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Übergriff im Englischen Garten:"Der letzte Hilfeschrei war eher geflüstert"

Der Angeklagte versuchte im Dezember 2019 eine Ärztin im Englischen Garten zu vergewaltigen, brach ihr dabei eine Rippe und würgte sie. Beim Prozess bedroht er sein Opfer - und muss gefesselt werden.

Von Susi Wimmer

Helena A. ist von Beruf Ärztin, und ihre pragmatische Art hat ihr sicher geholfen, das Geschehene zu verkraften: Dass ein Fremder sie im Dezember 2019 im Englischen Garten vergewaltigen wollte, ihr eine Rippe brach, sie würgte und dass sie in Todesangst um ihr Leben kämpfte. Psychisch, sagte sie am Freitag vor dem Landgericht München I, habe sie alles gut verarbeitet. Bis zu diesem Tag: Denn der Angeklagte Nicolae C. beschimpfte und bedrohte die 69 Jahre alte Frau vor Gericht so massiv, dass die Sitzung unterbrochen und der 45-Jährige gefesselt werden musste. Sein Verhalten trug dazu dabei, dass die achte Strafkammer ihn wegen Vergewaltigung und Körperverletzung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte.

Helena A. (Name geändert) trägt ihr blondes Haar am Hinterkopf geflochten, mit aufrechter Haltung nimmt die große, schlanke Frau auf dem Zeugenstuhl Platz. Keine drei Meter von ihr entfernt sitzt Nicolae C. und mustert sie. Sie erzählt von dem Abend des 5. Dezember, als sie auf dem Heimweg mit ihrem Hund an der Surferwelle links Richtung Teehaus abbog, um dem Terrier noch etwas Auslauf zu gönnen. Dort sprach sie C. auf Englisch an. "Ich hielt ihn für einen Touristen, mit seinem Rucksack", sagt sie. Sie ging weiter, "es war etwas neblig", da bemerkte sie, dass jemand hinter ihr war. C. überholte, stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor sie und rief "Bussi, Bussi". Dann riss er sie zu Boden, lag mit seinem massigen Körper auf ihr, hielt ihre Arme fest.

"Ich hab das nicht realisiert", erzählt sie, "ich bin eine Großmutter, das war alles so surreal." Die 69-Jährige berichtet von ihrem Kampf, den Täter abzuwehren, als er ihr mehrfach die Zunge in den Mund steckte und sie zubiss. Wie sie sich wehrte gegen seinen Versuch, ihre Hose zu öffnen, sein Würgen, das aufgrund ihres dicken Schals misslang. "Ich habe so lange gekämpft, wie ich konnte." Ihr Enkel hatte gerade in der Schule einen Selbstverteidigungskurs, und sie erinnerte sich: Laut um Hilfe rufen, den Täter siezen. "Ich bin eine kranke Großmutter", schrie sie ihn an, "lassen Sie mich los".

Doch ihre Kräfte schwanden, "der letzte Hilfeschrei war eher geflüstert". Aber er war laut genug, um einen Zeugen weiter in ihre Richtung zu lotsen, der als Wachmann im US-Konsulat Dienst hatte. Nicolae C. habe bei seinem Anblick schließlich von ihr abgelassen, sie konnte zum Haus der Kunst flüchten. "Ich hatte großes Glück. Das war ein Todeskampf."

Nicolae C., der immer wieder dazwischengeredet hatte, wird nun lauter und beschimpft auf Rumänisch die Zeugin als "Lügnerin". Die Sitzung wird unterbrochen. Danach wird Nicolae C. vorgeführt mit einem dicken Gürtel, an dem vor seinem Bauch die Handschellen befestigt sind. Trotz mehrmaliger Ermahnung schreit C. weiter. "Wenn ich heute entlassen werde, weiß ich, was ich machen werde", droht er der Frau. Er werde ihr "eine Einladung" schicken. "Wenn Sie nicht ruhig sind, fliegen Sie raus", sagt die Vorsitzende Richterin Birgit Popp-Lossau. "Ich fliege nicht, ich gehe zu Fuß", raunzt der Angeklagte. Und dann erklärt die Richterin, dass man C. kurz habe reden lassen, damit sich die psychiatrische Sachverständige ein Bild machen könne. Susanne Pechler bescheinigt Nicolae C. volle Schuldfähigkeit, er habe zwar Probleme mit der Impulskontrolle, aber nicht im Sinne einer Störung. Und er zeige ein präoperationales Denken wie Dreijährige: "Ich will, dass es so ist, dann soll es auch so sein."

Darauf stützt Verteidiger Jürgen Hadinger sein Plädoyer, "mein Mandant kann nicht anders, als das Geschehen anders darzustellen", und fordert drei Jahre und acht Monate Haft. "Ich sage nichts mehr, ich gehe zurück nach Rumänien", meint C. am Ende - was nun wohl warten muss. Helena A. verlässt das Gericht und sagt: "Jetzt habe ich Angst."

© SZ vom 12.09.2020/huy/mmo

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