß sie - und las die Worte auf den Schildern, die sie später zu einer Anti-Rassismus-Kampagne mit Statement-Shirts inspirieren sollten.

Ein halbes Jahr hält die 31-jährige Münchnerin und Mutter zweier Kinder, drei Jahre und fünf Monate alt, auf einer Bank am Wiener Platz einen Becher in der Hand, aus dem es dem Himmel entgegen dampft, über ihren Zöpfen trägt sie eine Strickmütze. Die Texte vom Königsplatz, dem Ort der Demonstration "Silent Protest - Sag Nein zu Rassismus", ließen der Designerin mit den deutsch-senegalesischen Wurzeln keine Ruhe, sie arbeiteten in ihr, entfalteten nach und nach ihre Wucht. Noch heute verengen sich Mayrs Augen, wenn sie von den Texten spricht.

June 6, 2020, Munich, Bavaria, Germany: Demonstrators in Munich, Germany take a knee against racism. Showing solidarity

25 000 Menschen knieten im Juni im Gedenken an den Tod von George Floyd auf dem Königsplatz.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Besonders im Kopf geblieben ist ihr ein Schild, auf dem ein Demonstrant sinngemäß hinterfragte, weshalb dunkelhäutige Babys zwar als niedlich empfunden, erwachsene Männer desselben Hauttons jedoch als Bedrohung wahrgenommen würden? "Solche Statements berühren mich extrem. Aber ich kann mir ja nicht den ganzen Tag ein Schild umhängen. Also muss es auf die Kleidung", sagt Mayr, die 2016 das Label DFCF ("Don't forget where you come from") gegründet hat.

Eigentlich ist Mayr für ihre Turbane bekannt, mittlerweile dürfte so gut wie jedes deutsche Modemagazin die Kopfbedeckungen einmal abgelichtet haben. Schon beim Entwurf dieses kunstvoll geknoteten Stück Stoffs ging es ihr darum, die Kulturen ihrer Eltern - die Mutter Deutsche, der Vater aus Senegal - miteinander zu verbinden. Ihre Anti-Rassismus-Kampagne auf Instagram jedoch geht tiefer, die Statement-Shirts und die dazu entstandenen Videos und Fotos seien "ein Herzensprojekt", wie sie betont. Seit einigen Tagen gibt es einen Online-Shop, von Männern und Frauen aus München, Frankfurt und Berlin sind Bestellungen eingegangen. Allerdings muss man sagen, dass die Münchnerin nicht die Erste ist, die die Mode für politische Botschaften nutzt.

"Die Mode war schon politisch, bevor sie kommerziell wurde", sagt Sabine Resch, Professorin für Modejournalismus an der Akademie Mode & Design (AMD) in München. Man denke nur an die Culottes der Französischen Revolution, als politische Zugehörigkeit über die Länge der Hosen ausgedrückt wurde. Dem T-Shirt verhalf dann 1984 die britische Modedesignerin Katharine Hamnett zu einem denkwürdigen Auftritt, als sie Premierministerin Margaret Thatcher bei einem Empfang in einem Shirt mit der Aufschrift "58 % don't want Pershing" die Hand schüttelte - ein textiler Protest gegen die Stationierung von Pershing-Raketen in Europa. In den anschließenden Neunzigerjahren verkamen die Aufdrucke zum Gag, "Zicke" stand auf den Shirts, vielleicht auch mal "Oberzicke", nichts, was der Rede wert gewesen wäre.

Maria Grazia Chiuri, die erste Chefdesignerin in der Geschichte des Hauses Dior, sorgte dagegen für einigen Gesprächsstoff, als sie im September 2016 Gesellschaftskritik auf einem T-Shirt unterbrachte. Bei ihrer Debütkollektion für das französische Luxuslabel schickte sie die Models in weißen Shirts mit der Aufschrift "We should all be feminists" über den Laufsteg, ein Zitat der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Ein medienwirksamer Coup, der bald viele andere Modelabels dazu veranlasste, es auch mal mit einem Spruch auf Baumwolle zu versuchen. Das Statement-Shirt wurde Trend.

"Ich stehe für die Frauen, für die Mamas, für die Dunkelhäutigen."

Mayr dagegen redet an diesem kalten Wintermorgen nicht über Trends, auch nicht darüber, inwiefern die Mode ein Abbild gesellschaftlichen Wandels darstellt.

Nein, die Münchnerin mit einer unbändigen Energie in der Stimme spricht am liebsten über die Menschen in ihrem Leben. Erwähnt mehrfach ihr Team, wie toll die Zusammenarbeit mit den drei Frauen klappe. Erzählt, dass sie ihre beiden Kinder alleine groß zieht. Berichtet von den Erfahrungen, die ihre eigene Mutter im weißen Wohlstandsmünchen der Neunzigerjahre machen musste, weil das Kind an ihrer Hand - sie, Joana Mayr - einen dunkleren Teint hatte als sie selbst. Feministin? Kämpferin für Vielfalt und Chancengleichheit? Schwierig, Joana Mayr in ein Schema zu pressen. "Ich stehe für die Frauen, für die Mamas, für die Dunkelhäutigen", sagt sie.

Die Münchnerin hat Friseurin gelernt, als Make-up-Artistin bei Fotoshootings kam sie mit der Mode in Kontakt. Mit ihrem Label DFCF ging es gerade so richtig los, da hielt sie einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Dennoch zog sie ihren Plan durch, die traditionellen Kopfbedeckungen Senegals wie Mützen zu gestalten, damit sich die Frauen hierzulande nicht mit dem Binden eines Tuchs abmühen müssen. Sie nähte dann eben nachts.

Nun ist es allerdings eine Sache, sich auf dem harten Pflaster der Mode zu behaupten. Doch öffentlich Position gegen Rassismus zu beziehen, das erfordert noch immer Mut, viel Mut. Mayr geht diesen Schritt auch für ihre Kinder, für deren Zukunft, damit ihnen im Kindergarten oder in der Schule kein rosa Buntstift gereicht wird, wenn sie einen Menschen malen wollen. Für mehr Toleranz. Denn wenn ihre kleine Tochter im Bus eine Frau anlächelt, diese sich daraufhin aber abwendet, na klar tut ihr das als Mutter weh.

Mayr nimmt ein T-Shirt aus ihrem Rucksack, faltet es auseinander, die Buchstaben vereinen sich zu einem Satz: "Don't touch my hair", steht da. Ein anderer Spruch, den sie sich ausgedacht hat, lautet: "It's not a Wuschelkopf, it's a crown". Oder: "Don't ask me where I am really from. I'm from my mother".

Die Unart mancher Leute, anderen ungefragt in die Haare zu fassen, nerve sie, unhöflich sei das. Egal, ob blonde Wellen oder ein Afro zerzaust werden. Und natürlich hat Mayr auch kein Problem damit, die Frage nach ihrer Herkunft zu beantworten. Wenn sie dann aber, weil sie nun einmal hier geboren sei, erkläre, dass sie aus München komme, die Leute das ihrer Hautfarbe wegen aber nicht glauben wollten, und weiter bohrten, nein, nein, wo sie denn wirklich herkomme? Nun, dann stört sie das.

Ihre eigene Mutter sei oft gefragt worden, ob sie ihre Tochter adoptiert habe, den Vater überhaupt kenne. "Aber nicht nur eine Beleidigung ist Rassismus", sagt die Designerin. Auch unbedachte Fragen könnten verletzen, dahinter müsse nicht zwingend eine böse Absicht stehen. Joana Mayr hat über die Jahre hinweg feine Antennen für solche Äußerungen entwickelt. Und mit der Entschuldigung, es nicht besser zu wissen, braucht ihr auch keiner zu kommen. Sie sei schon als Kind sehr direkt gewesen, sagt sie. Keine, die Kränkungen tapfer beiseite lächelt. Wenn sie mit ihrer Tochter malt, dann erklärt sie ihr, dass unterschiedliche Hautfarben etwas Schönes sind. Ein sensiblerer Umgang mit Menschen, die optisch nicht den hierzulande gängigen Vorstellungen entsprechen - dazu möchte sie auch mit ihren T-Shirts etwas beitragen. Immerhin ließe sich die eigene Haltung wunderbar über Kleidung ausdrücken. "Und Mode wird immer beachtet", sagt Mayr. "Immer."

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Denis Hedeler (einmalige Nutzung für IPO, auch online, Zahlung nach Anstrich).

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