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Amtsgericht:Zweimal zugeschlagen

Taekwondo-Trainer wegen Körperverletzung verurteilt

Von Susi Wimmer

"Es fühlt sich an, wie wenn meine Kindheit nicht meine. . .", setzt Marc R. (Name geändert) an. Dann bricht er ab. Zehn Jahre alt sei er gewesen, als er erstmals in das Taekwondo-Training ging. Die Europäische Schule hatte den Kurs des externen Trainers als Nachmittagsprogramm angeboten. Marc R. sagt heute, der Trainer habe mit der Zeit begonnen, sich in sein Leben zu mischen, ihn und andere zu manipulieren. "Er fing an, das wie eine Sekte aufzuziehen". Zweimal, so zeigte Marc R. nun als Erwachsener an, habe der Trainer auch zugeschlagen. Wegen Körperverletzung wurde der 34 Jahre alte Mann deshalb am Mittwoch vom Amtsgericht zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

Im Vordergrund sollten eigentlich die Körperverletzungsdelikte stehen: Eine kräftige Ohrfeige vor der Gruppe und ein Zusammenschlagen bei einem Spaziergang im Park. Doch als Stefan Nickels in den Zeugenstand tritt, nimmt die Geschichte der Schüler eine ganz andere Dimensionen an. Nickels ist vom Kommissariat 105, und dort zuständig für "Sekten, Okkultismus und Extremismus". Er erzählt, dass im vergangenen Jahr viele Familien auf ihn zugekommen seien. Familien, die ihre Kinder quasi verloren hätten. "Es ist schön, wenn man sein Kind noch bei Aldi sieht, da weiß man, dass es noch lebt", habe eine Mutter zu ihm gesagt.

Die Heranwachsenden gingen alle zu dem gleichen Trainer. Von da an, so wurde dem Kriminalhauptmeister berichtet, hätten sie sich verändert und von den Eltern distanziert. Der Mann bot nicht nur Training an, sondern auch "Sprechstunden" am Samstag, bei denen er mental auf die Schüler einwirkte. Marc R. etwa sollte zu ihm ziehen, damit er "ein besserer Mensch" werde. Ohne Handy und untergebracht in einem Raum mit Matratze sollte er in sich gehen. "Völlig aufgelöst, tränenüberströmt und hilflos", so schildert eine Heilpraktikerin den Zustand des damals 18-Jährigen, als er in ihre Praxis kam. Er habe dort gewohnt, "um seine Strafe zu erhalten", zitiert sie den jungen Mann. Als Sporttrainer sei der Mann eine wichtige Person für Marc R. gewesen. Der Trainer habe ihm Lügen und Manipulation vorgeworfen. "Haben Sie denn gelogen", habe sie gefragt. "Es wird mir gesagt", habe R. geantwortet. "Und wenn das stimmt, muss ich an mir arbeiten."

Heute fühlt sich Marc R. "befreit". Nach Jahren hatte sich auch die Europäische Schule von dem Trainer distanziert und keine Räume mehr für seine Übungseinheiten zur Verfügung gestellt. Er wohnt heute bei drei jungen Leuten aus der damaligen Gruppe. Die Richterin warf ihm vor, seiner Verantwortung gegenüber den jungen Menschen nicht gerecht geworden zu sein. Sie hatte keine Zweifel an den beiden Körperverletzungen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

© SZ vom 22.10.2020
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