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Sport in München:"Beim Quidditch geht es deutlich mehr zur Sache als beim Fußball"

Der Stock muss stets zwischen den Beinen klemmen, was durchaus eine Herausforderung ist.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Beim Ligafinale in München wird deutlich: Quidditch ist mehr als das Nachahmen von Zauberern auf Besen. Während des Spiels wird hart gekämpft, danach ist die Stimmung herzlich.

Letzte Minute der regulären Spielzeit, Münchner Wolpertinger gegen Münster Marauders, Spielstand 60:60. Im wichtigsten Aufeinandertreffen der Vorrunde geht es um den Gruppensieg und um die Chance, das Turnier zu gewinnen. Um die hundert Zuschauer stehen und hocken an der Auslinie, einer hat eine Trommel dabei, eine Fahne wird geschwenkt. Zeit für den absurden Höhepunkt dieser Sportart: Beim Quidditch wird in der 18. Minute der Schnatz eingewechselt. Ein neutraler Spieler, der hinten am Hosenbund eine Socke mit einem Tennisball hängen hat. Diese Socke ist nun das Objekt der Begierde der Münsteraner und Münchner.

Wer sie schnappt erhält 30 Punkte und beendet das Spiel.

Es läuft das Saisonfinale der 20 besten Teamms aus den sechs deutschen Quidditch-Regionalligen. Über dem Gelände des PSV München in Moosach strahlt die Sonne, und auf dem Spielfeld schwitzen junge Männer und Frauen. Quidditch stammt aus der Feder der Romanautorin Joanne K. Rowling, hat die literarische Harry-Potter-Welt aber 2005 verlassen. Beim Spiel sieben gegen sieben auf einem Kleinfeld geht es ruppig zu, es sind Elemente aus Rugby, Handball, Völkerball und Basketball zu erkennen. Gespielt wird mit drei Bällen, einem Stock zwischen den Beinen - und einer Socke. Wohl auch deshalb wird Quidditch bisweilen belächelt. Wogegen sich die Verfechter der Sportart wehren.

Die Gruppenphase ist im Gange, und für Christian Plesker und sein Team Darmstadt Athenas läuft es alles andere als rund. Zwei Spiele, zwei Niederlagen. "Das Team ist im Umbruch, das spürt man", sagt er. Plesker ist 25 Jahre alt, coacht Darmstadt und ist Cheftrainer der Deutschen Quidditch-Nationalmannschaft. Seine Karriere als Sportler: acht Jahre Handball und Triathlon, zwölf Jahre Tischtennis. "Als mir mein Arbeitskollege Quidditch gezeigt hat, habe ich ihn ausgelacht", sagt Plesker. Dann habe er genauer hingeschaut. "Es ist nicht wie beim Fußball, dass man mit den gegnerischen Spielern quasi verfeindet ist", erklärt er. Pöbeleien, Unfairness, "das gibt es hier so gut wie nicht". Und so wurde aus dem Handballspieler der Mann, der mit Deutschland 2020 zur Quidditch-Weltmeisterschaft in die USA fliegt.

Ein Jubelschrei vom Nebenplatz. Der Sucher der Münchner Wolpertinger hält den Tennisballsocken in der Hand. Münster ist besiegt, Vorjahressieger München ist auf gutem Weg Richtung Titelverteidigung. Die 15 Männer und Frauen haben Heimvorteil und einen eigenen Fanklub, der es sich auf einem Hügel bequem gemacht hat. Die Quidditchspielerin Kathrin hingegen hatte eine weite Anreise. Die 26-Jährige kommt aus Bingen in Rheinland-Pfalz und hilft als Volunteer am Stand der Turnierleitung. Ihr Team, die Binger Beasts, haben sich nicht qualifiziert, dennoch wollte sie hier dabei sein. Kathrin bezeichnet sich als nonbinary, "ich identifiziere mich weder mit dem männlichen noch mit dem weiblichen Geschlecht", sagt sie. Und damit ist sie nicht alleine hier in Moosach, wo eine Gruppe mit pinken Shirts eine Regenbogenflagge schwenkt. Eine Spielregel besagt, dass beim Quidditch maximal vier Spieler eines Geschlechts auf dem Feld stehen dürfen, "nonbinary" wird dort als eigenes Geschlecht definiert. Außerhalb der Quidditch-Gemeinschaft stoße sie bisweilen auf Unverständnis, sagt Kathrin. "Hier sind alle total entspannt."

Spiel vier für die Münchner Wolpertinger beginnt mit einem Schock. Nach einem Crash vor den gegnerischen Toren muss einer ihrer Angreifer mit der Trage vom Feld. Notärztin Birgit Wahl aus München berichtet von Kopfplatzwunden, Rippenprellungen, Knietraumen und Sprunggelenkverletzungen, am Samstag gab es 30 Fälle, die behandelt werden mussten. Unterstützt wird die Ärztin von Stefan Preisenhammer und seinen 16 Kollegen vom Malteser Hilfsdienst Erding, die öfter für Sportveranstaltungen angefragt werden. "Beim Quidditch geht es deutlich mehr zur Sache als beim Fußball", sagt Preisenhammer.

Höhepunkt eines Spiels ist, wenn in der 18. Minute der "Schnatz" eingewechselt wird - ein neutraler Spieler, der eine Trophäe am hinteren Hosenbund trägt.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Als Quidditch erfunden wurde, rannten die Spieler tatsächlich noch mit Besen übers Feld. Mittlerweile klemmt dort ein genormter Kunststoffstock. Seit der WM 2016 in Frankfurt ist die Sportart stark gewachsen. Vor drei Jahren gab es bundesweit zehn Teams, nun sind es um die 50.

Auch Spiel vier der Wolpertinger gegen Karlsruhe ist umkämpft, auf dem Rasen kracht und rumpelt es wie bei einem Rugbymatch. Wieder gewinnt München, doch mit dem Abpfiff liegen sich alle in den Armen. Die Verlierer singen und tanzen dem Gruppensieger ein Ständchen - und dann umgekehrt. Trotz der harten Gangart fühlt es sich an, als läge ein Zauber über diesem Finalwochenende, wo Halbprofis mit gestählten Muskeln antreten und Hobbysportler mit Bierbauch.

Dexie Cercos aus San Diego und Paulina Busch aus Starnberg sind ohne Bierbauch unterwegs, was durchaus Vorteile hat, vor allem wenn man so unerfahren ist wie die beiden. Die 19-jährige Busch fing vor drei Monaten an und warb kurz darauf die aus Kalifornien zugezogene Dexie Cercos, 25, an. Nun spielen beide mit den Wolpertingern beim European Cup mit - der Champions League des europäischen Quidditchs.

Am 20. und 27. Oktober laden die Münchner Wolpertinger im Englischen Garten zu Schnuppertrainings ein. Treffpunkt ist jeweils um 15.30 Uhr am Milchhäusl.

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