Hasskriminalität in München:Die Pandemie verschärft das Rassismus-Problem

Lesezeit: 3 min

Ein Zettel mit der Aufschrift "Racism is a pandemic". (Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

426 Fälle von Hasskriminalität sind im vergangenen Jahr bei der Münchner Polizei gemeldet worden. Besonders Menschen mit asiatischem Aussehen waren von Diskriminierung betroffen.

Von Martin Bernstein

Ich muss tapfer sein." Die junge Frau am Computer-Bildschirm ringt sichtlich mit der Fassung. Sie erzählt, wie sie in einem Supermarkt rassistisch angepöbelt wurde, in aller Öffentlichkeit. Niemand ist der Frau zur Seite gesprungen. Es war einer von Hunderten ähnlicher Vorfällen im vergangenen Jahr. 426 Fälle sogenannter Hasskriminalität sind allein bei der Polizei aktenkundig geworden, fast alle verübt aus rechter, menschenfeindlicher Motivation. 215 Opfer rechter Übergriffe hat die Münchner Beratungsstelle Before im vergangenen Jahr betreut, dazu 243 Betroffene von Diskriminierung. Die Pandemie wirkt laut Before-Vorsitzendem Siegfried Benker wie ein "Brandbeschleuniger".

Es ist der 12. November. Knapp zwei Wochen zuvor ist die junge Frau in Deutschland eingetroffen, "negativ auf Corona getestet", wie sie sich gleich zu Beginn des per Video geführten Gesprächs beeilt zu sagen. Es ist ihr wichtig. Die junge Frau, die in München ihr Studium abschließen möchte, stammt aus Indonesien. "Es sind zu viele von euch hier!" Eine Frau Mitte 50 habe das gerufen, erinnert sich die Studentin, die im Text nicht mit ihrem richtigen Namen vorkommen, sondern Cindy genannt werden möchte. Sie sei gerade am Brotregal gestanden, "ich dachte zuerst, da telefoniert jemand". Dann hört sie "South-East Asian" und stutzt: Meint diese Frau sie? Kennt sie sie? Und: Hat sie etwas getan, was die Frau provoziert haben könnte?

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"Es ist eine Invasion!", ruft die Fremde. Sie ruft es auf Englisch, auch die Beschimpfungen, die folgen. Sie möchte, dass die junge, dunkelhaarige Studentin sie genau versteht. Der Hass in den Augen der Unbekannten schockiert Cindy. Im Supermarkt ist zu der Zeit nicht viel los. Es ist niemand zu sehen, der der jungen Frau beistehen kann oder möchte. Unterstützung, ist Cindy im Rückblick überzeugt, hätte schon etwas geändert. Denn als sie zur Kasse geht, kehrt die Pöblerin zurück. Wieder fallen wüste Schimpfworte. Erst viel später fällt der Studentin im Rückblick auf: "Die Frau hatte keine Einkäufe. Vielleicht war sie mir schon gefolgt."

Nein, verletzt worden ist bei der Attacke niemand, zumindest nicht körperlich. Anders als bei den 57 eindeutig rechts motivierten Körperverletzungsdelikten aus dem vergangenen Jahr, von denen die Polizei bei ihrer Jahrespressekonferenz jüngst berichtete - eine Verdoppelung der Fallzahlen. Eine Tendenz, die auch die Berater von Before in ihrer Arbeit erleben: Wie schon in den vier vorangegangenen Jahren stieg die Zahl der Beratungsfälle 2020 weiter an - um mehr als 35 Prozent. Betrachtet man die 2020 gemeldeten Fälle gewaltsamer Hasskriminalität, dann hatte jeder vierte Vorfall mit Corona oder den staatlich verordneten Einschränkungen zu tun.

Besonders asiatisch aussehende Menschen werden angegriffen

Mindestens neun Menschen wurden in München seit Beginn der Pandemie attackiert, angespuckt oder misshandelt, weil sie in den Augen der Angreifer irgendwie asiatisch aussahen. Sieben Betroffene von antiasiatischem Rassismus betreute die Beratungsstelle Before. Die städtische Fachstelle für Demokratie bestätigte zu Beginn des Jahres, dass sie mit konsularischen Vertretern Gespräche geführt habe, "die ihre Sorge über einen zunehmenden Rassismus, der sich gegen asiatisch aussehende Menschen richtet, zum Ausdruck gebracht haben". Bei Before geht man zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.

Die Before-Berater hatten 2020 mit weiteren Auswirkungen der Pandemie zu tun. Deutlich mehr Fälle in der Opferberatung spielten sich beispielsweise im häuslichen Umfeld ab - die Zahl dieser Beratungsfälle verdreifachte sich im Vergleich zu 2019. "Unter den Bedingungen des Lockdowns verbrachten die Menschen in München zwangsläufig viel mehr Zeit in ihrer Wohnung", berichtet Beraterin Anja Spiegler. "Wenn sie dann in diesem intimen Rückzugsort zum Ziel von Angriffen, etwa von Nachbarinnen oder Nachbarn werden, hat das gravierende Folgen." Betroffene in solchen Situationen stünden buchstäblich "mit dem Rücken zur Wand", sagt Siegfried Benker.

"Ich hatte ständig das Gefühl, ich werde beobachtet"

Zudem sahen sich die Before-Mitarbeiter seit Mitte 2020 mit einem neuen Phänomen konfrontiert: Mehrere Maskenverweigerer versuchten, die Beratungsstelle zu instrumentalisieren, um ohne einen nachvollziehbaren medizinischen Grund die Maskenpflicht zu umgehen. Sie behaupteten, es sei "Diskriminierung", wenn sie zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung angehalten werden. Diese Instrumentalisierung und Entwertung der Schutzvorkehrungen schade den tatsächlich von Rassismus und Diskriminierung Betroffenen, sagt Damian Groten, Pressesprecher bei Before.

Der jungen Studentin aus Indonesien ging es wie vielen Opfern rassistischer Attacken - sie fragte sich im ersten Schock, "ob ich vielleicht etwas getan hatte, das die Attacke ausgelöst haben könnte". Cindy, die bei ihrer Suche nach Hilfe auf Before gestoßen ist, denkt inzwischen anders: "Solche rassistischen Angriffe können jederzeit und überall ohne Vorwarnung geschehen."

Die Zeit nach dem Angriff im Supermarkt war für die Studentin schlimm: "Ich bewegte mich vorsichtiger. Ich hatte ständig das Gefühl, ich werde beobachtet." Erst drei Wochen später wagte sie sich wieder in den Supermarkt. Und heute? "Wenn mir etwas Ähnliches wieder passieren würde, würde ich stärker sein", sagt Cindy. Und kämpft, während sie das sagt, mit den Tränen.

© SZ vom 17.03.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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