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Podcast "Nahaufnahme":"Bei uns wird auch geweint"

Gewähren ihren Gästen viel Raum für persönliche Anliegen - und geben schon mal Lebenshilfe on air: die beiden Moderatorinnen Esther Diestelmann (links) und Julia Viechtl (rechts).

(Foto: Catherina Hess)

Unter dem Motto "Nahaufnahme" stellen Julia Viechtl und Esther Diestelmann die Macher der Münchner Subkultur vor - mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Schwächen.

Um zu erfahren, was die kreativsten Köpfe Münchens umtreibt, braucht es gar nicht viel: Nur ein schmales, schwarzes Sofa und einen verschrammten Beistelltisch mit ein paar Mikrofonen. Die Einrichtung im Interviewraum von Radio Feierwerk ist schlicht und funktional. Und ein bisschen ramponiert wirkt sie auch. "Shabby", wie Esther Diestelmann und Julia Viechtl sagen würden. Der Ort, an dem die "Nahaufnahme", der Podcast des Jugendkulturzentrums Feierwerk, jeden Monat entsteht, hat selbst viel von dem, was die Münchner Subkultur ausmacht. Irgendwie passend. Denn um deren Macher geht es in der "Nahaufnahme" schließlich.

Seit Anfang 2018 betreiben Viechtl und Diestelmann ihren Podcast. 14 Folgen davon kann man inzwischen im Netz abrufen. Daniel Hahn war schon da, der einen Dampfer zerlegen und wieder zusammensetzen ließ und heute mit der Alten Utting die ausgefallenste Feier-Location Münchens betreibt. Genauso wie der Chef des Szene-Clubs Harry Klein, David Süss. Von ihren Gästen wollen die beiden wissen, was sie antreibt und was ihnen beim Durchhalten hilft. "Wir fragen: Wie oft wolltest du hinschmeißen, und warum hast du es trotzdem durchgezogen?", sagt Diestelmann. Dazu haben sich die beiden Moderatorinen drei Kategorien ausgedacht, zu denen sie ihre Gäste befragen. Zeit, Sein und Laster. Ein lockerer Rahmen, mehr nicht. Denn eigentlich geht es vor allem darum, die Menschen hinter der neuen Platte oder dem neuem Kunstprojekt genauer kennenzulernen.

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Viechtl und Diestelmann sind gut vernetzt in der Münchner Szene. Die eine, Viechtl, hat Geige studiert, spielte lange in einer Indie-Band und hat schon von Berufs wegen den Überblick darüber, was in München musikalisch gerade angesagt ist. Sie leitet die städtische Fachstelle Pop im Feierwerk und fördert Münchner Bands. Die andere, Diestelmann, ist gelernte Journalistin, seit Jugendtagen großer Hip-Hop-Fan und als Chefredakteurin des Radio Feierwerk Herrscherin über die Mikrofone. Bevor es mit dem "Anarcho-Ding", wie Diestelmann den Podcast nennt, losging, haben sich die beiden Moderatorinnen eine Liste mit 30 Namen aus der Freien Szene in München gemacht. Leute, die sie kannten, oder die sie gerne kennenlernen wollten. Seien es nun Szene-Größen wie der Rapper Keno Langbein, dessen Brassband Moop Mama den inoffiziellen Soundtrack Münchens geschrieben hat. Oder Menschen, die eher im Hintergrund wirken. Wie die Veranstalterin des Tunix- und des Garnix-Festivals an der TU München, Alessa Patzer.

"Wir haben gemerkt: Das sind alles sehr zähe Persönlichkeiten", sagt Esther Diestelmann. Wer in München unabhängige Kulturprojekte auf den Weg bringt, bei denen der finanzielle Gewinn nicht im Vordergrund steht, der braucht oft drei oder vier verschiedene Standbeine. So wie Roger Rekless, der kürzlich in der "Nahaufnahme" zu Gast war. Der Münchner Rapper und Moderator spielt nebenher in einer Metal- und einer Jazz-Band und schreibt Bücher. "Wenn du davon leben willst, musst du dich sehr breit aufstellen", sagt Diestelmann, "und den Tanz zwischen städtischer Förderung und eigenen Projekten beherrschen." Von Enttäuschungen und Rückschlägen auf diesem Weg kann fast jeder berichten, der bei Viechtl und Diestelmann auf der schwarzen Ledercouch zu Gast war.

Oft wirkt der Podcast wie ein lockerer Feierabend-Plausch unter Freunden. Das liegt vor allem daran, dass die beiden Moderatorinnen ihren Gästen viel Raum geben, sich im Gespräch zu entfalten, eigene Anliegen einzubringen. "Wie Leute etwas begründen, sagt viel über sie selbst aus", sagt Esther Diestelmann. Im Gespräch mit Keno Langbein fanden die beiden heraus, warum es dem Rapper einmal trotz großem Bemühen nicht gelungen war, eine weibliche Co-Sängerin zu finden: Nur den Refrain zu singen, war den jungen Musikerinnen einfach zu langweilig. Die Südtiroler Schlagzeugerin und Sängerin Maria de Val erzählte davon, wie ihre Eltern mit ihrem Kirchenaustritt umgehen. Und manchmal leisten Viechtl und Diestelmann auch Lebenshilfe on air. Mit dem Sänger der Indieband Kytes, Michi Spieler, sprachen sie über Eitelkeit und seine Sorge, irgendwann einmal Geheimratsecken zu bekommen.

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Und dann gibt es in der Nahaufnahme noch diese Momente, in denen es umschlägt. In denen im Gespräch plötzlich ein sensibler Punkt erreicht wird. Wo etwas, das mit Musik begann, plötzlich beim Geld oder der Gesundheit angelangt ist. Die große Offenheit und Natürlichkeit der "Nahaufnahme" fördert in solchen Fällen mitunter heftige Reaktionen zu Tage. "Bei uns wird auch geweint", sagt Julia Viechtl. So sprach der Rapper Rekless in der "Nahaufnahme" unverblümt über seine Depressionen und wie diese Phasen seine Musik beeinflussen.

"Wir hätten uns nie vorstellen können, ein anderes Format als den Podcast zu machen", sagen die Moderatorinnen. Denn die Intimität, um die es den beiden im Gespräch geht, wird durch das Audioformat begünstigt. Viele Gäste vergessen irgendwann, dass auf dem kleinen schwarzen Beistelltisch im Radio Feierwerk Mikrofone stehen. Und so mancher bereut womöglich später das allzu ehrliche und offene Gespräch: "Unsere Gäste müssen sich öfters mal bei Freunden oder Verwandten für das entschuldigen, was sie bei uns gesagt haben", sagt Julia Viechtl.

Das Konzept Nahaufnahme gelingt auch deshalb so gut, weil die Moderatorinnen auch Privates von sich selbst preisgeben. Etwa den Ärger über die oberlehrerhaften Kommentare, die Julia Viechtl als weibliche Bassistin an einem vermeintlichen Männerinstrument immer wieder zu hören bekommt. "Wir schneiden eigentlich nichts raus", sagt Diestelmann. Außer ein Gast wünsche das ausdrücklich.

Nach jahrelangen eigenen Erfahrungen und vielen Gesprächen mit Kulturmachern gibt es so schnell nichts mehr, das Viechtl und Diestelmann an der Münchner Szene überrascht. Möchte man meinen. Hier kenne jeder jeden, sagen die beiden Moderatorinnen, und ständig müsse sich die Subkultur in München gegen das Klischee wehren, nicht cool zu sein.

Und dann sprachen die beiden für ihren Podcast mit der Veranstalterin Émelie Gendron. Dabei erfuhren sie, warum die Kanadierin aus Montréal mit seiner berühmten freien Musikszene an die Isar gezogen ist: genau, der Münchner Subkultur wegen.

Im Netz zu finden: nahaufnahme.podigee.io, außerdem bei Spotify und iTunes

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