bedeckt München

München:Rapper mit einer neuen Rolle

David Mayonga kennen viele unter seinem Künstlernamen Roger Rekless.

(Foto: Christian Endt)

Der Münchner Hip-Hopper, Moderator und Buchautor Roger Rekless verkauft das "erste antirassistische Klopapier" und kämpft gegen Diskriminierung.

Interview von Michael Zirnstein

Den Rapper und BR-Moderator Roger Rekless kennen längst viele auch unter bürgerlichem Namen. Als David Mayonga hat der Münchner das Buch "Ein Neger darf nicht neben mir sitzen" verfasst, in dem er anhand seines Beispiels klug analysiert, wie postkoloniale Sichtweisen noch immer die Denkmuster selbst aufgeklärter Deutscher prägen. Auch in seinem neuen Projekt mit der Hamburger Firma Goldeimer kämpft der 39-Jährige gegen Diskriminierung: Via Startnext-Crowdfunding verkauft er 100 000 Pakete "Antirassistisches Klopapier" für den guten Zweck.

SZ: Was reimt sich auf Klopapier?

David Mayonga: Klopapier wird alles ändern, was hier so passiert / Weil Rassismus nicht nur in der Umwelt, sondern auch auf dem Klo passiert / Leute werden lernen und haben jetzt die Chance / deswegen halten wir die Welt mit antirassistischem Klopapier in Balance.

Das flutscht! Ist Ihr Klopapier nun "für'n Arsch" oder gegen Ärsche, also Rechte?

Unser Claim heißt "Rassismus ist für'n Arsch". Als Instagram-Filter ist er abgelehnt worden, weil "Arsch" beleidigend ist.

Sie behandeln das Thema Rassismus sonst sehr tiefgründig. Ist da Klopapier nicht zu flach, also als Witz?

Wir wollten ein niederschwelliges Produkt haben. Klopapier braucht jeder. Auf den Blättern werden wir kleine Infoblöcke platzieren. Bevor du dir also damit den Hintern abwischst, liest du: "Colourism". Und denkst: "Was ist das eigentlich? Aha, die Bevorzugung von Menschen mit heller Haut. Okay, das ist echt für'n Arsch." Man lernt dabei. Und ja, es mag flapsig sein, aber die Arbeit, die wir damit fördern, ist wirklich deep. Der Gewinn geht an die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und das Social Justice Institute in München. Ein leichter Einstieg mit großem Output.

Wer soll auf dem stillen Örtchen aufnahmebereit für Ihr Anliegen sein?

Ich denke an jemanden, der für das Thema nicht sensibilisiert ist, der behauptet: "Ich bin kein Rassist." Vielleicht weil er in den Berichten über "Black Lives Matter" Polizeibrutalität und Beleidigungen gegen Menschen mit anderer Hautfarbe gesehen hat und sagt: "Dafür kann ich nichts." So eine Haltung hilft dem Kampf gegen Rassismus nicht. Und wenn so einer alleine auf dem geschützten Ort sitzt, ihn niemand angreift - "Hey, du musst deine Meinung ändern" - und so auch nicht die Abwehrreaktion aufploppt, kann das bei ihm oder ihr reifen.

Auf Ihrer Crowdfunding-Seite gibt es eine Illustration mit einer "Schwarzen Faust" auf jedem Blatt. Das Symbol wirkt durchaus derb und deplatziert in dem Kontext ...

Das soll doch nur eine gezeichnete Briefmarkenrolle im Bereich Versandkosten sein! Genau darüber haben wir tatsächlich länger diskutiert, ich habe gesagt: Das muss schmaler werden und weniger wie eine Klorolle aussehen, damit nicht irgendwelche Assoziation aufkommen.

In Ihrem Design-Wettbewerb werden nun viele Blätter mit Hakenkreuz einreichen, die man in den Orkus spülen soll. Nur, wer möchte so etwas im WC hängen haben?

Die Hakenkreuz-Assoziation würde sehr schnell aus der Mehrheitsgesellschaft kommen, weil man dort den Rassismus eben zuerst bei den Rechten verortet, in seiner heftigst spürbaren, historisch belegbaren Weise. Aber wir wollen vor allem Künstler der "Black Indigenous People of Colour"-Community hören, da ist die Sicht auf das Thema differenzierter. Darum ist auch unsere große Jury so divers besetzt. Wir müssen einen guten Mix finden: scharf genug, trotzdem intelligent.

Was hat der Hip-Hop-Star Samy Deluxe gesagt, als Sie ihn baten, Klopapier-Design zu beurteilen?

"Logo, Digga, klar, Bro." Die meisten haben ihn als Rapper auf dem Schirm, nicht aber als unfassbar guten Graffiti-Artist bei der Crew 13 aus Osnabrück. Mit den 13ers durfte ich als kleiner Junge eine Wand malen, ich habe mich gefühlt wie ein König.

Es sind schon drei ganze Paletten für 550 Euro geordert worden. Kommt ihnen gerade das Lockdown-Hamstern zugute?

Die Paletten haben Leute geordert, die Firmen oder Bürogemeinschaften versorgen. Wir sind gegen das Hamstern. Schon wenn man 39 Euro spendet, kann man helfen. Dafür gibt es neun Pakete, die man wunderbar verteilen kann. Es naht Weihnachten, wo man mit Verwandten in den Gesprächen unweigerlich das Jahr 2020 aufrollt, da kommt man an der "Black Lives Matter"-Bewegung nicht vorbei und kann sich schön aufschreiben: Tante Erna braucht dringend das Klopapier, und Onkel Ferdi ...

Sie verkaufen das Klopapier auch zusammen mit einer Limonade. Soll nun der Kapitalismus den Rassismus besiegen?

Jein. In unserem Social Business ist das Geld unser Mittel, aber der Zweck ist ein guter. Ich lerne da gerade viel. Als alter Kapitalismuskritiker hatte ich immer Probleme, Geld anzunehmen, wenn ich irgendwo für meine Sache auftreten soll. Aber wenn Leute antirassistische Arbeit leisten, darf man nicht so tun, als wenn das ihr Freizeitspaß ist. Es ist tatsächlich Arbeit, mit Menschen zu diskutieren, die so eine grundsätzlich andere Haltung haben.

© SZ vom 18.11.2020

Musikstreamingdienst Napster
:Gibt's das noch?

Die Musikplattform Napster hatte mal 80 Millionen Nutzer, aber das ist lange her. André Glanz arbeitet bei Napster Germany und sagt: "Wir agieren im Verborgenen."

Von Michael Bremmer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite