Prozess in München:Barkeeper mit Krawatte stranguliert - weil EC-Karten-Zahlung nicht möglich ist

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Vor der Bar spielte sich das brutale Geschehen ab, wegen dem sich ein Paar jetzt vor Gericht verantworten musste. (Foto: Robert Haas)

Ein Paar rastet vor der Promi-Bar Pusser's komplett aus und geht auf einen Mitarbeiter los. Auch Polizisten werden angegriffen. Vor Gericht versuchen sie zu erklären, wie es dazu kam.

Von Susi Wimmer

"Dieses Bild werde ich nie mehr aus meinem Kopf bekommen", sagt Barbetreiber David D. Dann zieht er eine Krawatte aus einem Stoffbeutel und führt recht anschaulich vor, wie Daria B. seinen Mitarbeiter von hinten "wie ein Henker" stranguliert hatte. Die 24-Jährige und ihr gleichaltriger Freund waren vor gut einem Jahr in der Promi-Bar Pusser's regelrecht ausgeflippt - weil man dort nicht mit EC-Karte bezahlen konnte.

Daria B. hat versucht, den Barkeeper mit Fäusten zu traktieren, als dieser vor dem Lokal zu Boden ging, packte sie von hinten seine Krawatte, stützte sich mit ihren Beinen an seinen Schultern ab, und zog zu. Anschließend ging sie auf einen Polizisten los, versuchte auch diesen zu würgen und beschimpfte alle Beteiligten aufs Übelste.

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Jetzt sitzt die Frau neben ihrem Freund auf der Anklagebank im Amtsgericht München, die Haare zurückgebunden, im langärmeligen Rolli, nur an den Fingern, die herausschauen, erkennt man etliche Tatoos. "Sie geht davon aus, dass alles stimmt, aber sie kann sich nicht erinnern", sagt ihr Anwalt Michael Adams. "Ich war stark alkoholisiert, hatte einen Blackout", erzählt sie Richter Martin Schellhase. Auch Verteidiger Alexander Eckstein räumt für seinen Mandaten die Tat ein.

Im Februar 2022 weilte das Pärchen aus Bremen auf Urlaub in München. An besagtem Tag war man im Hofbräuhaus essen, "ich hatte vier Maß", behauptet Jonathan B. Gegen 21.30 Uhr ging man ins Pusser's, eine Cocktailbar in der Falkenturmstraße, in die auch gern mehr oder weniger Prominente einkehren. Dort flossen Whiskey und Cocktails, aber als es ans Zahlen ging, kippte die Stimmung. Der Barkeeper wies darauf hin, dass man nur bar oder mit Kreditkarte zahlen könne. Daria B. bot an, zu einem Bankomaten zu gehen und ihren Freund als Pfand zu hinterlassen. Andere Gäste lachten, Daria B. sagte zu einem: "Wenn Du nicht aufhörst, dann klatsch' ich dir eine!" Das sei das Letzte, an das sie sich erinnern könne.

Die Angeklagte griff danach noch Polizeibeamte an

Der Streit hatte sich inzwischen vor die Bar verlagert und dort griff Daria B. den Barkeeper an, wie er bei der Polizei erzählte. Dann schlug auch ihr Freund zu, der Barkeeper stolperte nach hinten, kippte um. Jonathan B. trat ihn mit Füßen, während seine Freundin die Krawatte griff. Erst als mehrere Zeugen dazukamen, gab das Pärchen Ruhe. Dafür ging Daria B. noch die Polizisten an, griff einem an den Hals und biss ihn in den behandschuhten Finger. Vor dem Pusser's und in der Verwahrzelle schlug B. ihren Kopf gegen die Wand und kam in eine psychiatrische Klinik.

Laut Rechtsmedizinerin hatte Daria B. etwa 1,6 , ihr Freund 1,05 Promille Alkohol im Blut. Sie nehme Antidepressiva, rauche Marihuana - und bei ihr sei eine Borderline-Störung diagnostiziert worden, sagt die junge Frau. Beide haben etliche Ausbildungen abgebrochen, sind arbeitslos und leben von Bürgergeld.

Richter Schellhase verurteilt sie zu je einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung. "Was Sie geritten hat, ist mir schleierhaft", sagt er. Und: "Sie haben kein Geld, aber Zeit." Deshalb müssen sie 120 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten, "als Denkzettel", sagt der Richter. Beide wollen das Urteil annehmen.

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