Der 11. März 2020 war der letzte Abend unmittelbar vor Ausbruch der Corona-Pandemie, an dem noch Konzerte mit Publikum in Sälen mit unter 1000 Menschen stattfinden durften. Das Quatuor Ébène war da im nicht ganz ausverkauften Herkulessaal mit seinem Beethoven-Zyklus gerade beim zweiten, umjubelten Abend zum 250. Geburtstag angekommen und musste das Projekt nun auf Eis legen.
Zwischenzeitlich erschien eine Box mit „Beethoven around the World“, eine Gesamtaufnahme der Quartette in Liveaufnahmen von 2019 aus sechs Kontinenten: Philadelphia, Wien, Tokyo, São Paulo, Melbourne, Nairobi und Paris, quasi das Trostpflaster für die ausgefallenen Konzerte und von manchem Kritiker als neue Referenz genannt.
Jetzt beginnt am 1. März ein erneuter Live-Zyklus im Prinzregententheater mit allen Beethoven-Quartetten – diesmal zu seinem 200. Todestag im Jahr 2027 –, allerdings nicht mehr mit Rafael Merlin als Cellisten, sondern mit Yuya Okamoto. Der 1994 geborene Musiker aus Tokyo studierte von 2013 an an der Münchner Musikhochschule, unter anderem bei Wen Sinn Yang und Julian Steckel, machte da auch seinen Abschluss.
Dass er nicht nur irgendein Ersatz für den einst das Quartett als Mastermind und Primus inter pares führenden Merlin ist, machte schon ein Konzert im Bosco in Gauting deutlich, als er noch „auf Probe“ im Quartett mitspielte. Da setzte der 31-jährige Japaner der Nüchternheit des Musizierens der anderen drei eine nobel vibrierende Gestik entgegen und war auch bei Schuberts letztem G-Dur-Quartett so faszinierend indirekt zugange und doch so enorm präsent, als wäre sein Spiel nicht von dieser Welt.
Wer geglaubt hatte, das Quatuor Ébène sei schon seit dem Weggang von Mathieu Herzog als Bratscher nicht mehr dasselbe und hätte an Qualität verloren, da für ihn zunächst zwischen 2014 und 2017 Andrien Boisseau und seither Marie Chilemme gekommen war, der wird jetzt erst recht Lügen gestraft. Denn das 1999 gegründete Quartett mag anders geworden sein – doch was die enorme Präzision, die Radikalität der Kontraste und die stupende Musikalität angeht, hat es seit 2004 nichts verloren.
Damals gewannen die Musiker überragend den ARD-Musikwettbewerb und gehörten fortan zur Weltspitze der Streichquartett-Formationen, die derzeit einen Boom erlebt. Und wer sie einmal bei ihrem Unterricht an der Münchner Musikhochschule erlebt hat, wenn sie Kammermusik lehren, der weiß auch, dass und wie sie das der nächsten Generation vermitteln: streng, aber enorm anschaulich und suggestiv die Fehler benennend. Doch noch brauchen sie Konkurrenz angesichts der Vielzahl jüngerer Quartette nicht zu fürchten, zumal ihre Jazz- und Pop-Zugaben nicht nur bei den Jüngeren großen Erfolg haben.
Am Sonntag, 1. März spielt das Quatuor Ébène im Prinzregententheater zum Auftakt seines Zyklus Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 2 G-Dur op. 18/2, das Quartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 und Nr. 16 F-Dur op. 135. Die fünf weiteren Konzerte finden ebenfalls im Prinzregententheater statt: am 18. Mai, 8. November, 9. Februar, 7. März und 1. Juni.


