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Verkehr:Was sich für Münchens Radfahrer verbessert hat - und was nicht

Einen Radschnellweg für München fordert der ADFC. In Mühlheim an der Ruhr existiert der mit einem eigenen Logo gekennzeichnete Weg bereits.

Einen Radschnellweg für München fordert der ADFC. In Mühlheim an der Ruhr existiert der mit einem eigenen Logo gekennzeichnete Weg bereits.

(Foto: Jochen Tack/Imago)
  • 2019 haben die Münchner mehr für Radfahrer auf den Weg gebracht, als je zuvor.
  • Bis zum Jahr 2025 will der Stadtrat pro Quartal nun zehn Maßnahmen beschließen, damit die Ziele des Radentscheids umgesetzt werden.
  • Die jüngste Umfrage der Stadt zum Thema Radverkehr zeigt, dass Handlungsbedarf besteht beim Ausbau des Radwegenetzes, bei dem es primär um die Sicherheit geht.

Breite Radwege in der ganzen Stadt, ein Altstadt-Radlring, eine saftige Aufstockung der Finanzmittel für den Radverkehr von zehn auf 25 Millionen Euro pro Jahr: 2019 haben die Münchner mehr für Radfahrer auf den Weg gebracht, als je zuvor. Und wenn auch im Stadtrat inzwischen ein Umdenken zugunsten des Radverkehrs stattgefunden hat, waren es letztlich die Bürger selbst, die mit ihren Unterschriften einen Umschwung in der Verkehrspolitik eingeleitet haben. Die Kommunalpolitik gibt sich seither lernfähig. Bis zum Jahr 2025 will der Stadtrat pro Quartal nun zehn Maßnahmen beschließen, damit die Ziele des Radentscheids umgesetzt werden.

"Es war auf jeden Fall ein gutes Jahr", sagt Andreas Groh. Er ist der Münchner Vorsitzende des Fahrradklubs ADFC. Und als solcher war er einer der Organisatoren und Sprecher der beiden Bürgerbegehren "Radentscheid" und "Altstadt-Radlring", für die die Münchnerinnen und Münchner rund 160 000 Mal unterschrieben haben. Eine Zahl, die Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und der Stadtrat nicht ignorieren konnten und deshalb die Ziele übernahmen. Jetzt geht es an deren Umsetzung - und hier ist die Politik anscheinend auf einem guten Weg, vor allem im Vergleich zu früheren Jahren. Damals, kritisiert Groh, habe die Stadt hauptsächlich die Radwege im Bestand in Schuss gehalten.

Die jüngste Umfrage der Stadt zum Thema Radverkehr zeigt, dass Handlungsbedarf besteht beim Ausbau des Radwegenetzes, bei dem es primär um die Sicherheit geht. 600 Radler hat die Stadt im September und Oktober befragen lassen. Und das Ergebnis ist nicht gerade schmeichelhaft. So hat sich das Sicherheitsgefühl von Radlern in München leicht verschlechtert. Auf die Frage, wie sicher man sich als Radfahrerin oder Radfahrer in München fühlt, liegt der Durchschnitt auf einer Skala von 1 (sehr sicher) bis 4 (unsicher) bei 2,8. Dieser Wert lag bei der letzten Befragung noch bei 2,6. Um die Sicherheit zu erhöhen, wünschen sich die Befragten breitere Radwege und Radwege mit Rotmarkierung sowie eindeutigere Markierungen. Neben der Radinfrastruktur, die weiter verbessert werden sollte, entsteht das Unsicherheitsempfinden aber auch durch ein anderes Verkehrsmittel: Viele Radler sind der Meinung, dass der Autoverkehr zugunsten des Radverkehrs eingeschränkt werden sollte.

Die Tatsache, dass sieben von zehn Radfahrenden Nebenstraßen bevorzugen, legt den Schluss nahe, dass sie sich hier sicherer als in den Hauptstraßen fühlen. Die Radlerinnen und Radler, die schnell und direkt an ihr Ziel gelangen wollen, fahren auf den Hauptstraßen - ihr Anteil ist mit unter 30 Prozent aber geringer.

Fast alle Befragten befürworten den weiteren Ausbau des Fahrradstraßennetzes. Wenige Befragte weisen darauf hin, dass die entsprechenden Regelungen in Fahrradstraßen entweder nicht bekannt seien oder nicht eingehalten würden. Im Fragebogen wurde auch die Meinung der Radelnden zum Rückbau von Radwegen in Tempo-30-Zonen abgefragt. Bei geringen Verkehrsstärken empfehlen Regelwerke das Radfahren im Mischverkehr mit Kraftfahrzeugen auf der Fahrbahn. Die befragten Radlerinnen und Radler zeigten sich hier uneins: 40 Prozent befürworten den Rückbau von Radwegen in Tempo 30-Zonen, 47 Prozent möchten hier auch weiter auf Radwegen fahren.

Die Befragten wünschten sich mehr Radwege, die breiter sein sollen, sowie zusätzliche Radschnellverbindungen. Auch der Wunsch nach verstärkter Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer untereinander wird häufig geäußert. Etwa 84 Prozent gaben an, dass sie ihr Fahrrad in der warmen Jahreszeit täglich nutzen. An klassischen Pendler-Standorten wie an der Arnulfstraße und dem Hirschgarten liegt dieser Prozentsatz sogar noch etwas höher. Von den Leuten, die täglich mit dem Rad unterwegs sind, fährt mehr als die Hälfte auch im Winter jeden Tag. Dabei unterscheidet sich der Erhebungsstandort im Olympiapark stark von den restlichen Standorten: 71 Prozent der täglich Radfahrenden nutzen diese Strecke auch im Winter. 2016 lag hier die Streckennutzung noch hinter den anderen fünf Standorten. Bei den restlichen Standorten geben zwischen 35 Prozent und 56 Prozent der Befragten an, auch im Winter zu fahren.

Die Umfrage fand nach dem Bürgerbegehren statt. Sie zeigt noch einmal, dass sich das Fahrrad immer mehr zum wichtigen Verkehrsmittel im Alltag entwickelt. 18 Prozent beträgt der Anteil des Radverkehrs am sogenannten Modal Split, also der Aufteilung der verschiedenen Mobilitätsformen. Dabei wird das Rad vor allem für kürzere Wege genutzt, gemessen an den gesamten in der Stadt zurückgelegten Kilometern liegt der Radanteil bei nur fünf Prozent.

Radl-Lobbyist Groh sieht, dass die Stadt den Radlern entgegenkommt. Aber auch, dass noch lange nicht der komplette Stadtrat dahinter steht. Die CSU, so sei sein Eindruck, trete jetzt im Wahlkampf verstärkt als Autofahrerpartei auf, indem sie sich gegen einzelne Maßnahmen sträube, obgleich auch sie für die Erhöhung der Nahverkehrspauschale auf 25 Millionen Euro gestimmt hatte. So kritisiert Manuel Pretzl, Zweiter Bürgermeister und Chef der CSU-Stadtratsfraktion, die Radverkehrspolitik der "linken Mehrheit" im Stadtrat als undurchdacht. Vor allem, weil bei einigen Maßnahmen Fahrspuren und Parkplätze für Autos gestrichen werden müssen.

Aus Sicht des ADFC geht es aber genau darum, wogegen sich die CSU so massiv sträubt: Den Platz in der Stadt neu aufzuteilen. Und das geht nach der Meinung von Andreas Groh nicht, ohne dass dies zu Lasten des Autoverkehrs geschieht. Sein Wunsch fürs kommende Jahr wäre deshalb, dass sich schnell etwas tut, sich Stadtrat und Oberbürgermeister klar für den Radverkehr positionieren und man bei der Umsetzung des Radentscheids weiterkomme.

Ganz so klar war die Haltung des Münchner Stadtrats dann allerdings doch nicht, als es in der letzten Plenarsitzung vor der Weihnachtspause um die ersten konkreten Maßnahmen zur Umsetzung der beiden Rad-Bürgerentscheide ging. Das Paket, das den Altstadt-Radlring ebenso umfasst wie die Schwanthaler-, Brienner und Lindwurmstraße, ging zwar nach langer und heftiger Debatte durch. CSU, FDP, Bayernpartei und die rechtsradikale BIA stimmten aber dagegen. "Ideologische Straßen-Umverteilung" attestierte die Bayernpartei den radlerfreundlicheren Fraktionen im Rathaus, die CSU zweifelte am Sinn des Radlrings, der ja eine Art Altstadt-Umfahrung nach Muster des Autoverkehrs darstellt. Man müsse mehr tun, findet auch Pretzl. Aber nicht so.

© SZ vom 02.01.2020/kbl
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