Prozess in München:Gericht verhandelt Messer-Attacke auf Zehnjährigen

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Vor der ersten Strafkammer gesteht ein 58-Jähriger die Tat. Er ist seit Jahren psychisch krank. Sein Opfer leidet bis heute an den Folgen des Angriffs in einem Kaufhaus in der Innenstadt.

Von Susi Wimmer

Die Worte klingen klar und strukturiert, sie versuchen, das Unfassbare zu fassen: Barbara L. sagt, es sei wie in einem Film gewesen. Geflashed, alles in Zeitlupe. "Was ist hier gerade los?", habe sie gedacht, während sie in einem Kaufhaus in der Münchner Innenstadt auf dem Boden saß und ihrem zehnjährigen Sohn eine schier endlos blutende Wunde am Hals zuhielt. Sie hatte nicht mitbekommen, wie der damals 57-jährige Daniil F. (alle Namen geändert) kurz zuvor an der Rolltreppe wahllos den Buben gegriffen und ihm mit einem Küchenmesser mehrere Schnitt- und Stichverletzungen zugefügt hatte. Wegen versuchten Mordes steht der Mann nun vor Gericht. Die erste Strafkammer am Landgericht München soll entscheiden, ob der unter paranoider Schizophrenie leidende Daniil F. dauerhaft in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht wird.

"Der angeklagte Sachverhalt ist richtig, es tut ihm leid", übermittelt Rechtsanwalt Peter Weitzdörfer zum Prozessauftakt die Aussage seines Mandanten. Daniil F. sitzt aufrecht im blauen Trainingsanzug auf dem Stuhl, hebt den Kopf, als die Pressefotografen ihn ablichten. Als Richterin Elisabeth Ehrl nach seinen Personalien fragt, erklärt er, er sei staatenlos. Er sei in der ehemaligen UdSSR geboren, in der heutigen Ukraine. Aber mit seiner Heimat will er nichts zu tun haben. Im Gegenteil. Er habe befürchtet, er würde dorthin entführt und mit einer Todesspritze umgebracht.

Als der Angeklagte die Medikamente absetzte, brachen Wahnvorstellungen durch

Daniil F. ist seit Jahrzehnten psychisch krank, lebte in einer therapeutischen Wohngemeinschaft und erhielt eine antipsychotische Depotspritze. Im Frühjahr 2020 setzte er alle Medikamente ab und zog sich zurück. Im Sommer 2021 brachen dann die Wahnvorstellungen durch. F. fühlte sich bedroht und trug immer in einer Tüte ein langes Küchenmesser mit sich. Am 6. November wollte er sich am Marienplatz gegen Corona impfen lassen, drehte aber wieder ab, weil er glaubte, man wolle ihn mit der Spritze töten. Gegen 18 Uhr saß er in der Fußgängerzone in der Kirche St. Michael. Allerdings, so erklärte F., habe der Pfarrer mit russischem Akzent gesprochen, was sein Gefühl der Bedrohung verstärkt habe. Gegen 18.30 Uhr ging F. in das Geschäft TK-Maxx, und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft suchte er in seiner "wachsenden Verzweiflung und Anspannung" ein Opfer.

Familie L. war dort gerade beim Einkaufen. Der zehnjährige Felix und sein Bruder spielten an der Rolltreppe im zweiten Stock, die Eltern wollten kurz in die Küchenabteilung, nur ein paar Schritte entfernt. "Ich hörte einen Hilfeschrei", erzählt die Mutter, sofort sei sie losgerannt. Felix saß auf dem Boden, überall Blut. Sie habe ihn gestützt, eine Wunde am Hals abgedrückt. "Ich habe gedacht, dass er stirbt." Felix habe die Augen verdreht, sie habe auf ihn eingeredet, "damit er da bleibt". Sie dachte, der Bub habe sich beim Spielen an der Rolltreppe verletzt. Erst als der Notarzt da war, seine Kleidung aufschnitt, und man die vielen Verletzungen an Hals, Schulter und Händen sah, war ihr klar, dass er attackiert worden war. Passanten hatten Daniil F. nach dem Angriff entwaffnet und fixiert.

Bis heute leidet Felix unter massiven Ängsten. Er wurde dreimal operiert, weitere Operationen stehen noch aus. Durch die Abwehrbewegungen wurden seine Hände so schwer verletzt, dass deren Mobilität bis heute eingeschränkt ist. "Das wird ihn ein Leben lang begleiten", sagt seine Mutter. Der Prozess dauert an.

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