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Prozess am Landgericht:Attacke mit dem Küchenmesser

Alexey B. ist wegen versuchten Mordes angeklagt, weil er nach der Trennung auf den neuen Freund seiner Frau losging. Dieser befand sich mit tiefen Stichwunden im Brustkorb in akuter Lebensgefahr.

Von Susi Wimmer

Vitali S. stockt. Er ist wortkarg, die Vorsitzende Richterin Elisabeth Ehrl muss immer wieder nachbohren, aber der 49-Jährige kann oder will sich nicht erinnern. Er weiß noch, dass da viel Blut gewesen sei, und "wie mir die Notärzte das Hemd aufgeschnitten haben", dann ist alles weg. Dabei wollte Vitali S. an jenem Abend im Januar 2020 mit der Frau, die er vor wenigen Wochen kennengelernt hatte, nur einen netten Abend in ihrer Ramersdorfer Wohnung verbringen. Bis der von ihr getrennt lebende Ehemann auftauchte und Vitali S. aus heiterem Himmel attackierte. Deswegen muss sich der 45 Jahre alte Alexey B. vor dem Landgericht München I nun wegen versuchten Mordes verantworten.

Staatsanwalt Daniel Meindl sieht das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe als erfüllt an. Alexey B. habe die Trennung von seiner Frau nicht akzeptiert und erst recht nicht, dass sie sich einem anderen Mann zugewandt hatte. In der Verhandlung allerdings lässt B. über seinen Verteidiger Nicolas Frühsorger sagen, dass er bis zu diesem Abend am 10. Januar gar nicht gewusst habe, dass seine heutige Ex-Frau Natalia (Namen der Geschädigten geändert) einen neuen Freund hat. Und als er das registriert habe, habe er den anderen aus der Wohnung jagen wollen.

Der 45-jährige Angeklagte soll nach Aussagen seiner Ex-Frau Probleme mit Alkohol und Spielsucht haben. Alexey B. stammt aus Russland, er ist gelernter Maler, machte nach seinen Angaben an der Abendschule das Abitur nach und studierte zwei Jahre Jura. Dann gründete er im Trockenbau eine eigene Firma mit mehreren Angestellten. Irgendwann habe er dann angefangen zu trinken, "und als ich meine Frau 2005 kennenlernte, ist es mehr geworden", erzählt er. Vor allem nach Streitereien habe er getrunken.

Nach einem Suizidversuch 2008 unterzog er sich in Russland einer Therapie. Dort sei sein Körper dreimal täglich mit Injektionen "gereinigt" worden. Dann habe er eine "Mütze" aufsetzen müssen, die Farbsignale ausgesendet habe. Seitdem habe er keinen Wodka mehr getrunken. Dafür sprach Alexey B. dann jedoch dem Bier zu. Das Paar heiratete, drei Kinder kamen zur Welt, bis Natalia B. Anfang 2019 einen Schlussstrich zog. Laut Anklage hatte sie von der Spiel- und Trinksucht sowie von der daraus resultierenden Aggressivität des Angeklagten genug. Doch das Ende war für Alexey B. offenbar nicht so ganz ersichtlich: Wegen der Kinder sah sich das Ehepaar weiterhin, es kam auch zu Intimitäten. Allerdings soll Natalia B. immer deutlich gemacht haben, dass sie mit ihm nicht mehr zusammen sein wollte.

Am Abend des 10. Januar trank sich Alexey B. mit Bier und Wein Mut an, laut seiner Erklärung kaufte er auch eine Rose, schickte seiner Frau Liebesschwüre und fuhr dann ohne Rose zur Wohnung, um sich mit ihr zu versöhnen. Vor der Wohnungstüre ihres Hauses an der Triester Straße habe er Stimmen gehört, daraufhin die Türe aufgebrochen und den neuen Mann gesehen. Es sei zu einem Gerangel gekommen, der andere habe ihn umschlungen, da sei er aufgrund seiner Lungen- und Rückenbeschwerden in Panik verfallen, habe in der Küche das Messer gegriffen und zugestochen. "Er bestreitet eine Tötungsabsicht", sagt Verteidiger Frühsorger. Anschließend habe sein Mandant der Ehefrau das Messer übergeben mit den Worten: "Halt es."

Staatsanwalt Meindl hingegen geht davon aus, dass sich B. das Messer gegriffen hatte, um den Nebenbuhler zu töten. Vitali S. erzählt, man sei während des Gerangels in der Küche auf den Boden im Flur gefallen. Dann habe er plötzlich zwei Schläge am linken Schulterblatt verspürt. Ein Messer habe er nicht gesehen. Erst als Alexey B. aufgestanden und gegangen sei, habe er das Blut registriert - und seine eigene Bewegungsunfähigkeit. Er habe Natalia zugerufen, sie solle die Rettung verständigen, sie habe einen Bademantel auf seine Wunde gedrückt. Dann setzt die Erinnerung aus. Vitali S. erlitt zwei 6,5 Zentimeter tiefe Stichwunden im Brustkorb, es bestand akute Lebensgefahr. Erst nach der Notoperation, so der Geschädigte, sei er wieder zu sich gekommen. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

© SZ vom 15.01.2021/kafe
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