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Prozess:Tritte nach der Essensausgabe

Der psychisch kranke Angeklagte soll einen 81-Jährigen schwer verletzt haben, weil dieser sich nach der Ausgabe eines gemeinnützigen Vereins in der Innenstadt bekreuzigt und die Helfer mit einem Kreuzzeichen "gesegnet" hatte.

Von Susi Wimmer

Streitereien und Handgreiflichkeiten können oft aus den nichtigsten Anlässen entstehen und dann vor Gericht enden: ein schräger Blick, ein falsches Wort, ein Missverständnis. Im Fall von Todor T. war es schlichtweg die Tatsache, dass Nikola T. sich nach der Essensausgabe eines gemeinnützigen Vereins in der Innenstadt bekreuzigt und die Helfer mit einem Kreuzzeichen "gesegnet" hatte. Das anschließende Ausrasten von Todor T. war alles andere als christlich und vermutlich einem akuten psychotischen Schub zuzuschreiben: Er streckte den 81 Jahre alten Mann laut Anklageschrift mit einem Faustschlag nieder und trat mindestens drei Mal mit voller Wucht gegen den Kopf des Wehrlosen. Die erste Strafkammer am Landgericht München I wird nun entscheiden, ob der 46 Jahre alte Todor T. wegen Allgemeingefährlichkeit für längere Zeit in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird.

Versuchter Totschlag ist angeklagt vor der Schwurgerichtskammer, denn Staatsanwältin Johanna Heidrich erklärte in ihrer Antragsschrift, dass Todor T. den Tod des Älteren billigend in Kauf genommen habe. An dem Sonntagabend, es war der 19. April vergangenen Jahres, hatte sich der obdachlose Todor T. wie schon oft bei dem Verein "Schwestern und Brüder des Heiligen Benedikt Labre" am Rossmarkt angestellt, um sich ein kostenloses Essen und Tee zu holen. Der gebürtige Bulgare war 2016 nach Deutschland gekommen, weil er gehofft hatte, "durch das Sozialsystem hier besser überleben zu können". Aber er habe die Sprache nicht beherrscht, "und das ist mir zum Verhängnis geworden", glaubt er.

An besagtem Abend stand T. in der Essensschlange und traf dort seinen Landsmann Nikola T. Gleich nach der Essensausgabe entbrannte ein Streit wegen des Kreuzzeichens und Helfer des Vereins versuchten zu schlichten. Nikola T. entfernte sich zu seinem abgestellten Rollkoffer, der andere folgte ihm und es kam zum Gerangel. Anschließend trat T. mit seinen schweren Arbeitsschuhen wuchtig gegen den Kopf des alten Mannes. Das Opfer erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, Blutungen im Kopf, diverse Brüche im Gesicht sowie Platz- und Risswunden. Er kam auf die Intensivstation einer Klinik.

Eigentlich wäre Nikola T. am Montagnachmittag zum Gerichtstermin geladen gewesen, der Brief sei aber als unzustellbar zurückgekommen, sagt die Vorsitzende Richterin Elisabeth Ehrl. Denn auch Nikola T. hatte in München auf der Straße gelebt. Nach Ermittlungen der Mordkommission habe man ihn nun in Bulgarien ausfindig machen können. Da der 81-Jährige gesundheitliche Probleme habe, sei mit seinem Erscheinen nicht zu rechnen. Staatsanwältin Johanna Heidrich und Verteidigerin Isabella Komm einigten sich darauf, dass die Videovernehmung des Geschädigten in der Verhandlung gezeigt und verwertet werden könne. Die Staatsanwaltschaft hatte die Aussage von Nikola T. vorsorglich schon per Video dokumentiert.

Todor T. will sich zu der Tat noch nicht äußern. Er erzählt aus seinem Leben und anfangs klingt noch alles normal. Seine Kindheit in Bulgarien, dann seine Jobs in der Gastronomie und als Kurierfahrer in Tschechien und Italien. Dann kommen Sätze wie "Ich wusste nicht, dass in Deutschland so viele Gefahren lauern". Oder: "Hier werden die dunklen Seiten des Menschen stärker kontrolliert". T. ist derzeit in Haar untergebracht. Ob ihm die Medikamente helfen, fragt Richterin Ehrl. "Eher nicht", antwortet T. Er sei auch der Meinung, dass er kein Problem mit Alkohol habe, trotz seines üppigen Whisky-Konsums. Pläne für seine Zukunft habe er nicht. Aber er würde gerne in Deutschland bleiben, "hier habe ich mich freier gefühlt". Wann sich T. wieder in Freiheit befinden wird, entscheidet das Gericht Mitte März.

© SZ vom 02.03.2021/syn
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