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Raserunfall in Laim:Nach Tod eines Schülers: 35-Jähriger wegen Mordes angeklagt

Tödlicher Raserunfall in München: Gedenken an Opfer in Laim, 2019

Auf der Flucht vor der Polizei raste der Geisterfahrer in eine Gruppe von vier Jugendlichen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Weil er mit überhöhter Geschwindigkeit in Gegenrichtung auf der Fürstenrieder Straße fuhr, kam ein 14-Jähriger ums Leben.

Von Isabel Bernstein und Andreas Salch

Im Bruchteil einer Sekunde wurde Max aus dem Leben gerissen. Gerade einmal 14 Jahre war der Schüler alt. Er besuchte das Erasmus-Grasser-Gymnasium in Sendling-Westpark, nicht weit entfernt von der Stelle in der Fürstenrieder Straße, an der er in der Nacht frontal vom Auto eines 35-Jährigen erfasst wurde, der auf der Flucht vor der Polizei war. Es gibt davon ein Video eines Unfallzeugen. Die Aufnahme vom 15. November 2019 zeigt, wie der Junge "regelrecht in die Luft katapultiert" und meterweit über die Fahrbahn geschleudert wurde, berichtete der Leiter der Münchner Mordkommission später. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Eine 16-Jährige, die die Straße im selben Moment wie Max überqueren wollte, touchierte der schwarze BMW. Die Schülerin erlitt eine Beinfraktur.

Am Steuer des Wagens saß Victor B. aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Gegen ihn hat die Staatsanwaltschaft am Landgericht München I jetzt Anklage erhoben - unter anderem wegen Mordes an dem 14-jährigen Max sowie versuchten Mordes an dem Mädchen und drei weiteren Verkehrsteilnehmern.

Laut einer am Freitag veröffentlichten Mitteilung gehen die Behörden davon aus, dass Victor B. vor der Polizei flüchtete, weil er unter dem Einfluss von Kokain- und Alkohol stand. Der 35-Jährige selbst macht bislang von seinem Schweigerecht Gebrauch, wie die Staatsanwaltschaft erklärte. Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat habe B. unter offener Bewährung gestanden; er war wegen Handelns mit Betäubungsmitteln verurteilt worden.

Gegen 23.20 Uhr an jenem Freitag im November vor einem Jahr hatte eine Streife beobachtet, wie B. verbotenerweise mit seinem BMW auf der Landsberger Straße wendete und dabei eine Sperrfläche überfuhr. Als die Beamten ihn aufforderten anzuhalten, raste der 35-Jährige mit mehr als 120 Kilometern pro Stunde in halsbrecherischer Manier davon. Nachdem er in die Fürstenrieder Straße abgebogen war, jagte er mit unverminderte Geschwindigkeit auf der falschen Fahrbahnseite als Geisterfahrer in Richtung Süden weiter. Dabei kamen B. sechs Fahrzeuge entgegen, mit einem Taxi wäre es fast zur Kollision gekommen.

An der Bushaltestelle Aindorferstraße raste der schwarze BMW auf einen MVG-Bus der Linie 168 zu. Kurz zuvor waren vier Jugendliche aus dem Bus ausgestiegen und wollten die Fürstenrieder Straße überqueren. Zwei der Vier hatten Glück, sie entgingen einem Zusammenstoß, ihre 16-jährige Freundin wurde schwer verletzt. Den 14-jährigen Max jedoch erfasste der Wagen frontal. Laut Staatsanwaltschaft hatte der Bub keine Chance, er habe unter anderem eine "nicht überlebbare Ruptur der Aorta" erlitten.

Obwohl durch die Kollision der Fahrer- Airbag und beide Fenster-Airbags ausgelöst wurden, setzte Victor B. seine Flucht in dem BMW ungebremst mit etwa Tempo 120 auf der falschen Fahrspur fort. Dabei musste ihm ein weiterer Pkw ausweichen. Um einen Frontalzusammenstoß zu verhindern, wich dessen Fahrer aus und prallte gegen eine Litfaßsäule. Sie wurde durch die Wucht um fast einen halben Meter verschoben. Erst jetzt, so die Staatsanwaltschaft, habe B. gebremst und sei aus seinem Auto ausgestiegen. Nicht um sich zu stellen: Der 35-Jährige flüchtete zu Fuß in den Westpark, wo ihn mehrere Polizeibeamten stellten. Bei der Festnahme habe B. "massiven Widerstand" geleistet.

In den sozialen Medien war der Polizei später vorgeworfen worden, sie habe Victor B. gehetzt - ein Vorwurf, den ein Sprecher des Präsidiums umgehend verärgert zurückwies. Die Stelle, an der der 14-Jährige Max tödlich verletzt wurde, verwandelte sich kurze Zeit danach zu einem Gedenkort mit einem Meer von Kerzen, Blumen und Kuscheltieren. Auf einem Zettel war zu lesen: "Wir werden dein Lächeln nicht vergessen."

© SZ.de/imei/amm
Zwei Jugendliche von Auto angefahren

Tödlicher Raserunfall
:War es Mord?

Nach dem Unfall an der Fürstenrieder Straße wirft die Staatsanwaltschaft dem Verdächtigen unter anderem niedere Beweggründe und Heimtücke vor. Ein Merkmal reicht, damit eine solche Tat als Mord eingestuft wird.

Von Stephan Handel

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