Hip-Hop in München:Die Bühne gehört uns

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Hip-Hop in München: Mit acht Jahren bekam er ein Eminem-Album geschenkt - da tat sich für ihn die Welt des Hip-Hops auf. Mit elf schrieb er seinen ersten Text, mit 18 erschien seine erste EP. Inzwischen ist er 28 und stadtbekannt.

Mit acht Jahren bekam er ein Eminem-Album geschenkt - da tat sich für ihn die Welt des Hip-Hops auf. Mit elf schrieb er seinen ersten Text, mit 18 erschien seine erste EP. Inzwischen ist er 28 und stadtbekannt.

(Foto: Catherina Hess)

John Dash hat sich als Rapper einen Namen gemacht. Jetzt will er auch anderen jungen Talenten eine Chance geben. Er findet: Die Münchner sollten sich nicht verstecken.

Von Lisa Miethke

Es ist ein Ort der Begegnung. Normalerweise. John Dash, 28, läuft über das Gelände des Bahnwärter Thiel. Vorbei an Containern und ehemaligen Bahnwaggons. Hier, wo sich sonst Künstler und Alternativliebende tummeln, ist es heute fast menschenleer. Pandemiebedingt. John sitzt auf der leeren Terrasse und raucht eine Zigarette. Die letzten Techno-Partys, Konzerte und Kulturveranstaltungen liegen Monate zurück. John hat eine dieser Veranstaltungen regelmäßig kuratiert. Die "Hip-Hop Open Tracks", eine Eventreihe, bei der junge Szenekünstler auf offener Bühne ihr Talent unter Beweis stellen können.

Auch als Rapper hat sich John längst einen Namen in München gemacht. Er nennt sich John Dash, bürgerlich heißt er John Politz. Nur die großen Streaming-Zahlen bleiben bisher noch aus. Warum also fördert John die Musikkarrieren anderer so bereitwillig vor seiner eigenen? Und so lobenswert das ist - steht er sich damit nicht selbst im Weg?

"Mein Vater hat mir immer gesagt: Du wirst erst glücklich und erfolgreich werden, wenn du etwas für andere tust. Und nicht, wenn du nur was für dich selbst machst", sagt John. Seine Eltern - beide Künstler, beide aus dem Theaterbereich -, seien schon immer Vorbilder für ihn gewesen. Als sich John vor über drei Jahren die Chance bot, im Bahnwärter Thiel eine eigene Eventreihe aufzuziehen, ergriff er sie. Und erlebte schon wenig später, dass hunderte Menschen zu seinen Events erschienen. Sah, wie sich die Stimmung im Publikum aufheizte. "Es war wild und cool", sagt John heute und grinst. Ein Erfolg.

Eine Zeit lang lief es recht gut für ihn. Eigentlich

Man darf es so sagen, John ist ein gutaussehender junger Mann. Blonde Haare, raspelkurz. Blaue Augen, die in der Sonne noch etwas heller wirken als sonst. Und ein breites Lächeln. In letzter Zeit habe er erste Modelanfragen bekommen, erzählt der 28-Jährige. Ob er bald eine Alternativkarriere anstrebe? John lacht. Vielleicht ziehe er es in Betracht, sollte das mit der Musik nicht funktionieren. Er witzelt nur. Der Hip-Hop, die Musik, die Kunst - darauf baut seine ganze Welt auf.

Spricht John über sich, seine Veranstaltungen und die Künstler, die er fördert, merkt man schnell, was ihn antreibt. Als Musiker produziert er bereits seit über zehn Jahren deutschen Hip-Hop. Jedes einzelne Wort klopfe er beim Songwriting ab, sagt John. Auf Ästhetik, Klang und Zeitgemäßheit. Seine Texte lässt das überlegt und tiefgehend wirken. Seine Stimme fließt angenehm melodisch über starke Beats. "Ich konnte das in meinem Leben nicht so ausleben, meine traurige, gefühlvolle Seite", sagt John. Aber: "Musik ist wie eine Übersetzung von Emotionen." Und vielleicht ist es diese Hingabe, die auch erklärt, warum die Events von John so gut funktionieren.

Eine Zeit lang lief es recht gut für ihn. Eigentlich. Er machte Musik. Versuchte, die Münchner Hip-Hop-Szene aufzubauen. Veranstaltete erfolgreiche Events. Bis die Pandemie sie wieder verhinderte. Was nun? John gründete spontan seine eigene Künstlermanagement-Agentur. Zum einen, weil er sagt: "Ich bin in meinem Freundeskreis immer der Typ, zu dem Leute kommen, wenn es etwas zu regeln gibt, oder Probleme." Zum anderen, weil er schon durch die Events gemerkt habe: Was man gibt, kommt auch zurück.

Hip-Hop in München: Sein Studio hat John Dash in einem der Container des Bahnwärter Thiel.

Sein Studio hat John Dash in einem der Container des Bahnwärter Thiel.

(Foto: Catherina Hess)

Hakt man genauer nach, geht es ihm aber noch um etwas Größeres. Nämlich darum, die lokale Musikszene grundlegend zu verändern. "Es hat schon seinen Grund, warum aus München noch niemand wirklich 'fame' ist", sagt John. Was hier fehle? Der Zusammenhalt. Genau dem wollte er mit seiner eigenen Eventreihe von Anfang an entgegenwirken. "Ich würde niemanden einladen, der als Künstler richtig krass ist, aber bei dem es zwischenmenschlich nicht passt", sagt John. "Ich mag diese klassischen Hip-Hop-Events nichts, bei denen es immer um den Ellbogenkampf geht." Stattdessen will er zeigen: Es geht auch anders.

Seinen ersten Zugang zur Musik fand er schon mit acht Jahren. Alles begann mit einem Album. Nein, es waren sogar zwei - "8 Mile" von Eminem, der Soundtrack zum gleichnamigen Film, und "Get Rich or Die Tryin'", das Debütalbum des US-Rappers 50 Cent. Ein Freund von Johns damaligem Kindermädchens schenkte ihm die Alben, erinnert er sich. Ein schicksalhafter Moment. Denn mit den Alben tat sich für ihn eine neue Welt auf - die des Hip-Hops.

"Ich habe es gehört, nichts verstanden, aber ich habe mich einfach verliebt. Und seitdem gibt es für mich nichts anderes", sagt er heute. Damals sei es die "Attitude" gewesen, die ihm gefiel, der "Vibe", der ihn packte und es noch immer tut, aber auch der Schmerz, der im Hip-Hop oft seinen Platz findet. Mit elf Jahren schrieb John seinen ersten eigenen Text. Über ein Mädchen, in das er verliebt war. So weit, so klischeehaft. Später nahm er Songs am Computer mit Headset und Mikrofon auf, mit 16 nahm das Ganze im Studio des Vaters eines Freundes professionellere Züge an. Parallel folgten die ersten Auftritte. Und mit 18 erschien endlich die erste eigene EP, genannt "Schwarze Madonna".

Er bemüht sich, Frauen in der Hip-Hop-Szene eine Bühne zu geben

Und, ja, es gab auch mal eine Zeit, da wollte John wirklich ernst machen. Sich vollkommen auf die Musik konzentrieren. Nach seinem Abitur wagte er den Umzug nach Berlin. Nur merkte er dort schnell: "Hip-Hop ist der neue Rock'n'Roll. Er ist so groß wie noch nie, was richtig schön ist. Gleichzeitig ist es schwierig, sich nur auf musikalischer Ebene durchzusetzen", sagt John.

Es kam der Moment, mit Anfang 20, als er entschied, dass er vom Rap allein nicht leben kann. Dass das ein schöner Traum war, aus dem er jetzt aufwachen musste. Doch anstatt komplett auf die Musik zu verzichten, fand er seine Lösung in der Mitte: Er entschied sich für ein Studium im Musikmanagement. John kehrte nach München zurück, arbeitete während seines Praxissemesters bei Sony. Von den Kontakten und Erfahrungen profitiert er noch heute. Gerade, wenn es um seine Arbeit als Eventveranstalter und Künstlermanager geht.

Letzten Sommer bemühte sich John dann darum, besonders Frauen in der Szene Gehör zu verleihen - über die Female-Open-Tracks, ein Event, das nur für weibliche Künstlerinnen und vierteljährlich im Bahnwärter Thiel stattfinden soll. "Ich wollte einen Safe Space generieren, wo Frauen auf die Bühne gehen und sich einfach ausprobieren können. Wo sie ihre Kunst zeigen können, ohne dass danach Rapper mit 30 Jungs auf der Bühne stehen und sie voll einschüchtern", sagt John heute.

Am Ende des Gesprächs zündet sich John eine letzte Zigarette an. Blinzelt in die Sonne. Rückt die hellblaue Kapuze seines Pullis zurecht. Er hofft auf den Sommer. Darauf, dass seine Events bald wieder Menschen auf einer Bühne vereinen können. Denn: "Es braucht hier noch ein bisschen mehr Identität. Wir sind Künstler aus München und müssen uns nicht vor anderen verstecken."

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